Roland Béguelin feiert im September 1978 mit Tausenden die Annahme des Bundesbeschlusses zur Gründung des Kantons Jura. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum/ASL

Endlich souverän!

Am 1. Januar 1979 wird der Jura ein eigener Kanton. Die Schweiz hat mit überwältigender Mehrheit für die Souveränität der Jurassier gestimmt.

Die Bundesbehörden können die Berner Regierung von einem Plebiszit im Berner Jura überzeugen. Die Berner Regierung definiert ein mehrstufiges Vorgehen mit einer ersten Volksabstimmung auf dem Gebiet aller sieben Amtsbezirke (Ajoie, Courtelary, Delémont, Freiberge, La Neuveville, Laufen und Moutier), einer zweiten Abstimmung in den Bezirken, in denen keine Mehrheit erlangt wurde, und einer dritten in den Gemeinden, die an den Grenzen des künftigen Kantons zu liegen kommen.

Mit 36'802 Ja- gegen 34'057 Nein-Stimmen nimmt am 23. Juni 1974 eine knappe Mehrheit in den sieben Amtsbezirken die Gründung des Kantons Jura an. Am 16. März 1975 beschliessen die protestantischen Amtsbezirke Courtelary, Moutier und La Neuveville sowie der katholische Amtsbezirk Laufen ihren Verbleib im Kanton Bern. Im September beschliessen mehrere Grenzgemeinden ihren Anschluss an den Kanton Jura. Der nächtliche Sprengstoffanschlag vom 2. auf den 3. Juli 1975 auf das Haus eines gegenseparatistischen Aktivisten in Bassecourt steht vermutlich in Zusammenhang mit diesen Ereignissen. Im Rahmen der Berner Finanzaffäre wird bekannt, dass die Berner Regierung heimlich die Gegenseparatisten finanziert hat. Dem Amtsbezirk Laufen wird eine erneute Abstimmung zugestanden. Gemäss Abstimmungsergebnis vom November 1989 schliesst er sich am 1. Januar 1994 an den Halbkanton Basel-Landschaft an.

1. Januar 1979: Endlich souverän

1978 stimmen alle Kantone und eine überwältigende Mehrheit der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger für einen 26. Kanton. Die gewalttätigen Episoden, die während der Kampagne von beiden Lagern ausgehen, haben dabei keinen grossen Einfluss auf das Abstimmungsresultat. Die Republik und der Kanton Jura erlangt seine Souveränität am 1. Januar 1979. Mit Art. 138 genehmigt der Verfassungsrat in der neuen Kantonsverfassung eine Bestimmung, die antönt, dass sich dem Kanton in Zukunft auch Amtsbezirke und Gemeinden anschliessen könnten, die ihm nicht von Beginn weg angehören. Diese Bestimmung nimmt damit die Forderung nach einem Zusammenschluss des Juras und des Berner Juras vornweg, die in den Folgejahrzenten immer wieder aufkommen wird. Die beiden Parlamentskammern verwehren der Bestimmung ihre Gewährleistung.

Ein Teil des ehemaligen Fürstbistums Basel hat somit seine kantonale Souveränität auf demokratischem Weg erlangt: Ein Erfolg für die Schweizer Institutionen – trotz der Resignation bei der Berner Bevölkerung, die einen Teil des im Jahr 1815 erlangten Gebiets wieder abtreten muss – und ein Symbol für die Offenheit der Schweizer, die trotz den nach damaligem Empfinden manchmal an die Grenze des Akzeptablen stossenden Methoden der Separatistenführer, einen neuen Kanton begrüssen. Die Eidgenossen haben den Willen einer Mehrheit im Norden des Berner Juras anerkannt.

