Ein Jass mit Deutschschweizer Spielkarten. Foto: Patrick Gutenberg/Ex-Press

Vor dem Jass

Deutschschweizer Spielkarten mit den Farbzeichen Schellen, Schilten, Eicheln und Rosen gibt es seit mehr als einem halben Jahrtausend. Für den Jass werden sie allerdings erst seit gut 200 Jahren verwendet.

Der munter ausschreitende oder tanzende Schellenunter mit Narrenkappe, Schelle und Narrenstab auf dem Fragment einer um 1500 in Basel gedruckten Spielkarte gehört zum frühesten heute bekannten Typ des Schweizer Spiels mit den vier Farben Schellen, Schilten, Eicheln und Rosen. Der kurze Ärmelrock und die Spitzschuhe des Narren entsprechen der spätgotischen Mode. Trotz ihres Alters ist die ab einem Holzstock gedruckte Figur auch für uns auf den ersten Blick als Schellenunter zu erkennen. Kartenbilder sind konservativ. Sie halten sich über Jahrhunderte und überdauern die Spiele, die mit ihnen gespielt werden.

Basler Spielkarte. Schellenunter mit Narrenkappe und Eselsohren. Holzschnitt, schablonenkoloriert. Basel, um 1500. Die von einem Buchbinder als Füllmaterial verwendete Karte wurde bei Restaurierungsarbeiten in einem Bucheinband gefunden. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Grün glasierte Reliefkachel mit zwei Kartenspielerinnen. Die Kachel wurde beim Abbruch eines alten Ofens in der Limmat entsorgt. Zürich, zwischen 1400 und 1500. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Geübte Spielerinnen und Spieler könnten mit den 500 Jahre alten Basler Karten auch heute noch problemlos einen Jass klopfen. Obwohl der Jass in der Schweiz viel jüngeren Datums ist. Der Jas(s) ist ein niederländisches Wort und Spiel. Auch die Bezeichnung der Trumpfneun als Nell ist dem Niederländischen entlehnt. Den mit 36 Karten gespielten Jass bringen protestantische Söldner im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in die Schweiz. Jas heisst so viel wie Bauer. Bezeichnenderweise wird der erste protokollarisch festgehaltene Jass der Schweiz im schaffhausischen Siblingen geklopft. Die beiden von Pfarrer Peyer beim Rat verklagten Bauern Max Tanner und Sebastian Weber gestehen, «um ein Glas Wein» ein Spiel gespielt zu haben, «welches man das Jassen nenne». Das war im Jahr 1796. Die Karten, mit denen sie spielten, stammten in dieser Zeit nicht mehr aus Basel, sondern aus Mümliswil im Kanton Solothurn. Es dauerte nicht mehr lange, und Schaffhausen entwickelte sich zu einem neuen Zentrum der Schweizer Spielkartenfabrikation.

Solothurner Spielkarte. Schellenunter. Solothurn, 1743. Holzschnitt, koloriert. Drucker: Rochus Schaer. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Schaffhauser Spielkarte. Schellenunter. Schaffhausen, Um 1800. Holzschnitt, schablonenkoloriert. Drucker: David Hurter. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Vom Marschall zum Narren

Zurück zu den Anfängen des Schweizer Kartenspiels. Wie und wann genau der dritte Wert nach dem König, der Unter oder Bube, zum Bauern und der Schellenbauer zum Narren wurde, wissen wir nicht. Der Dominikanermönch Johannes aus Freiburg im Breisgau bezeichnet in seiner 1377 in Basel verfassten Spielkartenallegorie den Ober und den Unter als die zwei «marschalchi». Einer hält das Farbzeichen nach oben, der andere nach unten. Dass der Schellenunter am Oberrhein, vermutlich eben doch in Basel, einem Zentrum des frühen Buch- und Spielkartendrucks und der spätmittelalterlichen Narrenliteratur, schliesslich ins Narrengewand mit Kapuze und Eselsohren schlüpft, passt ins Bild.

Neue Karten aus alten Kleidern

Vor der industriellen Papierproduktion wurden die Karten mit Holzstöcken auf Hadernpapier gedruckt und anschliessend mit Schablonen koloriert. Jeder Stoffrest, selbst die verwitterten Fetzen der Vogelscheuchen, wurde eingesammelt und in den Papiermühlen zu Papier verarbeitet. Deshalb haben sich praktisch keine Alltagskleider aus der Zeit vor 1800 erhalten. Die nicht mehr verwertbaren Reste der Kleider der Baslerinnen und Basler um 1500 stecken in den Basler Drucken jener Zeit, in den Büchern und in den Spielkarten. Vielleicht hat das geheime Leben der Karten ja damit zu tun.

Der Wappenschild als Farbzeichen

Die Spielfarbe Schilten ist eine Eigenheit des Schweizer Spiels. Sie geht in die Zeit zurück, in der sich die vom Adel emanzipierten Bürger ebenfalls Wappen zulegten. Man kann die Wappen auf den Schildern der frühen Schweizer Karten als Vorläufer der ebenfalls spezifisch schweizerischen Wappenscheiben und Scheibenstiftungen verstehen. Das Wappen des Basler Handelsherrn Heinrich Halbisen, ein halbes Hufeisen, dient als Wasserzeichen in den in seinen Papiermühlen produzierten Papieren und sozusagen als Markenzeichen auf den Spielkarten, die er drucken liess. Es handelt sich dabei um die ältesten bekannten Spielkarten aus dem Gebiet der heutigen Schweiz.

