Mittelalterliches Rätsel

Heute lösen die Menschen in der S-Bahn ein Sudoku, um ihre Kombinationsfähigkeit zu trainieren. Im Mittelalter enträtselten die Leute das immense Bildprogramm der katholischen Kirche, zu dem neben Bibelgestalten und Heiligen auch weltliche Fabelwesen gehörten. Für ihren «verschlossenen Garten» stützte sich die Schöpferin des wertvollen Bildteppichs aus der Kapelle im Ried, im heutigen Kanton Schwyz, auf die frühchristliche Naturlehre «Physiologus». Sie besagt, dass ein Einhorn nur durch eine Jungfrau gefangen werden kann. In der der christlichen Interpretation ist Maria die Jungfrau und ihre Berührung des Horns verweist auf die unbefleckte Empfängnis.

Das herauszulesen war zwar anspruchsvoll, dem mittelalterlichen Kirchengänger jedoch möglich. Weniger vertraut war ihm hingegen der Umgang mit Buchstaben und Zahlen.

Kirchenbehang «Hortus Conclusus», 1480, Wolle, Seide, Gold- und Silberlahn, gewirkt.

Der Kirchenbehang stammt aus der Kreuzkapelle im schwyzerischen Lachen. Alle Fotos: Schweizerisches Nationalmuseum

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Andrej Abplanalp
Historiker und Kommunikations-Chef des Schweizerischen Nationalmuseums.

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