«Zwei Indianer im Einbaum», François-Auguste Biard (1799 – 1882), um 1860. © Musée du quai Branly - Jacques Chirac. Foto: Enguerran Ouvray

Kamele, Haremsdamen und blinde Flecken

Wussten Sie, dass die Franzosen eine Sammlung von «Kolonialkunst» haben? Das Pariser Musée du quai Branly holt sie aus dem Depot und zeigt, wie Kunst eingespannt wurde, um die kolonialen Abenteuer ästhetisch zu verbrämen.

Es gab eine Zeit vor dem Charterflug, in der nur wenige privilegierte Reisende weiter kamen als bis zum nächsten Kirchturm. Eine Zeit, in der man den Daheimgebliebenen mit bunten Bildern ganz schön was vormachen konnte. Auf so ein buntes Bild treffen wir derzeit im Foyer des Pariser Musée du quai Branly. Es zeigt Dattelpalmen, Orangen- und Zitronensträucher, Oliven, Trauben, goldgelb leuchtende Weizengarben, Tabak, Kakaofrüchte und weitere exotische Gewächse. Zur besseren Orientierung ist die ganze Herrlichkeit mit goldenen Lettern im Art-Déco-Stil beschriftet.

In dem botanischen Chaos tummeln sich mehr oder weniger dunkelhäutige Männer, Frauen und Kinder. Die meisten sind in malerisch drapierte Gewänder gehüllt. Als Blickfang dient eine Frau am rechten Bildrand, die ihren nackten Oberkörper reckt, um an Kakaofrüchte zu gelangen. Keiner dieser Menschen blickt uns an, alle sind sie eifrig am Ernten.

Die süffige Flachmalerei ist Auftakt und Teil der Ausstellung mit dem Titel «Peintures des lointains», Gemälde der Ferne. Gemeint sind damit zunächst die geografisch entfernten Weltgegenden, um die es geht. Die rund 200 Gemälde muten allerdings auch wie eine Flaschenpost aus einer noch in ganz anderer Hinsicht fernen und fremden Welt an. Sie wurden 1931 für das damals im Rahmen der Pariser Kolonialausstellung eigens gegründete «Musée des colonies» zusammengetragen, ja sogar vom französischen Staat extra in Auftrag gegeben.

«Wichtigste Herstellungsarten von pflanzlichen Produkten», Georges Michel, genannt Géo Michel, um 1930. © Musée du quai Branly - Jacques Chirac. Foto: Claude Germain

«Speerwerfender Eingeborener von Neukaledonien», Jean Piron. Foto: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France

Das beschriebene künstliche Paradies von Géo Michel gehört zu den Auftragsarbeiten. Wir werden noch vier weiteren Grossformaten dieses Malers im selben Stil begegnen, und auf ihnen kommen so ziemlich alle Rohstoffe vor, die aus den Kolonien extrahiert wurden. So funktionieren Propagandabilder: vergeblich sucht man Hinweise auf die tatsächlichen Arbeitsbedingungen oder gar die Wertschöpfungskette mit ihren Zwischenhändlern, Auftraggebern, Profiteuren und Konsumenten.

Géo Michels Werk markiert eine der Extrempositionen dieser Schau. Aus kulturhistorischer Sicht ist sie eine kleine Sensation. Denn sie zeugt nicht zuletzt von einem neuen Verständnis im Umgang mit dem unbequemen kolonialen Erbe.

Die junge Kuratorin Sarah Ligner sah sich mit der Aufgabe konfrontiert, für diesen ersten Gesamtüberblick der «Kolonialkunst» eine inhaltlich wie künstlerisch recht heterogene Bildermasse zu strukturieren. Sie setzt dabei vor allem auf thematische und geographische Schwerpunkte, während die Chronologie eher in den Hintergrund tritt.

Beim Rundgang kristallisieren sich vor allem verschiedene Interessen bei der künstlerischen Aneignung des Fremden heraus. Zunächst ging es den Künstlern, die in erster Linie Seeleute und sonstige Reisende mit zeichnerischer Begabung waren, um die Dokumentation der neu entdeckten Welten für sich selber oder ihre Auftraggeber.