Basler Spielkarte. Schiltenunter mit dem Halbisen-Wappen. Basel, Ende 15. Jh. Holzschnitt, unkoloriert. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Basler Spielkarte. Schiltenneun mit Halbisen-Wappen unten rechts und Basler Stab in der Mitte. Basel, Ende 15. Jh. Holzschnitt, unkoloriert. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Der Bauer sticht den König

Das wohl älteste und am weitesten verbreitete Trumpfspiel ist das Kaiserspiel, der «ludus imperatoris». Im süddeutschen Raum ist es unter dem Namen Karnöffelspiel bereits in der Zeit des Basler Konzils aktenkundig, genau in der Zeit, als in Basel die ersten Karten mit den Vorläufern der Deutschschweizer Farbzeichen gedruckt werden. Hüte und Federn sind noch mit im Spiel. Gegen 1500 setzen sich die Rosen und Eicheln durch. Heute wird nur noch in der Innerschweiz gekaisert. Das Kaiserspiel war das Spiel der Reisläufer und Landsknechte in den oberitalienischen Kriegen des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit. Ob es damit zusammenhängt, dass im Kaiserspiel in Umkehr der höfischen Hierarchie der «underpub» den «künnig» stechen konnte?

Vier Karten der Spielfarbe Eicheln. Basel, um 1500. In Umkehr der höfischen Ordnung sticht im Kaiserspiel der Trumpfbauer den König. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Il Tarocco

In der frühen Neuzeit bringen die eidgenössischen und französischen Söldner ein weiteres, im Ancien Régime beliebtes Kartenspiel aus Oberitalien in ihre Herkunftsländer: «Il jogo degli trionfi» oder «il tarocco». Tarock wird mit anderen und mit mehr Karten gespielt als das Kaiserspiel oder der Jass. Die 78 Tarockkarten bestehen aus 21 Trümpfen oder «tarocchi», dem Narren und den je 14 Karten mit den italienischen Farbzeichen Pokal, Münze, Schwert und Stab. Das Troggen ist im 18. Jahrhundert in der Schweiz weitverbreitet, insbesondere in Solothurn, wo berühmte Tarockkartenspiele gedruckt werden. Im 19. Jahrhundert wird es durch den Jass verdrängt. Heute wird nur noch in zwei alpinen Rückzugsgebieten getroggt: in Visperterminen im Wallis (troggu) und in der Surselva im Bündnerland, wo Alois Carigiet herkommt (dar troccas).

Solothurner Tarockkarte. Tarock XIV. La temperance. Mümliswil, um 1750. Holzschnitt, schablonenkoloriert. Drucker: Franz Bernhard Schär. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Solothurner Tarockkarte. Deniers-Zwei. 1718. Holzschnitt, schablonenkoloriert. Drucker: François Heri. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Der Schellenunter in Reklame und Kunst

Alois Carigiet, der Zeichner von Schellen-Ursli und Florina, war in seiner Jugend ein leidenschaftlicher Tarockspieler. Seine Freude am Kartenspiel setzt er sowohl als Reklamezeichner als auch als Künstler ins Bild um. 1938 entwirft er für die Brauerei Haldengut ein Beizenplakat, auf dem die vier Unter der Deutschschweizer Karten um ein Bierglas tanzen. Im Vordergrund die auffälligste der vier Figuren, der Schellenunter.

Alois Carigiet. Kleinplakat für Haldengut-Bier. Farblithografie. Zürich: Graphische Anstalt J. E. Wolfensberger, 1938. Das in der Druckerei auf Karton aufgezogene und gerahmte Beizenplakat war sowohl Wandschmuck als auch Reklame. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Pech im Spiel, Glück in der Liebe

1956 malt Carigiet eine wunderschöne Allegorie auf das Kartenspiel an die Fassade des Hotels Adler am Rathausplatz in Stein am Rhein. Gleichzeitig setzt er das Sprichwort «Pech im Spiel, Glück in der Liebe» ins Bild um. Die jugendliche Königin zieht den selig lächelnden Schellenunter mitten im Spiel an ihre Brust und streichelt ihm zärtlich die Wange, er lässt die linke Hand mit den nach aussen gekehrten, miserablen Karten demonstrativ sinken. Der alternde König, rechts im Bild, blickt von seinem Löwenthron grimmig auf die Betrachter der Szene herab. In der linken Hand hält er die Karten, ein sehr gutes Blatt, vor ihm steht ein prallvoller Geldsack. Aber der jugendliche Narr hat bei der Königin die besseren Karten. Den Ärger darüber sieht man dem alternden König gut an. Offenbar hat auch die Umkehr des Sprichworts ihre Gültigkeit: «Glück im Spiel, Pech in der Liebe».

Alois Carigiet. Drei personifizierte Spielkarten. Originalentwurf für ein Wandbild an der Fassade des Hotels Restaurant Adler in Stein am Rhein. 1956. Gouache auf Papier. Privatbesitz. Copyright © Alois Carigiet Erben.

Die Figuren des Königs und des Schellenunters lassen sich von den Jasskarten her erklären. Aber die über den Narren gebeugte, märchenhafte Königin mit dem horizontal fliessenden blonden Haar nicht. Im Deutschschweizer Kartenbild kommt keine weibliche Figur vor, im französischen Kartenspiel schon, die Dame, aber nicht die Königin oder Kaiserin. Die Königin ist dem in Carigiets Heimat gespielten Tarock entstiegen.

Felix Graf

Felix Graf, bis 2017 Kurator am Landesmuseum Zürich, ist freier Publizist.


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