Wilhelm Keller, Gruppe in antikisierendem Militärgewand, Sechseläuten, Zürich, 20.4.1914, Farbdiapositiv: Gelatinetrockenplatte, Autochrom, 9 x 12 cm, Schweizerisches Nationalmuseum

So bunt sah das Sechseläuten vor 100 Jahren aus

Fünf frühe Farbfotos von 1914 zeigen, wie farbig das Zürcher Frühlingsfest bereits vor 100 Jahren war.

Am Sechseläuten vom 16. April 2018 ziehen die Zunftmitglieder wieder in farbenprächtigen Trachten und Kostümen durch die Zürcher Innenstadt. Den Zunftumzügen durch die Bahnhofstrasse über das Limmatquai folgt am Sechseläutenplatz um punkt 18 Uhr das Verbrennen des Bööggs, eines mit Holzwolle, Karton, Jute, Watte und Böllern vollgestopften Kunstschneemanns. Der Kopf des Bööggs ist mit besonders lauten Knallkörpern ausgestattet. Die Tradition besagt, dass die Dauer vom Anzünden des Bööggs bis zur Explosion seines Kopfes das Wetter im Sommer bestimmt: je schneller es knallt, desto vielversprechender soll der Sommer sein. Der Name des Festes geht auf einen Ratsbeschluss aus dem 16. Jahrhundert zurück, den Feierabend in den Sommermonaten um sechs statt um fünf Uhr einzuläuten. Wie viele andere Volksfeste hat sich auch das Sechseläuten über die Jahrhunderte verändert. Die uns heute bekannte Feier mit Umzug und Böögg-Verbrennen ist erst knapp 100 Jahre alt. Aus dieser Zeit stammen auch fünf frühe Farbfotografien des Sechseläutens, die sich in der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums befinden.

Bericht über das letztjährige Sechseläuten in der SRF-Tagesschau vom 24. April 2017. Video: SRF

1907 brachten die Brüder Lumière die erste kommerziell erfolgreiche Farbfotografie, das Autochrom, auf den Markt – ein Verfahren, das mit eingefärbter Kartoffelstärke und Silbersalzen arbeitet. Dadurch war es erstmals möglich, eine Farbfoto direkt herzustellen. Autochrome haben einen malerischen Charakter – ein Resultat, das aus der Farbigkeit der grobkörnigen Kartoffelstärke stammt. Diese frühe Farbfotografie war allerdings noch nicht sehr praktisch. Da das Autochrom ein Unikat ist und aus einem Glasdiapositiv besteht, braucht es für die Betrachtung ein technisches Hilfsmittel, zum Beispiel einen Projektor, weshalb es nur schwer reproduzier- und ausstellbar war.

Der Kreisingenieur Wilhelm Keller (1862–1942) war ein engagierter Fotoamateur. Er nahm am Sechseläuten des 20. April 1914 ein Autochrom von einer Gruppe von Männern auf, die in antik aussehendem Militärgewand posieren.

Im gleichen Jahr nahm der Ingenieur Heinrich Sallenbach (1890–1920) Autochrome desselben Anlasses auf. Vier Fotografien zeigen Mädchen und Jungen in Trachten und Kostümen am Tag des Kinderumzugs, der seit den 1890er-Jahren am Sonntag vor dem Sechseläuten stattfindet. Die verschiedenen Kostüme verweisen auf unterschiedliche Zunftszugehörigkeit und reichen von traditionellen Schweizer Trachten bis hin zur Rokoko-Verkleidung.

Hans Sallenbach, Kindergruppe, Sechseläuten, Zürich, 19.4.1914, Stereofarbdiapositiv: Gelatinetrockenplatte, Autochrom, 7 x15 cm, Schweizerisches Nationalmuseum

 

Sallenbachs Doppelbilder sind Stereoaufnahmen, die seit den 1850er-Jahren sehr populär waren. Dank eines Betrachtungsgeräts, eines Stereoskops, konnte das Auge die zwei aus leicht verschiedenen Positionen aufgenommen Fotos zu einem 3D-Bild zusammenführen. So konnte man von zu Hause aus oder auf dem Jahrmarkt in heimische oder fremde Welten – in jeder Couleur – eintauchen.

Das Autochromverfahren verlangte viel Licht und dadurch lange Belichtungszeiten. Wie die drei Schwarz-Weiss-Fotos zeigen, konnte man die bewegten Szenen des Umzuges nur mit dem monochromen Verfahren fotografieren.

Für die heutigen Betrachterinnen und Betrachter stellen die Autochrome von Keller und Sallenbach vor allem bunte Einblicke in eine vergangene Zeit dar.

Stereobildbetrachter aus Holz, um 1920-1935. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Anonym, Sechseläutenumzug, Ecke Bahnhof-/ Börsenstrasse (links), Rämistrasse (mitte), Zürich am 20.4.1914. Fotos: Schweizerisches Nationalmuseum

Glasplatten-Sammlung geht online

Das Nationalmuseum besitzt über 40‘000 fotografische Glasplatten, davon über 800 Autochrome, die in den Bestand durch verschiedene Ankäufe und Schenkungen gelangten. Ein Grossteil davon stammte aus der berühmten Sammlung von Ruth und Peter Herzog (Basel). Seit 2017 werden die Fotografien fachgerecht aufgearbeitet und dem Publikum digital zugänglich gemacht. Falls es die Nutzungsrechte erlauben, werden die Bilder in der Sammlung-Online des SNM publiziert.

Patrizia Munforte
Dr. des. Patrizia Munforte ist Kunsthistorikerin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Schweizerischen Nationalmuseum und am Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich.

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