Zürcher Regimentsspiegel, 1657, Hans Heinrich Schwyzer.
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum (Ausschnitt)

Familienherrschaft, wie funktonierte das?

Ob in Stadt- oder Landorten der Eidgenossenschaft: eine ganze Epoche wurde geprägt durch die Herrschaft geschlossener Gruppen führender Geschlechter. Sind wir nicht die älteste Demokratie der Welt?

«Und als danne die eltest friheit gewesen und noch ist, das je ein rat den andren setzet und dass man deren dheinen endren noch absetzen sol, die wil er lept, einer verschulde dann dass mit uneren.» (Übersetzung) Damit setzte Luzern bereits im 14. Jahrhundert die Eckpfeiler für die Geschlechterherrschaft: das Recht der Räte, sich selber zu ergänzen, durch Zuwahl also, dazu die Lebenslänglichkeit der Ratsstellen. Zwar entstand gelegentlich Unmut, wenn jemand seiner Aufgabe im Rat nicht mehr gewachsen war, aber Stadtschreiber Renward Cysat (1545–1614) beschwichtigte: «So syent ouch jemalen der lamen, blinden, ungehörenden oder untogenlichen nit so vil, wann das der andern noch so vil gnuog sigen zuo verrichtung der sachen.» (Übersetzung) Die Betreffenden sollten das Ratsgeld weiterhin beziehen, allerdings nicht mehr helfen mehren.

In Luzern gab es vorerst einen «Rat der Dreihundert», in einer kleinen Stadt fast eine Gemeindeversammlung. Daraus wurden «die Hundert», aber auch diese Einschränkung genügte nicht. 1492 wurde beschlossen, «dz man die hundertt liesse absterben bitz an 50 oder 60, tamit möchtte man ein erbern rätt haben und muöste man nit nämen jederman». (Übersetzung) Das Ziel war klar: ein ehrenwerter Rat, handverlesen.

Konzentration in Rat und Ämtern

Wie in den meisten europäischen Städten wollte die Oberschicht auch in der Eidgenossenschaft die Macht konzentrieren. Mit Erfolg. 1525 gehörten dem Grossen Rat Berns Vertreter aus 198 Geschlechtern an, 1680 nur noch 115. Ein ähnliches Bild in Zürich. Hier ging die Zahl der Familien in den Räten im Zeitraum 1530–1730 von 143 auf 87 zurück. Der Zirkel der Macht hatte sich beinahe halbiert. Ob die führenden Geschlechter in Solddienstorten wie Bern, Freiburg, Solothurn oder Luzern regierten oder in Zunftstädten wie Zürich, Basel, Schaffhausen oder St. Gallen, einen Unterschied machte das grundsätzlich nicht. Selbst die Unterschiede zu den Landsgemeindeorten werden oft überschätzt. Bereits im 15. Jahrhundert stellten die Reding in Schwyz 5 Landammänner, die Beroldingen in Uri 2, die Tschudi in Glarus 3, die Zelger in Nidwalden 6 und die Wirz in Obwalden deren 2. Wenige Jahrzehnte nach dem Sturz des «alten Adels» formierte sich bereits ein «neuer Adel». Landammännerdynastien konnten sich zum Teil bis ins 19. Jahrhundert behaupten. Machtkonzentration hiess im Klartext: Man wollte unter sich sein. Das Mittel zum Zweck besass man, die Zuwahl. Aber vorerst fehlte die Voraussetzung.

Übersicht über die führenden Geschlechter des 16. Jahrhunderts im Kleinen Rat Luzerns
Vor 1580: «Man muöste nämen jederman» – nach 1580: «Mine Gnädigen Herren», exklusiv.

«Dieser leidigen zytten und stärbenden löüffen halb»

1422 kamen in der Schlacht bei Arbedo mehr als 100 Luzerner Stadtbürger um, darunter 10 Kleinräte und 30 Grossräte. Wie sollte eine Gruppe führender Geschlechter in der Regierung unter sich sein können, wenn auf einen Schlag 40 Mitglieder fehlten? Man griff sogar zum Mittel der Zwangseinbürgerung, um die Lücken zu schliessen. 1515 kamen bei Marignano 6 Zürcher Kleinräte ums Leben, 1531 bei Kappel nochmals 6. Seuchen grassierten und forderten namentlich in den Städten viele Opfer, nach der Fastenzeit und im Hochsommer erst recht. Pestzüge suchten die Schweiz von 1350 bis in die späten 1660er Jahre heim. In den Räten wollte man zwar «nit nämen jederman, muöste» aber doch. Die Demografie bestimmte, nicht der Wille zur Macht. Seit etwa 1580 war die Abschliessung unumkehrbar – bis 1798.

