Plakat von Fip und Fop, erstellt durch Grafiker Hans Tomamichel. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Im Kino dank dem Fip-Fop-Club

Heute lebt er vor allem in Erinnerungen, aber von den 1930er- bis in die 1950er-Jahre sorgte der Fip-Fop-Club für eine kleine Revolution: Kinder unter 15 Jahren erhielten dank seinen mobilen Kinos Zugang zu Filmvorführungen in ihrer Gemeinde.

Ein äusserst erfolgreiches Clubmodell für Kinder, der Fip-Fop-Club, wird 1936 von Nestlé gegründet. Auch dieses Unternehmen versucht sich in den 1930er-Jahren besonders auf den Schweizer Markt zu konzentrieren und hier neue, junge Käuferschichten zu erschliessen. Allerdings bewegen sich die Marketingabteilungen mit ihrem Fokus auf Kinder stets auf dünnem Eis, da Eltern und Lehrerschaft nicht selten Stellung beziehen, in dem sie Konsumförderung und unmoralische Bedürfnishäscherei anprangern. Also gestaltet man Kinderunterhaltung in jenen Jahren stets auch mit einem Bildungsanspruch. Auch der Fip-Fop-Club ruft – ähnlich dem Globi-Club – ein soziales und politisch verantwortungsbewusstes Programm ins Leben und orientiert sich an den soliden pfadfinderischen Standards. So lehrt der Fip-Fop-Club beispielsweise Kinder im Sinne der geistigen Landesverteidigung gute Staatsbürger zu werden und sogar General Guisan wird 1940 zum Ehrenmitglied ernannt. Die Maskottchen des Clubs, die Zwillinge Fip und Fop, entwirft der Grafiker Hans Tomamichel, der später auch durch seinen Knorrli Bekanntheit erlangt.

Eines der Standbeine des Clubs sind die in der Werbepraxis längst etablierten Sammelbildchen. Nestlé mit den fusionierten Schokoladenfirmen Peter, Kohler und Cailler legen ihren Schokoladen kleine, bunte Bildchen bei, die in äusserst aufwändig gestaltete Sammelalben eingeklebt werden können. Namhafte Autoren und Gestalter werden verpflichtet, Texte und Sujets für diese Bilderalben zu gestalten. Die Bildchen werden – wie heute die Panini-Bildchen – fiebrig auf den Pausenplätzen gehandelt und getauscht.

Für einen Franken erhalten die Kinder die Mitgliedschaft per Abzeichen und damit Zutritt zu den Filmnachmittagen, die in verschiedenen Gemeinden der Schweiz stattfinden. Drei Equipen begeben sich zweimal jährlich auf Reise und führen mehr als 500 Filmnachmittage in über 300 Ortschaften durch. Sie machen in Kinos, Theatern oder Beizen-Sälen Halt und zeigen Trickfilme, Werbefilme für Nestlé-Produkte, Dokumentar – und Naturfilme, humoristische Streifen und ab 1940 auch die Schweizer Wochenschau. So haben Kinder von 5 bis 15 Jahren auf einmal Zugang zu Filmen. Ein kolossales Ereignis, da in den meisten Kantonen Kinobesuche erst ab 16 Jahren erlaubt sind. Mehrere Generationen von Schweizerinnen und Schweizern werden durch die mobilen Kinos nachhaltig in ihrer Filmerfahrung geprägt.

Fip-Fop-Zeitung vom Februar 1940, in der General Guisan zum Ehrenmitglied des Clubs ernannt wird. Foto: Archives Historiques Nestlé, Vevey

Nestlé ist zwar nicht das einzige Unternehmen, das Filmvorführungen für Direktwerbung nutzt, allerdings ist die Firma die einzige, die sich ausschliesslich auf ein Kinderpublikum konzentriert. Karl Lauterer, damals Werbechef bei Nestlé, ist das Aushängeschild dieses Erfolgsmodells und nennt sich selber «Götti». Zusätzlich zu Lauterer sind weitere «Tanten» und «Onkel» als Animateure der Kindernachmittage im Einsatz. Den Kindern ist das Unvorstellbare erlaubt; sie dürfen sich an den Vorstellungen beteiligen, indem sie dazu animiert werden zu singen, schreien und immer wieder «Hop Fip-Fop» zu rufen. Die Filmvorführungen gehören wohl zum attraktivsten Angebot des Fip-Fop-Clubs, daneben wird den Mitgliedern auch die Fip-Fop-Zeitung zugesendet. Diese erscheint in Französisch, Deutsch und Italienisch, im Jahr 1949 gar mit einer Auflage von rund 120‘000 Exemplaren.

Der Fip-Fop Club schliesst 1959. Der Konkurrenzdruck des Fernsehers und der vereinfachte Zugang zu regulären Kinovorstellungen lassen ihn überflüssig werden.

Kinder in einer Kino-Vorstellung des Fip-Fop-Clubs, 1930er-Jahre. Foto: Archives Historiques Nestlé, Vevey

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Anna Wälli
Anna Wälli hat Slavistik und Osteuropäische Geschichte studiert und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Schweizerischen Nationalmuseum.

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Ein Kommentar

Ruedi Baer sagt:

Ich (Jg. 1946) war Mitglied im FipFop-Club. Aufregend: wir durften im Kino Trickfilme schauen!