Die Jahre 1947 bis 1973

Wie kam der Jura zum Kanton Bern? Und warum entwickelte sich dort eine derart explosive Stimmung? Eine neue Serie thematisiert diese Fragen und taucht tief in die jurassischen Hügel ein.

1815 erhält der Kanton Bern am Wiener Kongress das alte Fürstbistum Basel als Kompensation für den Verlust des Waadtlands und der aargauischen Vogteien zugesprochen. Nur ungern nehmen Ihre Exzellenzen das Geschenk an, das ihnen von Beginn weg Sorgen bereiten wird. Die Verbindung zwischen dem deutschsprachigen und protestantischen Kanton Bern und dem französischsprachigen und teilweise katholischen Jura liegt tatsächlich nicht auf der Hand.

In den 1830er-Jahren versuchen die Berner Liberalen, die katholische Kirche auf ähnliche Art zu dominieren wie schon zuvor die protestantische. In den 1870er-Jahren beschliessen die antiklerikalen Radikalen in Anlehnung an die sich in Deutschland abspielenden Ereignisse, das Licht der Zivilisation in die katholischen Regionen zu bringen. So kommt es zu hitzigen politisch-religiösen Wallungen und zum Aufmarsch kantonaler Truppen, um die öffentliche Ordnung im Nordjura zu gewährleisten, wo die Armee als radikal gesinnt wahrgenommen wird. Das Aufkommen einer separatistischen Bewegung im Jahr 1917 erklärt sich denn unter anderem auch mit dem Ringen zwischen Konservativen und Liberal-Radikalen sowie dem Graben zwischen deutscher und französischer Sprache und Kultur. Von La Neuveville bis Boncourt schliessen sich der Bewegung nur wenige Standespersonen an. Im Süden tritt sie stärker in Erscheinung als im Norden.

Gründung des Rassemblement jurassien

1947 verweigert der bernische Grosse Rat dem französischsprachigen Regierungsrat Georges Moeckli die Übernahme des Baudepartements mit der fadenscheinigen Begründung, er spreche zu wenig gut Berndeutsch. Es kommt zur Gründung der separatistischen Bewegung «Rassemblement jurassien» (RJ). Nach der Ablehnung der kantonalen Initiative von 1959 zur Gründung eines eigenen Kantons setzt das RJ unter dem Einfluss von Roland Béguelin vermehrt auf eine ethnolinguistisch begründete Strategie, was sich schlecht mit der bisherigen Gebietsforderung eines «historischen Juras» vereinbaren lässt, weshalb der deutschsprachige Amtsbezirk Laufen von den künftigen Separationsforderungen ausgeschlossen wird.

Ende der 1950er-Jahre plant das Eidgenössische Militärdepartement im Amtsbezirk Freiberge oder in Bure einen Waffenplatz für Panzerfahrzeuge, was in den betreffenden Regionen auf starken Widerstand trifft. Das RJ ist mit seinem antimilitaristischen Diskurs und seinem Engagement gegen einen jurassischen Waffenplatz offiziell gewaltfrei. Seine Anhänger desavouieren gerne ein reaktionäres und borniertes Deutschschweizertum. Das jährlich in Delémont begangene «Fête du Peuple jurassien» und andere grosse Veranstaltungen motivieren Mitstreiter wie Sympathisanten.

Im Mai 1963 entsteht die militante Separatistengruppe «Bélier» (frz. für Widder), die zahlreiche gewaltfreie, aber höchst medienwirksame Aktionen durchführt. Im Anschluss daran formieren sich die antiseparatistischen Gegenbewegungen «Union des patriotes jurassiens» und «Sanglier» (frz. für Wildschwein). Im Amtsbezirk Freiberge und in Ajoie führt der Protest gegen den Waffenplatz zu gewalttätigen Ausschreitungen und Attentaten. Es kommt zu patriotisch motivierten Militärdienstverweigerungen mit der Begründung, die Armee besetze den Jura, um die Separatisten in die Knie zu zwingen. Berntreue und Separatisten, Sangliers und Béliers organisieren Aktionen, Demonstrationen und Gegendemonstrationen, die in Moutier im September 1975 und April 1977 in gewaltsamen Episoden gipfeln und den Einsatz der Kantonspolizei erfordern.

Von 1962 bis 1966 begeht die kleine Aktivistenschar der Jurassischen Befreiungsfront (FLJ) rund ein Dutzend Attentate. Nichtsdestotrotz wird der separatistische Kampf zwischen 1947 und 1978 im Wesentlichen gewaltfrei und mit politischen Waffen ausgetragen. Bei der Feier vom 30. August 1964 zum Gedenken an die Mobilmachung behindern militante Separatisten am Denkmal «La Sentinelle des Rangiers» die Reden von Bundesrat Paul Chaudet und Regierungsrat Virgile Moine (die als Symbol für die Landesverteidigung errichtete Statue mit Übernamen «Le Fritz» wird in Separatistenkreisen immer mehr zum Symbol für den gegnerischen Kanton bzw. den verständnislosen Bund).