Bern, Schultheissenthron, 1785.
Bild: Historisches Museum Bern

«Freiheit – Gleichheit» Wie bitte?!

Der Berner Schultheissenthron ist eine historische Knacknuss: antikisierend geschnitzt, vollständig vergoldet, zuoberst ein Liktorenbündel, dazu Zepter und Degen als Herrschaftszeichen, schliesslich eine Krone mit der Inschrift «Freiheit – Gleichheit». Was soll das?! Soviel bekannt ist, brach die Französische Revolution weder 1785 noch in Bern aus. – Also: Das ist nicht der Thron eines Monarchen. «Freiheit» bedeutet hier Unabhängigkeit von allen Monarchen. «Gleichheit» meint die Gleichberechtigung der 13 eidgenössischen Orte. «Gleich» sind zudem alle im gleichen Stand, also alle Regimentsfähigen, alle Burger, alle Untertanen, je unter sich, jedenfalls rechtlich. Wer’s darüber hinaus glaubt, zahlt einen Taler. So oder so: Republikanischer Frohsinn stellt sich nicht ein.

Ironie der Geschichte: Als der Sekretär des französischen Generals Brune am 9. März 1798 in die Berner Burgerstube trat, klebte er an den Schultheissenthron einen Zettel. Darauf stand: «Freiheit – Gleichheit». Wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht das Gleiche.

→ Mögen Sie allegorische Bilder und Objekte? Dann warten morgen zwei Berner Prachtstücke auf Sie – auf Leinwand gemalt und in Stein gehauen.

«Mine Gnädigen Herren»

In mehreren Wochenserien präsentiert der Historiker Kurt Messmer den Weg der Schweiz vom Feudalismus in die Demokratie.

Das historische Menu dieser Woche:  Schauplatz Eidgenossenschaft – vom «alten Adel» zum «neuen Adel»

Montag:
1415 statt 1291? Ein historischer Kick
Die Eroberung des Aargaus bescherte den Eidgenossen die erste gemeinsame Verwaltungsaufgabe. Seit 1415 rückte man näher zusammen.

Dienstag:
Aufstieg zur Macht, Version «CH»
Geld machte es möglich: Wie Händler, Fährleute und Schneider adelig wurden. Die Diesbach-, Feer- und Pfyffer-Saga.

Mittwoch:
Familienherrschaft, wie funktionierte das?
Ob in Bern, Luzern oder Zürich: Die «Gnädigen Herren» bestimmten, wer in ihren exklusiven Kreis aufgenommen wurde.

Donnerstag:
Adel, Klerus, 3. Stand – alles Mutzen
Das Selbstverständnis der «wohledelfesten» Republik Bern –  um 1680 bildhaft vor Augen geführt von der allegorischen Berna.

Freitag:
Versailles und Paris in Solothurn
Die Paläste der Gnädigen Herren zeugen noch heute von einer Zeit, in der man auch hierzulande als Herr oder als Untertan geboren wurde.

Kurt Messmer
Kurt Messmer von Emmen LU war Fachleiter Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Luzern und Lehrbeauftragter für Geschichtsdidaktik an der Universität Freiburg CH; seither freischaffender Historiker mit Schwerpunkt Geschichte im öffentlichen Raum.

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Ihr Kommentar





3 Kommentare

Urs L. Steger sagt:

Liebe Frau Bonin
Welch ein glücklicher Zufall und welche Freude, dass ich dank Ihnen auf den Blog des Landesmuseums – sorry Nationalmuseums – gestossen bin – ich freue mich auf die nun regelmässig eintreffenden Beiträge, die eine schöne und heitere Ablenkung meiner Büroarbeit sein werden.
Urs L. Steger
Projektleiter ultra fines
Chorherrenstift Beromünster

PJWeber sagt:

Szepter und Degen treffen wir heute noch in den Wappen der Bischöfe an als Bischofsstab und Schwert. In beiden Fällen symbolisiert das Erstere die exekutive und das Zweitere die judikative Herrschaft.

Steffen Walter sagt:

Interessant zu sehen, dass Nepotismus und Klientelwesen nicht nur auf Italien beschränkt war (und ist). – Ich empfehle die Lektüre auch dem „Blocher-Clan“.