Altarbild aus der Pfarrkirche Torslunde, Anonym, 1561. Öl auf Eichholz. Dänisches Nationalmuseum

Streitfragen der Reformation

Die beiden Reformatoren Luther und Zwingli waren sich in vielem einig, zerstritten sich aber unversöhnlich bei der Frage, was das Abendmahl bedeutet.

Prunk, Macht, Korruption: Im Mittelalter kontrollierte die Römische Kirche den Alltag in Europa – im Dies- und im Jenseits. Die Kirche tat alles, um die Menschen an ihre eigene Sterblichkeit zu erinnern. Denn wer nach dem Tod nicht in die Hölle kommen wollte, hatte im Leben vorzusorgen. Sei es durch Busse der Sünden oder mit Geld. Nicht nur der Ablasshandel, die Befreiung von Sünden gegen Geld, sondern auch die Anbetung von Heiligen oder die Käuflichkeit von Kirchenämtern waren den Reformatoren ein Dorn im Auge. Die Reformbewegung strebte nach einer Erneuerung der Kirche und forderte eine Rückkehr zum wahren Glauben, vermittelt einzig über das Wort Gottes.

Als Auftakt zur Reformation gilt die Veröffentlichung von Martin Luthers (1483–1546) Thesen über das Ablasswesen vom 31. Oktober 1517. Auf dem Gebiet der heutigen Schweiz brachte Ulrich Zwingli (1484–1531) in Zürich die Reformation in Gang. 1519 trat Zwingli die Stelle als Priester am Grossmünster an. Unter seiner Leitung erschien 1531 in Zürich die erste vollständige Bibel in deutscher Sprache. Die Leute konnten nun das Wort Gottes unmittelbar in der eigenen Sprache verstehen. Ein zentrales Anliegen der Reformation war somit erfüllt, denn die Bibel galt als einzige und wahre Autorität. Darum wurden Heiligenfiguren, Tabernakel und Altargemälde aus den Kirchen entfernt, damit nichts und niemand die Konzentration auf das Wort Gottes stören konnte.

Herrenporträt Ulrich Zwingli, Hans Asper, 1549, Zürich. Öl auf Holz. © Zentralbibliothek Zürich, Grafische Sammlung

Porträt Martin Luther, Lukas Cranach d.Ä., 1528. Öl auf Holz. Foto: Wikimedia

Konflikt um das Abendmahl

Von den sieben Sakramenten der alten Kirche sind in der heiligen Schrift nur die Taufe und das Abendmahl ein Thema. Die Reformatoren schafften daher die anderen fünf ab. In diesem Punkt waren sich Martin Luther und Ulrich Zwingli einig. In anderen Fragen entfachte sich bald ein Konflikt zwischen den beiden und ihren jeweiligen Anhängern. Grösster Streitpunkt war die Bedeutung des Abendmahls. Für Menschen des 21. Jahrhunderts kaum nachzuvollziehen, stritten sich die Reformatoren um die Frage, ob Jesus Christus während des Abendmahls leiblich anwesend sei. Für Zwingli war das Abendmahl eine symbolische Handlung, eine Erinnerungsfeier. Für Luther waren Brot und Wein, die während der Feier ausgeteilt werden, der wahre Leib und das wahre Blut Christi.

Obwohl die Reformation Bilder in ihren Kirchen ablehnte, sind auch Gemälde entstanden, welche die neuen Ideen verbreiten sollten. Ein Altarbild von 1561 aus dem dänischen Torslunde zeigt, wie Luther das Abendmahl praktiziert haben wollte: Eine kniende Frau und ein kniender Mann empfangen vom Pfarrer Brot beziehungsweise einen Schluck Wein. Beim Brot handelt es sich nicht um ein alltägliches Gebäck, sondern um eine geweihte Hostie. Der Pfarrer legt der Frau die Hostie direkt in den Mund. Auch von Zwinglis Vorstellung des Abendmahls gibt es ein Bild. Es stammt aus einem Buch, das Zwingli zum Thema geschrieben hat. Ein Holzschnitt auf der Titelseite zeigt Jesus, umgeben von seinen Jüngern beim «Nachtmahl». Es gibt keine Hostien, das Brot wird den Gläubigen in die Hand gegeben.

