Ob er wohl gerade seiner Liebsten schreibt? Schweizer Soldat im Jahr 1942. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Liebe schreiben

Das waren noch Zeiten, als man sich lange Liebesbriefe geschrieben hat. Heute kommuniziert Amor per WhatsApp oder Facebook. Wie war das, als Liebe noch zu Papier gebracht wurde? Wir werfen einen Blick zurück.

Geben wir in eine der gängigen Internetsuchmaschinen den Begriff «Liebesbrief» ein, dann weist die Ergebnisliste durchwegs weit mehr als eine Million Treffer aus. In vielen Foren und Kommentaren wird dabei auch darüber debattiert, ob der Liebesbrief in der digitalen Gegenwart noch aktuell sei oder ausgedient habe, oder aber: ob die Liebesbriefkultur nicht vielmehr wieder verstärkt gepflegt werden sollte. Anleitungen und Tipps, wie denn ein romantischer, erfolgreicher, perfekter Liebesbrief zu schreiben sei, finden sich ebenfalls in großer Zahl im Internet.

Fest steht: Mit der Digitalisierung hat sich auch die Liebeskommunikation gewandelt, das Spektrum der dafür zur Verfügung stehenden Medien ist vielfältig geworden: Wir simsen, mailen, posten, chatten, twittern, telefonieren mobil… Manch eine und einen beschleicht dabei offenbar auch Bedauern über eine neue, so wahrgenommene Profanität in den amourösen Botschaften – wie etwa den folgenden Schreiber im Onlineforum einer Tageszeitung: «Es hat sich schon viel getan, wenn ich da an meine letzten Briefe à la whatsapp nachrichten denke: hi, heut zu dir oder zu mir? Und willst vorher noch was trinken/essen gehen?» Und wenn im selben Forum eine Frau «bekennt», sie habe kürzlich an ihren im Ausland weilenden Freund einen Liebesbrief «mit der Hand geschrieben, eingescannt und um die halbe Welt gemailt», dann ist erkennbar, dass dem klassischen Liebesbrief nach wie vor die Fähigkeit zugeschrieben wird, der Gefühlsbotschaft eine ganz besondere Bedeutung zu verleihen; und, da er zu Papier gebracht wird, auch eine besondere Dauerhaftigkeit, die sich der Flüchtigkeit der digitalen Medien entzieht.

Briefe vertieften die Liebesbeziehungen

Werfen wir vor diesem aktuellen Hintergrund einen Blick zurück ins sogenannte Zeitalter der Briefe, als das Korrespondieren in dieser Form weit verbreitet eine bedeutsame Rolle spielte, um Liebesbeziehungen anzubahnen, zu vertiefen und eine gemeinsame Zukunft zu entwerfen. Es war auch ungemein wichtig, um eine zeitweise Trennung zu überbrücken und um einander später an besondere Momente der Beziehungsgeschichte zu erinnern. Von einer ausgeprägten Kultur des Liebesbriefes lässt sich ab dem 18. Jahrhundert sprechen, als sich in der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft auch eine neue Kultur der Empfindsamkeit etablierte, die das private Korrespondieren zur Hochblüte brachte. Anleitungsliteratur für den idealen Liebesbrief, sogenannte Briefsteller, gab es auch damals: Ausführlich, authentisch, natürlich und lebendig sollte er sein und in der Sprache des Herzens verfasst. Das setzte (und setzt) freilich Schreibfertigkeit voraus und wurde daher zunächst einmal insbesondere im Bildungsbürgertum gepflegt.