Im Sommer 1969 tritt die Bewegung für einen geeinten Jura («Mouvement pour l'unité du Jura») in Erscheinung: Diese «Dritte Kraft», die für sich für ein weitreichendes Autonomiestatut des Juras innerhalb des Kanton Bern einsetzt, findet im Berner Jura nur geringen Rückhalt.

Die Unbeholfenheit der Kantons- und Bundesregierung stärkt dem RJ den Rücken. Als am 30. August 1968 Truppen auf Pikett berufen werden, um nötigenfalls den Schutz der militärischen Infrastruktur im Jura gewährleisten zu können, und die Massnahme ungeschickterweise vorerst geheim gehalten wird, sieht sich das RJ veranlasst, von einer militärischen Besetzung des Juras zu sprechen. 32 jurassische Offiziere wenden sich in einem Protestschreiben an den Vorsteher des Militärdepartements. Und der Oberleutnant Berberat wird von der Berner Regierung abgesetzt, weil er an der «Fête du peuple jurassien» in Delémont das Wort ergriffen hat…

 

Am Wiener Kongress von 1815 wurde der Jura dem Kanton Bern zugeschlagen. Zeichnung: Jean Baptiste Isabey, Kupferstich: Jean Godefroy

Roland Béguelin (Mitte) galt als Kopf der jurassischen Separatisten-Bewegung.

Der geplante Waffenplatz für Panzerfahrzeuge in Bure traf auf starken Widerstand. Die separatistische Bewegung Rassemblement jurassien prostestiert lautstark und medienwirksam.

Im Frühling 1972 füllte die militante Separatistengruppe Bélier Tramschienen in Bern.

Der Jurassischen Befreiungsfront FLJ zugeschriebene Taten:

Oktober 1962

Brandanschlag, Militärbaracke Goumois

März 1963

Brandanschlag, Militärbaracke Bourrignon

April und Juli 1963

Brandanschläge auf vom Eidgenössischen Militärdepartement erworbene Gehöfte in den Freibergen

November und Dezember 1963

Sprengstoffanschlag auf eine Villa und eine Sägerei zweier gegenseparatistischer Leitfiguren in Mont-Soleil

 Februar 1964

Nächtlicher Sprengstoffanschlag auf die Bahnlinie Biel–Bern bei Studen

 März 1964

Sprengstoffanschlag auf die Berner Kantonalbank in Delémont

Der 2. Jurassischen Befreiungsfront FLJ zugeschriebene Taten:

März 1965

Molotow-Cocktail gegen das Steueramt von Delémont

März 1966

Versuchte Brandstiftung am Waffenlager von Glovelier

April 1966

Brandanschlag auf das Restaurant auf dem Mont-Crosin

Mai 1966

Brandanschlag auf ein Hotel in Saignelégier

Den Béliers zugeschriebene Taten:

Januar 1967

Stören des Neujahrsempfangs mit ausländischen Diplomaten

Juni 1968

Besetzung der Präfektur von Delémont

November 1968

Eindringen in den Nationalratssaal in Bern

September 1971

Zumauern des Eingangs zum Berner Rathaus

März 1972

Zuteeren von Tramschienen in Bern

August 1973

Besetzen der Schweizer Botschaften in Paris und Brüssel sowie der belgischen Botschaft in Bern

November 1975

Plünderung des Polizeipostens von Delémont

Februar 1976

Besetzen des Zolls von Boncourt

April 1976

Schändung der Tellsstatue in Altdorf

Januar 1978

Sprengstoffanschlag auf die Präfektur von Courtelary
Hervé de Weck

Hervé de Weck ist Militärhistoriker und und war zwischen 1991 und 2006 Chefredaktor der Revue Militaire Suisse.


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Ihr Kommentar





Ein Kommentar

Fred Wagner sagt:

Der sachlich gehaltene Artikel lässt kaum erahnen, wieviel Nervosität die Jurafrage auch in der Armee auslöste. Für die vier Wochen RS-Verlegung auf den Waffenplatz Bure wurden wir im Sommer 1973 eingehend vorbereitet und zu zurückhaltendem, korrektem Verhalten in Ausgang und Urlaub angehalten. Die Sonntagswachen wurden scharf bewaffnet, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Trotzdem blieben Begegnungen mit der lokalen Bevölkerung unverkrampft und unkompliziert. Bürger und Soldat waren, jedenfalls damals und in der Schweiz, keine Gegensätze, und auch der Zeitgeist trug zur Entspannung bei.

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