Am einzigen Treffen der beiden Reformatoren, dem sogenannten Marburger Religionsgespräch von 1529, versuchte man sich über die Frage des Abendmahls zu einigen. Der Versuch scheiterte und in der Folge kam es zum endgültigen Bruch zwischen der lutherischen und der schweizerischen Reformation. Vom Abendmahlstreit zeugt noch heute die Tatsache, dass es in Europa und in der Schweiz sowohl eine reformierte wie auch eine lutherische Kirchengemein schaft gibt. Im Gegensatz zu jenen in Norddeutschland und Skandinavien ist die lutherische Gemeinde in der Schweiz sehr klein. Hierzulande dominiert, dank Zwingli und Calvin, die reformierte Ausprägung.

Bild auf Frontispiz von Ulrich Zwinglis «Action oder Bruch des Nachtmals», 1525. Bild: Zentralbibliothek Zürich

Gott und die Bilder. Streitfragen der Reformation

2. Februar bis 15. April 2018
Landesmuseum Zürich

Anfang 1519 kam Ulrich Zwingli als Gemeindepriester nach Zürich und löste in der Schweiz die Reformation aus. Fast 500 Jahre später gilt die Reformation noch immer als eines der prägendsten Ereignisse der Schweizer Geschichte. Die Ausstellung im Landesmuseum Zürich rückt den Streit um den richtigen Glauben ins Zentrum und beleuchtet die Entstehung einer neuen Konfession. Eigens für die Ausstellung produzierte Animationsfilme erwecken die Geschichten und Konflikte jener Zeit zum Leben. Ein Projekt im Rahmen von zh-reformation.ch.

Am Anfang der protestantischen Kirchenspaltung steht der Streit ums Abendmahl. Von der Bedeutung der Hostie für Luther zum Brot von Zwingli bis hin zur Begegnung der Reformatoren in Marburg erklärt der Film den Bruch zwischen Reformierten und Lutheranern. Film: Schweizerisches Nationalmuseum, Produktion: Zense GmbH, Zürich

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Alexander Rechsteiner

Hat Anglistik und Politikwissenschaften studiert und arbeitet bei der Kommunikation des Schweizerischen Nationalmuseums.


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Ihr Kommentar





3 Kommentare

Hans Arnold sagt:

Sehr gut skizziert die Unterschiede!
Für mich als kath. Innerschweizer habe ich den Protestantismus „Zwinglisch“, politisch, martialisch wahrgenommen.
Die Sichtweise Luthers steht mir als Katholik so nahe, wie kaum eine andere – auch in hier nicht besprochenen Aspekten.

Gina Hilty sagt:

Die Filmchen zu den Themen der Reformation sind wirklich super und witzig! Die Ausstellung blieb für mich insgesamt aber zu oberflächlich, knapp und fragmenthaft.
Ich fand es schade, dass es keine ausführlichere, vertiefendere Informationen an den einzelnen Stationen gab.

Hefti Sebastian sagt:

«Für Menschen des 21. Jahrhunderts kaum nachzuvollziehen, stritten sich die Reformatoren um die Frage, ob Jesus Christus während des Abendmahls leiblich anwesend sei.» Wieso massen Sie sich diese Beurteilung darüber, was wir Menschen heute verstehen oder miss-, oder gar nicht mehr verstehen? Es sind fundamentale Fragen des menschlichen Geistes und solche sind zu allen Zeiten sehr gut «nachzuvollziehen». Insbesondere wenn keine elitistischen Vormundschaften uns vorschreiben, was wir zu denken fähig sind und wozu nicht. Ansonsten: Vielen Dank für Ihre herausragend gute Arbeit. Nur dieser einzige Satz bringt mich in höchste Rage.