Plakatmotiv, basierend auf: Daniel Hopfer, Profilbildnis Martin Luthers, 1523. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

«Luther, Kolumbus und die Folgen – Welt im Wandel 1500–1600»

Die Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg versteht sich zwar als Beitrag zum Reformationsjubiläum. Aber sie setzt sich auch mit Themen auseinander, die weit über das Porträt einer Epoche hinausgehen.

Wir leben in bewegten Zeiten, unsere Welt befindet sich im Wandel. Aber wer ist für diesen Wandel verantwortlich? Rasch kommen uns ein paar Namen in den Sinn, vorzugsweise solche von Politikern, Wissenschaftlern oder Unternehmern. Doch wissen wir auch, dass der Wandel eher eine Folge von vielerlei Wechselwirkungen ist. Man denke an brisante Themen der Gegenwart wie die Klimaerwärmung oder den Terrorismus.

Wächst der historische Abstand, fällt das Namedropping noch leichter. Da ist dann ganz selbstverständlich vom «Zeitalter Napoleons» oder der «Lutherzeit» die Rede. Doch was bieten solche Formeln mehr als abgegriffene Klischees?

Genau hier setzt die Ausstellung «Luther, Kolumbus und die Folgen» im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg an. Der Untertitel «Welt im Wandel 1500-1600» ist wichtig, denn er betont ihr mentalitätsgeschichtliches Konzept. Das Verdienst der Kuratoren ist es, den historischen Heldenkult, der seit geraumer Zeit wieder auf dem Vormarsch ist, raffiniert auszuhebeln.

Zwar werden wir von den zeitgenössischen Gemälden dreier ernst und entschlossen blickender Männer, Luther, Kolumbus und Kopernikus empfangen, mit Luther im Zentrum.

Blick in die Ausstellung. Foto: Germanisches Nationalmuseum

Doch das ist nur der Anfangsakkord, der bald moduliert wird. Zunächst wird Luther als Reformator entzaubert. Zwar werden unter anderem seine Schriften gezeigt, mit denen er die Reformation ins Rollen brachte. Aber die Pointe steckt in den Details: So hatte der Augustinermönch Luther ausgerechnet seine berühmten Thesen gegen den kirchlichen Ablasshandel zunächst als Beitrag zu einer innerkirchlichen Diskussion verstanden. Weil das intern gemeinte Papier durch Raubdrucke öffentlich wurde, verbreitete es sich, wie wir heute sagen würden, viral. Erst so konnten die Thesen zur Gründungsurkunde des Protestantismus werden - vor allem aber, weil die Gesellschaft dafür reif war.

Auch Kolumbus' Image als wichtigster Entdecker der Neuzeit gerät ins Wanken. Wir sehen die 1497 veröffentliche erste deutsche Übersetzung seines berühmten Briefs von 1494, in dem er den spanischen Königen, seinen Financiers, von der Entdeckung «neuer Inseln» berichtet. Doch so wichtig diese Reise war, sie reiht sich ein in eine lange Geschichte der Entdeckungen. In Nürnberg kann man die allmähliche Eroberung und tastende Beschreibung neuer Gestade, die Verschiebung tatsächlicher und mentaler Horizonte anhand einer exzellenten Auswahl alter Weltkarten und Globen nachvollziehen.

Lucas Cranach: Bildnis Martin Luthers im fünfzigsten Lebensjahr, 1533. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg. Dauerleihgabe der Bayerischen Staatsgemäldesammlung

Bildnis des Christopher Kolumbus, Italien, um 1520/40. Pinacoteca Civica Como

Leonard Torwirt: Nicolaus Copernicus, um 1946/52. Kopie nach dem Thorner «Gymnasial-Porträt» aus dem 16. Jahrhundert. Muzeum Okręgowe w Toruniu, Toruń

Das Neue erregte Staunen, wurde aber auch als Bedrohung empfunden. Man lernte andere Menschen kennen, eine andere Flora und Fauna - und andere Krankheiten. Dass bemerkte mit warnendem Unterton ausgerechnet Luther, der sich ansonsten herzlich wenig für Kolumbus' Reisen interessierte. Im Rückblick ist das besonders kurios, weil die Globalisierung, die gemäss neueren Erkenntnissen damals begann, schon bald mit intensiver christlicher Missionstätigkeit einhergehen sollte.

