Züriputsch

Am 6. September 1839 zogen tausende Bauern mit Morgensternen, Hellebarden, Mistgabeln und Prügeln bewaffnet aus dem Zürcher Oberland in die Kantonshauptstadt, um die Regierung zu stürzen. Es war einer der blutigen Höhepunkte des Konfliktes zwischen Liberalen und Konservativen in den wilden 1840er-Jahren.

Beflügelt von der Julirevolution in Frankreich wurden 1831 im Kanton Zürich, wie auch in mehreren weiteren Kantonen, die alten Eliten entmachtet und eine liberale Verfassung eingeführt. Volkssouveränität, Bildung, persönliche Leistung und Wettbewerb waren die Maxime der liberalen Bewegung. Im Kanton Zürich hatten die Liberalen gemeinsam mit den Radikalen ab 1832 im Regierungsrat die Mehrheit. Getreu dem liberalen Geist wurden Zollschranken abgeschafft, Strassen gebaut und in einer Bildungsoffensive die Kirche aus den Schulzimmern und -büchern verbannt. Das alles geschah mit wenig Rücksicht auf die Befindlichkeiten der konservativ-bäuerlichen Landbevölkerung. Während Unternehmer, Juristen und Lehrer vom neuen Regime profitierten, sahen sich Kleinbauern, Heimarbeiter und Vertreter der alten Eliten als Verlierer. In dieser angeheizten Stimmung kam es 1839 in der Stadt Zürich zum Zusammenstoss.

Der «Straussenhandel»

Der umstrittene Theologe David Friedrich Strauss (1808–1878). Bild: Wikimedia Commons

Das Fass zum Überlaufen brachte der Entscheid des Zürcher Erziehungsrates, den aufgeklärten Theologen David Friedrich Strauss (1808–1874) zum Professor an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich zu wählen. Strauss sollte Zürich in eine neue Reformation führen, im Sinne eines freien, rationalen und von Vernunft geleiteten Christentums. Der Theologe hatte wenige Jahre zuvor sein aufsehenerregendes Werk «Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet» veröffentlicht, das die Evangelien als mythische Erzählungen dekonstruierte. Gegen die Berufung von Strauss formierte sich sofort eine Opposition. Mit Strauss hatten die Konservativen ein einigendes Feindbild erhalten. Der sogenannte «Straussenhandel» nahm seinen Lauf: In Anbetracht des drohenden Aufstands zogen die Liberalen die Berufung eilig zurück und pensionierten Strauss noch vor seinem Antritt auf Lebenszeit.

Die zwei Karikaturen von 1839 aus der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums thematisieren den «Straussenhandel» aus gegensätzlichen Positionen.

Während der Teufel mit dem Strauss direkt in die Hölle reitet, ziehen rechts die Konservativen in den Kampf gegen die liberale Regierung. Der lodernde Haufen liberaler Schriften im Vordergrund nimmt das Schicksal des Straussenvogels vorweg. Den mit Lanze, Schild und Helm bewaffneten Konservativen weist eine Siegesgöttin den Weg. Sie hat sich die Rechtfertigung des Angriffs auf die Fahne geschrieben: für die «Religion unserer Väter». Auf der mit einem goldenen Strauss bestückten Fahne der Liberalen prangt eine Schere in Anspielung auf den Erziehungsrat Ignaz Thomas Scherr (1801–1870). Die konservative Karikatur sieht den Theologen Strauss als Antichristen und den Kampf gegen die liberale Regierung als Verpflichtung gegenüber den Vorvätern. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Der Strauss hält eine Öllampe im Schnabel, deren aufklärerisches Licht das gemeine Volk im Hintergrund zu erleuchten droht. Dagegen wehrt sich die Kirche mit allen Mitteln. Der Papst, zu erkennen an der dreistufigen Mitra, sitzt auf dem Löschwagen und schreit nach Wasser. Flüssigen Nachschub bringen drei Bäuerinnen (eine fromme, eine robuste und eine hässliche). Der Priester, geblendet vom Licht der Aufklärung, versucht die Lampe zu löschen. Im Hintergrund predigt ein Pfarrer von der Kanzel zu Bauern, Aristokraten und Eseln. Mit seinem Mantel schirmt er das Licht ab. Die Karikatur wirft der Kirche vor, das Volk dumm und unmündig zu halten. Den Theologen David Friedrich Strauss zeigt sie als Bringer der von der Kirche gefürchteten Aufklärung. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Das Landvolk zieht in die Stadt

Die Reaktion der liberalen Regierung kam zu spät. Wegen der Affäre Strauss hatte sich die Opposition formiert und arbeitete bereits auf einen politischen Umsturz hin. Als auf dem Land Gerüchte die Runde machten, die Regierung wolle befreundete liberale Kantone um militärische Hilfe bitten, formierte sich am 5. September 1839 in Pfäffikon ZH ein Protestzug, dem sich bald auch Bewohner anderer Gemeinden anschlossen. Die Menge war auf circa 1500 bis 2000 Mann angewachsen, als der Zug am nächsten Morgen um 7 Uhr in Zürich eintraf.