Trotz ehrenwerter Absichten ist der Begriff des «Dokumentarischen» jedoch mit Vorsicht zu geniessen. Das illustriert etwa Jean Pirons Zeichnung von einem Bewohner der Fidschi-Inseln von 1791. Denn das herrschende klassizistische Ideal scheint Piron einen Streich zu spielen: Sein Konterfei des Inselbewohners ähnelt verräterisch einem griechischen Marmorhelden.

Solche Filtereffekte und blinde Flecken sind typisch für das Genre. Es verrät oft mehr über die Haltung und das Weltbild ihrer Produzenten und einstigen Konsumenten als über die Wirklichkeit, die sie angeblich wiedergibt. Unübersehbar wird dies im späteren 19. Jahrhundert, der Blütezeit des Orientalismus. Kamele, Oasen, Haremsdamen und türkische Bäder – das sind die Bausteine für den Bilderbuch-Orient. Damit nicht genug: Die Ausweitung der französischen Kolonialmacht nach Tahiti, Madagaskar, Nordafrika oder Indochina schlägt sich in einer teilweise sogar staatlich befeuerten Bildproduktion nieder: Etliche Künstler erhalten Reisestipendien. Andere, wie Gauguin, suchen in einer idealisierten Tropenwelt gar den Ort für einen alternativen Lebensentwurf. Gauguins Werke zählen künstlerisch zwar zu den Höhepunkten der Schau. In diesem Kontext illustrieren sie aber auch seinen Exotismus.

Zu den Eigentümlichkeiten der Kolonialmalerei gehört, dass sie angesichts der im 19. und 20. Jahrhundert verfügbaren Möglichkeiten einer fotografischen Dokumentation zunehmend der Schönfärberei dient. Unter dem Deckmantel einer realistischen Darstellung der exotischen Welten wird hier fleissig Ideologie produziert. Leider verzichtet die Schau darauf, diesen Aspekt durch den Einbezug von Fotografien wenigstens punktuell schärfer auszuleuchten.

Man fragt sich beim ausgedehnten Rundgang auch, wie es wäre, die «Kolonialkunst» nicht als eher unschöne Marginalie der gloriosen französischen Kunstgeschichte zu präsentieren, sondern sie in Relation zu setzen zu den Klassikern von Ingres, Delacroix bis hin zur klassischen Moderne, die sich von der «Negerplastik» (Carl Einstein) inspirieren liess. Diese Künstler hängen längst in den grossen Museen, obwohl auch ihr Bildvokabular undenkbar ist ohne den kolonialen Hintergrund.

«Die Odaliske, auch Algérienne genannt und ihre Sklavin», Ange Tissier (1814 – 1876), 1860. © Musée du quai Branly - Jacques Chirac. Foto: Thierry Ollivier, Michel Urtado

Plais de la Porte Dorée, Paris

Der Palais de la Porte Dorée in Paris. © Paris Tourist Office. Foto: Daniel Thierry

Besonders aufschlussreich sind die Informationen zum weiteren Schicksal des «Musée colonial» und des bis heute existierenden «Palais de la Porte Dorée» im Pariser Osten. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde es zum «Musée de la France d’Outremer». Der französische Kulturminister André Malraux wandelte das Haus 1960 zu einem «Museum der Künste Afrikas und Ozeaniens» um. Es bestand bis 2003, doch die peinliche Sammlung der «Kolonialkunst» war da schon längst ins Depot verbannt. Sie wurde 2006 dem Musée du quai Branly zwecks Restaurierung und Aufbereitung übergeben. Das «Palais de la Porte Dorée» dagegen beherbergt seit 2007 das «Musée de l’immigration». Bis heute ist es nicht recht zum Fliegen gekommen. Aus einem denkmalgeschützten Art-Déco-Palais, dessen ausladender Gebäudeschmuck die Kolonialnation feiert, einen glaubwürdigen Ort für die kritische Aufarbeitung dieser Zeit zu machen, ist anspruchsvoll.

Peintures des lointains

bis 6. Januar 19 | Musée du quai Branly - Jacques Chirac

Mehr Infos zur Ausstellung und zu den Öffnungszeiten unter www.quaibranly.fr

Hibou Pèlerin
Seit vielen Jahren fliegt Hibou Pèlerin zu kulturhistorischen Ausstellungen. Für den Blog des Schweizerischen Nationalmuseums greift sich Pèlerin die eine oder andere Perle raus und stellt sie hier vor.

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