In der Ausstellung schält sich schliesslich Kopernikus als wichtigster Taktgeber für den damaligen Wandel heraus. Denn mit der Erkenntnis, dass die Erde um die Sonne kreist, nicht umgekehrt, leitete er das Ende des dominierenden christlichen Weltbildes ein. Vor allem aber legte Kopernikus die Grundlagen für eine an Fakten und Empirie orientierte, wissenschaftliche Weltaneignung, die sich neben dem Kosmos auch dem menschlichen Körper zuwandte: Wir sehen prächtige Folianten aus den Anfängen der Anatomie. Selbst die so genannte «kopernikanische Wende» kam nicht plötzlich. Die entstehende Wissenschaft musste etliche Widerstände überwinden.

Kein Wunder. Für Zeitgenossen ist eine «Welt im Wandel» anstrengend. Wie die damaligen Menschen die Zumutungen des Neuen empfanden, wird sehr plastisch nachvollziehbar etwa anhand von Berichten, die zeigen, wie man die Begegnung mit den «Wilden» zu verarbeiten versuchte.

Sebastian Münster: Neue Inseln als Neue Welt, 1549. Stiftung Eutiner Landesbibliothek, Eutin

Auch die Einübung einer wissenschaftlichen Haltung braucht seine Zeit. Ein Fabelwesen wird nicht von heute auf morgen zum exakt beschriebenen Tier. Lange noch deuten die Menschen Naturgewalten als Zeichen des Himmels. Doch zugleich schwindet der Glauben ans Göttliche. Es schlägt die Stunde der Ratgeber: Im Angebot war für Luthers Zeitgenossen etwa ein Flugblatt, das den Ausweg aus dem «geistlichem Labyrinth» wies. Aber wartet im Jenseits tatsächlich noch das versprochene Paradies? Sicherheitshalber wird es lieber mal ins Diesseits verlagert. Hier liegen die Wurzeln der modernen Lust an weltlichem Genuss, Luxus und Konsum. Schade, dass die Ausstellung das nur antippt.

Sie bleibt dafür ihrem Fokus treu, die Heldengeschichte der frühen Neuzeit abzuschattieren. Was könnte sich besser dafür eignen als die sogenannte «kleine Eiszeit»? Die extreme Kälteperiode war zwischen 1560 und 1715 ein echter Härtetest für die «Welt im Wandel». Einerseits wurden Ernteausfälle und Hungersnöte zunächst noch nach bewährtem mittelalterlichem Muster als Teufelswerk interpretiert, zugleich aber mit präzisen Wetteraufzeichnungen Grundlagen der Klimaforschung gelegt.

Am Ende der «Welt im Wandel» erscheint der Mensch zwar als ein sich emanzipierendes Individuum, aber auch als zerplatzende Seifenblase. Barocke «Vanitas»-Ideen tauchen auf: Alles ist vergeblich, alles eitel. Der Wandel ist ein zäher Prozess: Angst und Zuversicht, Fortschritt und Reaktion lösen einander ab. Das ist bis heute so geblieben, wie man leicht an den Computerterminals beim Ausgang sieht, wo man den Umgang anderer Besucher mit dem aktuellen Wandel mit den eigenen Reaktionen abgleichen kann.

Solche museumspädagogische Spielereien mag man belächeln. Doch sie laden, wie die gut strukturierte, mit erlesenen, sorgfältig aufbereiteten Exponaten glänzende Ausstellung, die durchdachte Gratis-App und die sehr informative Homepage dazu ein, Geschichte nicht einfach als Fertigmenü zu konsumieren. Geschichte ist eine Konstruktion, und als solche verrät sie meist mehr über unser Gegenwart als über die Vergangenheit. Das erst macht sie so richtig interessant.

Bericht des Bayrischen Rundfunks.

Luther, Kolumbus und die Folgen. Welt im Wandel 1500-1600

13. Juli – 12. November 17 | Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Webseite, App und Katalog unter weltimwandel.gnm.de

Hibou Pèlerin
Seit vielen Jahren fliegt Hibou Pèlerin zu kulturhistorischen Ausstellungen. Für den Blog des Schweizerischen Nationalmuseums greift sich Pèlerin die eine oder andere Perle raus und stellt sie hier vor.

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