Flugblatt zum Teufel von Schiltach, Stefan Hamer, Holzschnitt: Erhard Schön, 1533, Zentralbibliothek, Graphische Sammlung Zürich.

Im Hexenwahn

Im letzten Hexenprozess Westeuropas wird Anna Göldi am 13. Juni 1782 im Alter von 48 Jahren enthauptet. Man schätzt, dass in der Schweiz etwa 10 000 Menschen Opfer des Hexenwahns wurden.

Im Mittelalter sind Abweichungen von der Glaubenslehre der römischen Kirche tabu. In den 1230er Jahren veranlasst die Kirche in Südfrankreich eine erste Inquisition. Rund 200 Jahre später richtet sich diese auf dem Gebiet der Eidgenossenschaft gegen die Waldenser. Die Gruppierung kritisiert in Fribourg den Klerus und strebt nach spiritueller und gesellschaftlicher Erneuerung. Ihre Angehörigen werden 1399 und 1430 vom bischöflichen Inquisitor verhört und zu Bussen, Gefängnisstrafen sowie in einem Fall zum Tod verurteilt. Mit diesen Waldenserprozessen etablierte sich in der Westschweiz eine Inquisition, die sich früher als im übrigen Europa gegen sogenannte «Hexen» richtet. Lange bevor der «Hexenhammer» (1487) des Dominikaners Henricus Institoris dazu aufrief, wurden vermeintliche Hexer und Hexen von den weltlichen Obrigkeiten verfolgt.

Auch nach der Reformation werden bis zur Aufklärung Glaubenskritiker und Andersgläubige ausgegrenzt und verfolgt. Es trifft die Täuferbewegung, Hexen und die jüdische Bevölkerung. Viele von ihnen enden als Ketzer auf dem Scheiterhaufen. Die Täufer ziehen den Zorn der Obrigkeit auf sich, weil sie den Eid auf deren Herrschaft verweigern. Hexen werden hingerichtet, weil ihnen ein Pakt mit dem Teufel unterstellt wird.

Wie anderswo nahm die Anzahl der Hexenprozesse im Raum der heutigen Schweiz sowohl in den katholischen wie auch in den reformierten Landesteilen um 1580 stark zu und verringerte sich erst gegen Mitte des 17. Jahrhunderts wieder. Grund dafür sind gemäss Ulrich Pfister vom Historischen Lexikon der Schweiz zum einen Krisen, zum anderen die nach der Reformation noch nicht gefestigte kirchliche Lehre und die gering entwickelte Zentralstaatlichkeit. Hexenprozesse wurzelten häufig in nachbarschaftlichen Konflikten oder Hungerkrisen. Unter Folter erzwungene Geständnisse und dubiose Zeugenaussagen brachten tausenden von Menschen den Tod. Die Hinrichtung erfolgte nur zum Teil mit Feuer, verbreitet war auch der Tod durch das Schwert.

Letztes Opfer der Hexenverfolgung in Westeuropa ist Anna Göldi, die Magd des Glarner Landammans Tschudi. Sie wurde am 13. Juni 1782 hingerichtet. Gemäss Anklage soll sie das achtjährige Töchterchen ihres Dienstherren Johann Jakob Tschudi-Elmer, Arzt, Politiker und Richter, vergiftet haben.

Hexenflug der «Vaudoises» (hier Hexen, ursprünglich Waldenser) auf dem Besen, Miniatur in einer Handschrift von Martin Le France, Le champion des dames, 1451. Foto: Wikimedia

Frauen werden bezichtigt, vom Teufel verführt worden zu sein. Viele gestehen unter Folter, der Teufel hätte ihnen Liebe und Heirat versprochen. Ulrich Molitor: De laniis et phitonicis mulieribus, Reutlingen, um 1490. Foto: Wikimedia

Hexensabbat, 1560-1571. Dem Gerücht zufolge feiern Hexen dämonische Orgien mit dem Teufel. Hinter dem obersten Teufel auf dem Thron rührt eine Hexe in einem Topf – sie hext schlechtes Wetter. Johann Jakob Wick, Nachrichtensammlung, Zürich. Zentralbibliothek Zürich, Ms. F 19, f. 147v

Der «Hexenhammer». Das Buch eines Dominikanermönchs zementiert das Bild der Hexe und liefert Argumente für ihre Verfolgung. Es wird zur Grundlage bei über 100'000 Hexenprozessen gegen meist randständige Frauen und auch Männer in Westeuropa. Köln: Heinrich von Neuss, 1511. Stiftung der Werke von C.G.Jung, Zürich.

Vom 15. Bis zum Beginn des 18. Jahrhundert werden «Hexen» in sogenannten peinlichen Befragungen gefoltert. Aber auch Andersgläubige werden mit Hilfe von Folterinstrumenten zu Geständnissen gezwungen. Daumenschraube aus Eisen, undatiert. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Anna Göldis Herrschaft wirft ihr vor, sie habe ihre Tochter, das Annamiggeli, töten wollen. Über 100 Nadeln, Nägel und Eisendrähte soll das Kind im November 1781 erbrochen haben. Lehmann, Heinrich Ludwig: Freundschaftliche und vertrauliche Briefe, den so genannten sehr berüchtigten Hexenhandel zu Glarus betreffend. Zürich, 1783. Zentralbibliothek Zürich

Anna Vögtli – Geschichte einer Hexe

Luzern, Korporation Luzern, S 23 fol., p. 119-121. Eidgenössische Chronik des Luzerners Diebold Schilling. Foto: e-codices.unifr.ch 

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Alexander Rechsteiner

Hat Anglistik und Politikwissenschaften studiert und arbeitet bei der Kommunikation des Schweizerischen Nationalmuseums.


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Ihr Kommentar





4 Kommentare

Rosario Beck sagt:

Vielen Dank für den tollen Beitrag.

David Grünenfelder sagt:

Es ist kaum zu glauben, es läuft heute noch so wie damals. Zumeist mit den Mitteln der Medien werden Menschen schlecht und in einem unwahren Bild gestellt. So Gutmenschen, sie meinen sie seinen die Guten weil sie ihre Gesinnung als die richtige empfinden. Sie setzen sich dann ohne Rücksicht auf Verluste für diese ein. Wenn dann Menschen zu schaden kommen sind wir ja nicht besser als die von damals.

Adrian Rechsteiner sagt:

Der Artikel hat leider zwei Schönheitsfehler. Die Waldenser sind keine Sekte sondern eine vorreformatorische, protestantische Glaubensrichtung des Christentums. Sekte ist ein ziemlich unprofessionelles Wort und ist komplett negativ komprimitiert. Das Gleiche gilt auch für die Widertäufer, sie nannten sich selber Täufer, Widertäufer ist das Schimpfwort ihrer Gegner. Ich wünsche mir, das Geschichtsschreiber eine klare, präzise und auch sensible Sprache verwenden. Herzlichenn Dank

Alexander Rechsteiner sagt:

Vielen Dank für den Hinweis. Tatsächlich sind die Bezeichnung „Sekte“ für die Waldenser und der Begriff „Widertäufer“ aus heutiger Sicht negativ belegt. Wir haben den Text daher entsprechend angepasst. Es bleibt aber zu erwähnen, dass diese Bezeichnungen auch in der aktuelleren Forschung durchaus verwendet werden.