Der Mini-Scooter wird als Sportgerät für waghalsige Stunts genutzt. Foto: KEYSTONE/DPA/Frank May

Von der Draisine zum Mini-Scooter

Der moderne Mini-Scooter ist auf den urbanen Strassen allgegenwärtig. Wie aber kam er zu seiner heutigen Form? Meilensteine der Radgeschichte in der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums geben Aufschluss.

Der Mini-Scooter erfreut sich heute hoher Beliebtheit. Nicht nur Kinder nutzen die kleinen zwei- oder dreirädrigen Flitzer, sondern auch Erwachsene, die weder im Stau sitzen, noch gedrängt im Feierabendverkehr im Bus herumstehen wollen. Dabei denkt fast niemand mehr an die hölzernen Ursprünge der fahrenden Tretbretter.

Karl Freiherr von Drais, geboren am 29. April 1785 in Karlsruhe, suchte im frühen 19. Jahrhundert eine günstige Fortbewegungsalternative, da der Preis für Pferdefutter wegen Missernten anstieg. 1817 erfand er die nach ihm benannte Draisine, eine noch schwerfällige zweirädrige Konstruktion aus Holz und Metall – die sogenannte Laufmaschine. Nach seiner Patentierung vor 200 Jahren verbreitete sich dieses Urfahrrad rasant.

Diese Laufmaschine mit Ledersitz aus dem 19. Jahrhundert ist ein  Vorgänger des Velos, gefertigt aus bemaltem Holz. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Die hölzernen Räder der Draisine machten das Fahrerlebnis schaukelnd und bisweilen abenteuerlich. Im Verlauf der Zeit entwickelten sich aus der Draisine verschiedene Alltagsfortbewegungsmittel, die bequemer über die sich parallel dazu verbessernden Strassen rollten. Zum Beispiel das Fahrrad und auch das Trottinett.

Ein Vorreiter in der Produktion von Kindertrottinetts war die Wisa-Gloria AG aus Lenzburg. Entstanden aus einer Fabrik für mechanische Kinderwagen im 19. Jahrhundert, stellt sie seit gut 100 Jahren Kinderspielzeug her. Mit Flagge und Richtungsanzeiger auf dem Lenker entwickelten sich die Trottinetts der Wisa-Gloria AG im 20. Jahrhundert zu einem Verkaufsschlager.

Das kultige Kindertrottinett der Wisa Gloria AG wurde zwischen 1900 und 1950 hergestellt. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

 

Innovation aus Winterhur

Mit der steigenden Nachfrage nahm auch die technologische Entwicklung immer mehr Fahrt auf. In den 1980er-Jahren wurde vermehrt das kleine, leicht abrollbare Vollgummirad eingesetzt – auch für Inlineskates und Skateboards – was die Ausgangslage bildete für die Entwicklung der modernen Tretroller, wie wir sie heute kennen. Auch hier spielte eine Schweizer Firma eine besondere Rolle.

Inspiriert von der pfiffigen Idee seines Lehrlings skizzierte Edmondo Duarte, Ausbilder der Firma Sulzer, den Prototypen für ein modernes Fortbewegungsmittel. Er sammelte in seiner Werkstatt verfügbare Teile und montierte sie zusammen: ein massives Untergestell, Rohre, eine Velogabel, kleine Gummiräder und ein Riffelblech als Trittbrett. Diesen Prototypen des modernen Mini-Scooters schenkte er dem Landesmuseum.

Der Prototyp des modernen Mini-Trottinetts wurde von Edmondo Duarte aus Winterthur gefertigt. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Dieser Micro-Skate-Scooter von Wim Ouboter ist aus Aluminium gemacht und zusammenklappbar. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Heute sind die Mini-Scooter weit verbreitet und es gibt sie in mannigfacher Ausführung. Modelle aus Aluminium bringen nur noch einen Bruchteil des Gewichts ihrer Vorgänger auf die Waage, sind zusammenklappbar und leicht zu transportieren. Durch Kugellager aus Chrom und angebrachten Reflektoren sind sie auch in der Verkehrssicherheit fortschrittlich.

Mit der Entwicklung vom schwerfälligen Holzkonstrukt zum leichten Verkehrsmittel hat auch ein gesellschaftlicher Wandel stattgefunden: Weg vom holprigen Transportmittel hin zum modischen Freizeit-Gadget. Viele nutzen die neuen Mini-Scooter um Tricks und Sprünge zu üben und damit ihrem Hobby zu frönen.

Laetitia Burkhard
Laetitia Burkhard studiert Kulturmanagement an der Universität Zürich und arbeitet im Landesmuseum.

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