«Liebe Emilie. Es ist mir heute nicht vergönnt Dich am fünften Jahrestage, daß wir uns nach unserem freien Willen einander ganz angehören, in die Arme zu schließen und nach Herzenslust abzubusseln. Doch soll es morgen eingebracht werden», beginnt ein Wiener Buchbindemeister und Verleger 1877 einen Brief an seine Frau, die den Sommer mit den Kindern auf dem Land verbringt. Die beiden schreiben sich regelmäßig, um so im schriftlichen Gespräch das sonst gemeinsame Zusammenleben fortzusetzen. An diesem 29. September 1877, mit dem das Schreiben datiert ist, ist der Anlass aber ein besonderer:

«Morgen wollen wir uns zusammen jenes schönen und denkwürdigen Abends erinnern, wo unsere Herzen, die sich schon lange vorher entgegenschlugen, endlich laut wurden und zu unserer Vereinigung führten. Ich wiederhole heute Goethe’s Worte aus Hermann und Dorothea ‹Glücklich derjenige, dem sogleich die erste Geliebte die Hand reicht, dem der lieblichste Wunsch nicht leise im Herzen verschmachtet.› Ich küsse Dich in treuer Liebe und mit fester Umarmung. Dein schiacher Karl»

Liebesbriefe bilden Gefühle nicht nur ab, sondern intensivieren, verändern sie. Gleichzeitig sind sie selbst durch die Konventionen ihrer Zeit formatiert, etwa durch das, was jeweils überhaupt sagbar ist und was nicht. So blieb beispielsweise das Sexuelle, wie hier in diesem Brief, historisch lange Zeit auf der sprachlichen Oberfläche verschlüsselt; diskrete Metaphern «wie der schöne und denkwürdige Abend, als unsere Herzen endlich laut wurden» verweisen auf das, was eigentlich gesagt werden wollte.

Die Kultur des Schreibens als zärtliche Geste der Verbundenheit fokussierte nicht nur auf den Liebesbrief im engeren Sinn, sondern entfaltete sich auch im Sinne oft umfangreicher schriftlicher Gespräche. So waren sogenannte Verlobungskorrespondenzen, in denen man sich gegenseitig besser kennenlernte und gewissermaßen ein ‹Wir›, einen gemeinsamen Paarkosmos aufbaute, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eine häufige Praxis.

«Gewöhn Dich nur an solche Briefe», schreibt am 2. Januar 1896 eine frischverlobte Konstanze an ihr «liebes, liebes, innigstes Herzmanderl!», einen höheren Beamten. «So glücklich und so seelenvergnügt hab‘ ich deine 1000 Pussele in Empfang genommen! Weil ich mir aber von einem Herrn doch nicht so ohneweiters so etwas schenken lassen kann, beeile ich mich diesem Herrn, meinem Herrn, meinem Bösewicht und was er schon noch alles ist, ganz gleich viel solcher guten Dinger wieder zu senden.» Endlich dürfe sie ihn gernhaben, wie sie will, plaudert Konstanze weiter, «halt schon so schrecklich gern», jetzt, wo die Beziehung durch die Verlobung und die Zustimmung des Vaters legitimiert sei. «Er schätzt Dich sehr und hat Dich sehr gern und das macht mich so ungetrübt glücklich.»

Mit Liebesbriefen die Eltern überzeugen

Gerade im Rahmen der bürgerlichen Eheanbahnung war das Korrespondieren nicht immer nur etwas Intimes. Die Briefe konnten – wie der folgende aus dem Jahr 1910 zeigt – auch als von anderen zu lesende Liebesbeweise gedacht sein oder eingesetzt werden, um die Eltern von der Ernsthaftigkeit der Absichten zu überzeugen und ihre Zustimmung für eine Heirat zu erwirken. So schreibt die Fabrikantentochter Tilly ihrem «lieben Henri», einem Berliner Nervenarzt:

«Mein lieber Henri! Vielen Dank für Deinen lieben Brief. Es hat mich riesig gefreut, daraus zu entnehmen, daß Dein Vertrauen zu mir wieder auf der alten Höhe ist und ich fühle deutlich, auf welcher soliden Grundlage wir uns so nahe gekommen sind. Das ist berauschend und doch kein Rausch. Dieses ruhige Glücksgefühl hat mich ganz und gar durchdrungen. Unsere gegenseitige Übereinstimmung hat sich in der Kreuzung der Briefe deutlich gezeigt. Ich weiß nicht, ob es ganz in Deinem Sinne war, was ich tat. Ich zeigte Deinen Brief den lieben Eltern. Der Eindruck war sehr befriedigend.»

