Motiv aus Lisa Wenger, Joggeli söll ga Birli schüttle, Cosmos Verlag, Muri bei Bern

Ein unsterbliches Buch und eine uralte Geschichte

Ein Bilderbuch von besonderem Format hat sich im Laufe der letzten 100 Jahre in die Erinnerung vieler Schweizer eingegraben und wurde viele Male neu interpretiert: «Joggeli söll ga Birli schüttle» von Lisa Wenger. Doch woher kommt diese ungewöhnliche Geschichte?

Beginnen wir am Anfang der Geschichte des Bilderbuchs, nämlich um 1907, und zwar in Delémont im Schweizer Jura. Dort erwartet Lisa Wenger-Ruutz (1858-1941), die Gattin des Besteckfabrikanten Theo Wenger, Besuch, der eine Woche bleiben wird. Sie würde aber lieber Geschichten schreiben, als die Gäste unterhalten. Doch da fällt ihr ein, dass da eine uralte Geschichte ist, die jedermann kennt, und dass diese sich eignen würde für ein bebildertes Buch. Gesagt, getan: nach 15 Tagen sei der Besuch abgereist und das Buch war fertig skizziert, hält die Künstlerin in einem Text fest, der 1939 erschien und davon erzählt, wie sie zum Schreiben von Geschichten kam und wie der «Joggeli...» entstand.

1908 druckte der Verlag von A. Francke AG, Bern, das Werk, von dem sich bis heute andere Sprach- und Bildkünstler inspirieren liessen. 2017 erschien nämlich im Verlag Baeschlin in Glarus eine von Lisa Wengers Buch inspirierte Variante der Geschichte unter dem Titel «Vom Joggeli mit de Zoggeli». Nach Aussage der Verlagsleiterin entstand ein Bilderbuch, das für Kinder leichter verständlich sei, als das berühmte Vorbild.

Joggeli auf dem Weg zum Birli-Baum, Cosmos Verlag, Muri bei Bern

Joggeli auf dem Weg zum Birli-Baum, Cosmos Verlag, Muri bei Bern

Vom Joggeli mit de Zoggeli, Dan Wiener, Jürg Obrist, Baeschlin Verlag, 2018. Foto: Alex Wydler

1963 zeichnete Felix Hoffmann neue Bilder zur Geschichte von Lisa Wenger. Weshalb er über seine Version einen falsch zitierten Titel setzte, wissen wir nicht. Die allgemeine Befehlsverweigerung, die uns grossen Eindruck zu machen scheint, zitieren viele Erwachsene fälschlicherweise mit «Joggeli wott ga Birli schüttle».

Motiv aus Felix Hoffmann Joggeli wott ga Birli schüttle. © NordSüd Verlag, Zürich

Dass auf der letzten Seite des Buches alle Figuren die Streikhaltung aufgeben, fiel dem Schweizer Komponisten Franz Tischhauser auf, als er zum originalen Wengerschen Text 1985 seine «Hampeloper» (Hörprobe abspielen) komponierte. Im viertletzten Takt der Partitur setzt er vielsagend ein zweimaliges «Aha!» dazu und überlässt es uns, seine Feststellung zu teilen oder nicht, dass die Haltung von Joggeli & Co. auf wackligen Füssen steht.

Hier schliesst denn auch die Frage an, ob die Geschichte überhaupt einen pädagogischen Wert habe oder vielleicht eher als Bild-Komposition und durch den rhythmisierten Text Freude bereitet und Beliebtheit erfährt. Und man fragt sich vielleicht auch, wer denn die uralte Geschichte nun erfunden hat?

Ein in der Basler Universitätsbibliothek mit der Signatur FALK 813 versehenes Buch gibt darüber Auskunft:

1762 wurde in Basel die «Sammlung Jüdischer Geschichten» gedruckt, welche Johann Caspar Ulrich, Pfarrer am Zürcher Fraumünster  zusammengetragen hatte. Darin gibt es im fünften Kapitel Anmerkungen über einige alte jüdische Oster-Lieder. In einem davon treten nacheinander mehrere Figuren auf, die wir aus der Joggeli-Geschichte kennen (z.B. ein Stöcklein, ein Feuerlein, ein Wässerlein und ein Ochse!) Und sie verhalten sich auch wie in der uns bekannten Schluss-Szene unseres Bilderbuchs: «das Stöckelein schlug das Hündelein, das Feuerlein verbrennt das Stöckelein, das Wässerlein verlöscht das Feuerlein» und so weiter. Nach Pfarrer Ulrich handelt es sich um eine als Rätsel getarnte Geschichte des jüdischen Volkes, indem nämlich das Feuerlein der Grieche Alexander der Grosse sei, welcher von den als Wässerlein dargestellten Römern besiegt worden war – und so weiter. Es entfaltet sich eine (Welt-) Geschichte in zehn Episoden, deren allerletzte Gott, dem Herrn vorbehalten ist, der mit seiner Macht dem irdischen Kämpfen ein Ende setzt und im Land der Juden ein Reich errichtet, das göttlich ist und nicht von Menschen geschaffen...

«Sammlung Jüdischer Geschichten» von Johann Caspar Ulrich, 1762. Bild: UB Basel, Falk 813

Motiv aus Lisa Wenger, Joggeli söll ga Birli schüttle, Erstausgabe. Schweizerische Nationalbibliothek, Bern

In der ersten Ausgabe des Bilderbuch-Klassikers von 1908 trat am Schluss ein den Metzger tötender Henker auf: auch ihn weist der Bauer zuletzt in die Schranken – denn der Bauer ist niemand anders als der gerechte Gott im jüdischen Osterlied...

«Uralt» sagte Lisa Wenger, sei die Geschichte; Recht hat sie!

Joggeli, Pitschi, Globi …
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Landesmuseum Zürich

15.6. – 14.10.2018

Über Generationen begeistern die Figuren aus Schweizer Bilderbüchern unzählige Leserinnen und Leser. Die Familienausstellung im Landesmuseum Zürich lässt Kinder in die Bilderbuchwelten eintauchen, während Erwachsene ihren einstigen Lieblingen im kulturellen Kontext begegnen.

Mehr über das Buch und seine Autorin Lisa Wenger erzählt Bernhard Graf am 5. September 2018 um 18 Uhr im Rahmen einer Experten-Führung durch die Ausstellung.

Bernhard Graf
Kulturvermittler, ehemaliger Leiter des Spielzeugmuseums in Riehen und Co-Kurator der Ausstellung «Lisa Wenger – Eine Frau von besonderem Format» in der Universitätsbibliothek Basel (März-Juni 2018).

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