Siegerbild von 1990: Ein Demonstrant blockiert eine Panzerkolonne auf dem Tiananmen-Platz. Foto: Charlie Cole

Eine Plattform im Bildersturm

World Press Photo (WPP) hat sich von einem Zusammenschluss holländischer Fotojournalisten zu einer globalen Organisation entwickelt. Die Geschichte von WPP zeigt auch, wie sich Gesellschaft und Technik in den letzten Jahrzehnten verändert haben.

Ein stürzender Motocross-Rennfahrer und ein brennender Demonstrant: Zwischen dem allerersten und dem diesjährigen Siegerbild des renommierten World Press Photo Awards liegen 63 Jahre voller Umbrüche im Weltgeschehen und Zäsuren in der Pressefotografie. World Press Photo widerspiegelt diese Entwicklungen nicht nur, sondern ist prägender Teil davon. Es lohnt sich also, kurz einen Blick auf die Geschichte des bedeutendsten internationalen Pressefoto-Wettbewerbs zu werfen.

Ins Leben gerufen wurde der Wettbewerb 1955 durch holländische Fotojournalisten im Rahmen des nationalen Pressefotopreises der «Zilveren Camera», um letzterem mehr internationale Beachtung zu verschaffen. Wettbewerb, Ausstellung und Netzwerkanlass waren von Beginn weg untrennbar miteinander verbunden. 1960 wurde die Non-Profit-Stiftung World Press Photo mit Sitz in Amsterdam als institutionelle Trägerschaft geschaffen. Damit sollte auch die Unabhängigkeit des Wettbewerbs unterstrichen werden, denn schon in den Anfängen wurde in Hinblick auf den kalten Krieg darauf geachtet, dass Fotografien losgelöst von ihrer Herkunft von einer unparteiischen Jury ausgewählt wurden.

Ein stürzender Motocross-Fahrer war 1955 das erste Siegerbild von World Press Photo. Foto: Morgens von Haven

Das Siegerbild von 2018 zeigt einen brennenden Demonstranten während einer Kundgebung in Venezuela. Foto: Ronaldo Schemidt / AFP

Schon nach wenigen Jahren entwickelte sich World Press Photo zum weltweit tonangebenden Pressefoto-Wettbewerb. Diese schnelle Etablierung fällt in die letzte Hochphase der illustrierten Presse in den 1960er-Jahren, bevor das Fernsehen die Fotografie als führendes visuelles Medium in der tagesaktuellen Berichterstattung ablöste. So ist es bezeichnend, dass World Press Photo mit ikonischen und kontrovers diskutierten Bildern aus dem Vietnamkrieg erstmals in die breite öffentliche Wahrnehmung rückte. Über 1500 Fotoreporter produzierten mit ihren flexiblen Kleinbildkameras weitgehend ungehindert und unzensiert massenweise schockierende Bilder für eine bildersüchtige Heimatfront. Es sind Fotografien, welche unsere Erinnerung von diesem Krieg nachhaltig prägen, aber auch mit World Press Photo in Verbindung gebracht werden. Als berühmtestes Beispiel gilt das Bild mit einem nackten vietnamesischen Mädchen nach einem Napalm-Angriff. Gleichzeitig brachte das Fernsehen die Geschehnisse flächendeckend als «living room war» noch unmittelbarer in den privaten häuslichen Raum.

Das Siegerbild von 1973 thematisierte den Vietnamkrieg. Kinder fliehen nach einem Napalm-Angriff durch US-Truppen. Foto: Nick Ut Cong Huynh

Aids war in den 1980er-Jahren ein grosses Thema. 1987 gewann dieses Porträt eines an Aids erkrankten Mannes den Wettbewerb. Foto: Alon Reininger

Unbesehen des stetig wachsenden Konkurrenzdrucks, unter dem die gesamte Pressebildindustrie steht und der seit der Digitalisierung nochmals an Schärfe zugenommen hat, erfuhr World Press Photo als Organisation und Anlass eine stetige Erweiterung und Professionalisierung. World Press Photo wurde dabei selbst zu einem Gradmesser von Veränderungen. Inhalt und Form der jeweils preisgekrönten Pressebilder bezeugen gesellschaftliche Wandlungsprozesse. Dominierten bis in die 1990er-Jahre eher harte Ereignisbilder, nehmen hintergründige, leisere Arbeiten über abstraktere Themen – die es schon immer gab – vermehrt zu. Dies hat sicher auch damit zu tun, dass die Pressefotografie jenseits der digital hochgetakteten Tagesaktualität ihren Platz immer mehr in neuen Präsentationsgefässen mit anderen Erzählmöglichkeiten wie Museen, Bücher oder Blogs sucht.

World Press Photo hat sich vom Zusammenschluss einiger holländischen Journalisten zur globalen Plattform für Fotojournalismus entwickelt, die über den medialen Stürmen steht. Die erwähnte Erweiterung der Aktivitäten verhelfen der Organisation zu einer erhöhten Aufmerksamkeit, die nur noch teilweise vom unbeständigen journalistischen Tagesgeschäft abhängig sind.

Im Siegerbild von 2014 suchen Migranten an der Küste von Djibuti nach Empfang für ihr Handy. Foto: John Stanmeyer

World Press Photo 2018

Landesmusem Zürich
07.06. bis 08.07.2018

Zum zweiten Mal zeigt das Landesmuseum Zürich die besten Pressebilder der Welt. Die internationale Ausstellung gastiert in über 100 Städten der Welt und fasst die Geschehnisse des letzten Jahres in insgesamt acht Kategorien zusammen. Der fotografische Rückblick bringt die grosse weite Welt nach Zürich und beweist eindrücklich, dass ein Bild mehr sagt, als tausend Worte.

Thomas Bochet
Thomas Bochet ist Kurator für Pressefotografie am Schweizerischen Nationalmuseum.

Kategorien

Sharing is caring
Share on Facebook
Facebook
Tweet about this on Twitter
Twitter
Share on LinkedIn
Linkedin
Email this to someone
email

Ihr Kommentar