Der Augenzeuge Otto Werdmüller, ein damals 21-jähriger Medizinstudent, war an jenem Tag in Zürich und beobachtete die Geschehnisse: «‘Sie kommen, Sie kommen‘ tönte es aus allen Ecken und im Sturmschritt eilte ich auf den Quai […]. Und wirklich: Sie kamen in unabsehbaren Massen, in Glieder geordnet, je zu 6 Mann, die Marktgasse herab. Nur etwa 200 waren mit Flinten bewaffnet und in anständigem Aufzug, die übrigen, circa 8000[sic!], schofle, hudelige Leute von allen Altern, trugen Morgensterne, Hellebarden, aber auch Mistgabeln, Sensen, Dreschflegel, gewaltige Prügel und andere zu Morithaten geeignete Instrumente. Sie sangen Mark und Bein erschütternd: Diess ist der Tag, den Gott gemacht und zogen nun in hübschem Trab unter Anführung von Pfarrer Hirzel über die untere Brücke auf den Münsterhof, um sich dann mit der ersten Abtheilung zum Sturm auf das Postgebäude, wo die Regierung sass, zu vereinigen.»

Anführer der Meute war Bernhard Hirzel (1807–1847), Pfarrer in Pfäffikon ZH. Kirchenlieder singend zogen die Landleute in die Stadt und trafen auf dem Münsterplatz auf das Militär. Die Regierung hatte sich im Posthof verschanzt. Plötzlich fielen Schüsse, die Lage eskalierte. 14 Putschisten blieben tot liegen. Das 15. Opfer war Regierungsrat Johannes Hegetschweiler (1789–1839), der den Befehl zum Einstellen des Feuers hatte überbringen wollen. Noch einmal der Augenzeuge Otto Werdmüller: «Ich füge noch bei, dass während des Kampfes die Regierung sich auflöste und die Glieder derselben in feiger Flucht durch die Fenster sprangen und nebst vielen anderen Radikalen nach Baden flüchteten.» Mit der faktischen Auflösung der Regierung herrschte Chaos in Zürich. In dieser Situation nahm Stadtpräsident Karl Eduard Ziegler (1800–1882) das Heft in die Hand. Er schaffte es, die Demonstranten zu beruhigen und einen provisorischen Staatsrat auf die Beine zu stellen. Die Politik im Kanton Zürich wurde wieder in ruhigere – und vorübergehend traditionellere – Bahnen gelenkt. Nachhaltig blieb die konservative Wende nicht. Auf eidgenössischer Ebene führte der Konflikt zwischen Konservativen und Liberalen zum Sonderbundskrieg und schliesslich zur Gründung des Bundesstaats.

Der Züriputsch hat noch heute einen Einfluss auf unseren Alltag. Mit dem Ereignis gelangte das ursprünglich schweizerdeutsche Wort «Putsch», für «Knall», «Stoss», in den gesamten deutschen Sprachraum und bedeutet heute allgemein einen Umsturz(versuch) einer kleinen Gruppe zur Übernahme der Staatsgewalt.

Kämpfe auf dem Paradeplatz zwischen Regierungstruppen zu Pferd und aufständischem Landvolk, hinten das Hotel «Baur en Ville» und das Fraumünster. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Erinnerungsblatt an die am 6. September 1839 Gefallenen. Neben den Namen der Verstorbenen wird auch die Todesursache aufgelistet. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Der Erzählung nach soll Oberst Sulzberger, Kommandant der Zürcher Truppen, nach dem erfolgreichen Züriputsch in Frauenkleidern nach Baden geflüchtet sein. Diese Lithografie zeigt den Oberst, mit Schnauz und markanter Nase, im Wagen sitzend. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Zum Dank für seine Rolle im Züriputsch erhält Karl Eduard Ziegler von Vertretern des konservativen städtischen Bürgertums einen wertvollen Ehrendegen geschenkt, der sich heute in der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums befindet. Der Degen mit einem Gefäss aus Gold ist ein Unikat, auf dem Knauf ein kunstvoller Löwenkopf, den Griff ziert das Zürcher Standeswappen und den Griffbügel das Wappen der Familie Ziegler. Auf der einen Klingenseite ist die Widmung «Eduard Ziegler» eingraviert, auf der anderen «von seinen Mitbürgern». Auf dem Stichblatt ist Herkules mit gebändigten Löwen dargestellt und darunter das Datum des sogenannten Züriputsch vermerkt, der 6. September 1839. Fotos: Schweizerisches Nationalmuseum

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Alexander Rechsteiner
Hat Anglistik und Politikwissenschaften studiert und arbeitet bei der Kommunikation des Schweizerischen Nationalmuseums.

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