Schon im späten 19. Jahrhundert hat sich das Schreiben aus und über Liebe jedoch über das Bürgertum hinaus auch in andere soziale Schichten hinein verbreitet. Als Alternative zum ausführlichen Brief wurde hier auch die kolorierte Bildpostkarte populär, die statt Worten visuelle Sehnsuchtsmotive sprechen ließ. Im 20. Jahrhundert explodierten Liebeskorrespondenzen unterschiedlicher Art dann geradezu, nicht zuletzt durch die beiden Weltkriege, die Millionen Paare trennten, was den Brief – trotz Zensur – zur unentbehrlichen Gefühls- und Kommunikationsbrücke machte. Nach einem dann zu konstatierenden Rückgang des schriftlichen Beziehungs- und Liebesdialogs durch die zunehmende Verbreitung des Telefons ist dieser mit den digitalen Medien erneut aufgeblüht – und zwar nicht nur in der Variante von allerkürzesten Textbotschaften im Mix mit Fotos, Videos und Emoticons. Kulturwissenschafter/innen beobachten vielmehr auch eine Rückkehr der langen ausführlichen Briefform als Mittel der Beziehungsgestaltung, medial adaptiert in umfangreichen, höchstpersönlichen Email-Korrespondenzen, die «Liebesdinge», Vertrauliches und Intimes in hoher Intensität austauschen.

Das folgende und letzte Briefbeispiel stammt allerdings aus der Zeit davor, nämlich aus dem Jahr 1980:

Ines, wo bist du? Italien, Graz?
Möchte dich erreichen – kann nicht!
Brauche dich – liebe dich.
Ich zähle die Stunden. […]
Habe keine klaren Gedanken – und wenn
möchte ich sie nicht mitteilen – nicht jetzt.
Sehne mich momentan nur nach deiner Umarmung.
Fühle mich allein, einsam.
Kopf und Herz voll mit Ines – bin glücklich.
Dich angreifen, spüren, lieben –
Nicht mehr sprechen, schreiben – fühlen, uns …
Ich falle – fang mich auf – ich brauche dich.

Dein M.

Wie würde sich eine Szene der Sehnsucht, wie sie der Schreiber hier eindrücklich und ausdrucksvoll brieflich festgehalten hat, heute abspielen, anfühlen und aufgelöst werden? Würde sie in Zeiten von Smartphone, WhatsApp, Facebook und eines damit möglichen Kommunizierens ohne Wartezeit rund um die Uhr überhaupt noch entstehen?

Sorgfältig gebündelt und mit Zierschleife geschmückt: In Nachlässen finden sich oft über Jahrzehnte aufbewahrte Liebesbriefe. Foto: Sammlung Frauennachlässe der Universität Wien

In schönster Schrift verfasst: Liebesbrief aus den 1870er-Jahren. Foto: Sammlung Frauennachlässe der Universität Wien

Auf zusammengeklebten Fahrscheinen und Eintrittskarten geschrieben: Liebesbrief aus dem Jahr 1971. Foto: Sammlung Frauennachlässe der Universität Wien

Korrespondieren als kontinuierliches schriftliches Gespräch: Briefwechsel eines Paares um 1900. Foto: Sammlung Frauennachlässe der Universität Wien

Kolorierte Postkarten mit Sehnsuchtsmotiven als Alternative zur ausführlichen Briefform: ab Ende des 19. Jahrhunderts in schreibferneren Milieus populär. Foto: Privatsammlung Hämmerle

Ingrid Bauer
Ingrid Bauer ist eine österreichische Zeit- und Kulturhistorikerin und lehrte über viele Jahre als außerordentliche Universitätsprofessorin an der Universität Salzburg. Heute arbeitet sie als freie Autorin in Wien und hat kürzlich gemeinsam mit Christa Hämmerle einen Sammelband zu Paarkorrespondenzen im 19. und 20. Jahrhundert herausgegeben.

Kategorien

Sharing is caring
Sharing is caring

Ihr Kommentar





Simple Share Buttons