Die Gewandtheit und das Charisma der separatistischen Anführer, ein gewisser Mythos, eine geschickte Propaganda und gross angelegte Anlässe und Demonstrationen spielten in der Jurafrage eine zentrale Rolle – und nicht etwa Waffen und Sprengstoff, wie es die Autorin Carole Villiger insinuiert. Ein Kapitel aus ihrem 2017 erschienenen «Usages de la violence en politique» heisst übersetzt: «Jura: Separatismus über Waffengewalt». Die politischen Auswirkungen der FLJ-Attentate auf die Jurafrage sind noch nicht ausreichend untersucht, genauso wenig wie die von den separatistischen Bewegungen angestrebte Internationalisierung.

Von 1947 bis 1978 kam es zu Brandstiftungen und Anschlägen gegen Sachgüter, doch hat die Jurafrage nur ein einziges Todesopfer gefordert (1974 in Boncourt). Drei weitere Todesfälle sind auch im Jahr 2017 noch unklar: Jene des Offiziersaspiranten Rudolf Flükiger, des Polizisten Rodolphe Heusler und des Wirts Alfred Amez. Die Bürger des historischen Juras haben ihre Ordonnanzwaffen aber jedenfalls zu Hause gelassen.

Pierre Rottet, ehemaliger Bélier-Aktivist, erzählt:
«Wenn die Vorlage zur Gründung des Kantons Jura am 23. Juni 1974 an der Urne abgelehnt worden wäre, hätten wir unsere Aktionen sicherlich nicht zurückgefahren. Wir hatten übrigens mehrere Haudegenaktionen geplant wie das Kapern von Panzern auf dem Waffenplatz von Bure. Die Panzer wären auf französisches Gebiet geführt worden, um die Schweizer Regierung blosszustellen. Wir hatten auch die vollständige Isolation von Ajoie und dem Schloss Pruntrut vor. Eine solche Operation hätte eine Intervention der Sicherheitskräfte oder gar der Armee erfordert (…) Das alles wäre heute nicht mehr möglich, der heutige Diskurs ist ein anderer. Anstatt über Separation spricht man mittlerweile über die Öffnung von Grenzen und über die Bildung grösserer Gebietseinheiten – eine Entwicklung, die dem heutigen Zeitgeist entspricht.»

Aus: Pascal Fleury: «Les mémoires d’un ancien Bélier», Le Quotidien jurassien, 29. März 2010.

Am 2. Januar 1979 stösst die erste jurassische Kantonsregierung auf eine rosige Zukunft an.

Der Geheimplan der Béliers

Für den Fall eines negativen Ausgangs der Bundesabstimmung vom 24. September 1978 planen die jungen Separatisten, öffentlichen Druck auf den Verfassungsrat auszuüben, damit dieser die Wahl einer ersten jurassischen Regierung an die Hand nehme. Im Verlauf des Abends würden die Béliers, das RJ und die jurassischen Parteien den Generalstreik ausrufen. Am Montag würden ab 6 Uhr morgens vor den Unternehmen Flugblätter verteilt, im Anschluss käme es in Delémont zu einer Demonstration. Und um sich Gehör zu verschaffen und mit ihrer Botschaft im gesamten Jura wahrgenommen zu werden, wollen die jungen Separatisten schliesslich einen Militärlastwagen entwenden.

Man erarbeitet ein Überwachungsdispositiv zum Schutz des Verfassungsrats, der Separatistenführer und der Zugänge zum Jura, aber auch zur Kontrolle der Bern-Anhänger in Ajoie. «Falls erforderlich» wäre es «in der Schweiz zu sofortigen Massnahmen» gekommen, insbesondere zur «Verhaftung von Persönlichkeiten». Das Überwachungsdispositiv soll von den wichtigsten Vertretern des Verfassungsrats gutgeheissen worden sein, auch wenn ein Teil der angeblich geplanten Massnahmen höchst unwahrscheinlich scheint.

Aus: Jean-Claude Rennwald: La Suisse, 18. Dezember 1988.

Hervé de Weck
Hervé de Weck ist Militärhistoriker und und war zwischen 1991 und 2006 Chefredaktor der Revue Militaire Suisse.

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