Harald Szeemann: Museum der Obsessionen, Kunsthalle Bern, 2018, Installationsansicht. Foto: Gunnar Meier

Wofür Schlangenfett gut ist

Heute heisst jemand, der eine Ausstellung einrichtet, Kurator. Früher hiess dieselbe Person Konservator. Dazwischen gab es Harald Szeemann. Er nannte sich Ausstellungsmacher. Und er setzte Massstäbe für das, was wir heute «Ausstellungsbetrieb» nennen. Wie es dazu kam, zeigt nun die Kunsthalle Bern.

Was ist eine gute Ausstellung? Was sind die Zutaten, was das perfekte Rezept? Die Antwort eines der eigenwilligsten Kuratoren des 20. Jahrhunderts, des Berners Harald Szeemann (1933-2005), lautete: Die wichtigste Zutat ist eine persönliche Leidenschaft. Folgerichtig war die Idee eines «Museums der Obsessionen» sein Leitstern. Genau so heisst jetzt auch die Ausstellung, welche die Kunsthalle Bern dem 2005 verstorbenen Szeemann widmet.

Sie besteht aus zwei Teilen. In der Kunsthalle, deren Leiter Szeemann von 1961 bis 1969 war, ist eine reich dokumentierte Rückblende auf seine Anfänge zu sehen. So zeigt etwa eine grosse Wand die Plakate seiner Ausstellungen in der Kunsthalle und illustriert, dass er einen für damalige Begriffe sehr breiten Kunstbegriff pflegte. Er verhalf aber auch jungen Künstlern zum Durchbruch. So lud er 1968 Christo zu seinem ersten grossen Auftritt als «Verpackungskünstler» ein. Christo verpackte die Kunsthalle. Welch verrückte Aktion!

Die Kunsthalle Bern krönt mit der Hommage ihr 100-Jahr-Jubiläum. Das entbehrt nicht der Pikanterie. Denn an Szeemanns heute legendärer Ausstellung «When attitudes become form», einem gewagten Mix damals völlig unbekannter junger Künstler (nein, fast keine Künstlerinnen), schieden sich die Geister. Als der Vorstand ihm eine geplante Beuys-Ausstellung nicht genehmigte, legt Szeemann sein Amt nieder. Sein Abschiedsbrief in gestochener Handschrift hängt nun an prominenter Stelle in der Kunsthalle: Ein Manifest des Stolzes, der Unbestechlichkeit, der Konsequenz.

Harald Szeemann: Museum der Obsessionen, Kunsthalle Bern, 2018, Installationsansicht. Foto: Gunnar Meier

Die beiden Ausstellungen der Kunsthalle Bern laufen noch bis zum 2. September. Die Schau an der Gerechtigkeitsgasse 74 ist nur von Donnerstag bis Sonntag offen. Achtung: Der Zugang ist nicht rollstuhlgängig. Das Treppenhaus ist eng und es gibt keinen Lift. Mehr Informationen gibt es unter:

www.kunsthallebern.ch

Szeemann hatte begriffen. Fortan sollte er nie mehr eine Institution leiten. Er gründete die «Agentur für geistige Gastarbeit» – mit entsprechendem Firmenstempel. In den kommenden Jahren legte er mit seiner Tätigkeit als Leiter der Documenta 5 in Kassel 1972 sowie der Wanderausstellung «Junggesellenmaschinen» (1975), die beide in der Berner Kunsthalle reich dokumentiert sind, die Grundlagen für eine Laufbahn als höchst origineller, international umworbener freier Ausstellungsmacher. Namentlich am Kunsthaus Zürich sorgte er während über zwei Jahrzehnten mit seinen Ausstellungen für Gesprächsstoff und Zulauf. In Erinnerung bleiben aber auch seine zwei Venedig-Biennalen. Szeemann verhalf dort 1999 zeitgenössischen Kunst aus China zum Durchbruch.

Eine zweigeteilte Ausstellung

Die eigentliche Sensation der zweitgeteilten Berner Hommage befindet sich in Szeemanns ehemaliger Berner Wohnung in der Gerechtigkeitsgasse 74. Man steigt durch ein enges Treppenhaus, in dem seit Jahrzehnten die Zeit stehengeblieben scheint, in eine grosszügige Altstadtwohnung und landet direkt im Herz von Szeemanns ganz persönlicher Obsession. Was man zu sehen bekommt, ist eine Wucht. Denn man betritt eine vollständige Rekonstruktion von Harald Szeemanns Wohnungsausstellung «Grossvater, ein Pionier wie wir» aus dem Jahr 1974.

Der Titel klingt zunächst rätselhaft. Denn der Grossvater von Harald Szeemann war schlicht und einfach – Coiffeur. Allerdings nicht irgendeiner. Geboren 1873 im K .u. K. Ungarn der Habsburgermonarchie, beschloss er noch fast als Kind, bäuerlichem Elend zu entfliehen und sein Glück in der Fremde zu suchen. Nach Lehr- und Wanderjahren, die ihn durch halb Europa führten, liess er sich 1905 in Bern nieder. Dort begründete er ein kleines Coiffeur-Imperium. Etienne Szeemann war fantasievoll und überaus geschäftstüchtig. Heute würde man wohl von einem Star-Coiffeur sprechen. Als solcher lieferte er seinem Enkel sozusagen die Haare, an denen er sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zog. Der Sumpf war die Krise infolge Arbeitslosigkeit, mit der er sich nach den durchzogenen Reaktionen auf seine (heute ebenfalls bewunderte) «Documenta» von 1972 konfrontiert sah.

Ein Teil der Ausstellung ist an der Gerechtigkeitsgasse in Bern zu besichtigen. Fotos: Gunnar Meier

Szeemann verwob die Hinterlassenschaften des 1971 hochbetagt verstorbenen Grossvaters zu einer Ausstellung, wie man sie damals so noch nicht gesehen hatte. Es war weit mehr als eine sentimentale Erbgut-Auslage; es war nichts weniger als das plastische Porträt eines Kleinunternehmers und -bürgers am Anfang des 20. Jahrhunderts. Oder mit den Begriffen der Kunst: Ein Environment, in das man eintauchen konnte. Aus Szeemanns Experiment der Rekonstruktion eines versunkenen Kosmos ist seither ein Ausstellungstypus geworden, der aus keinem kulturhistorischen Museum mehr wegzudenken ist.

Allerdings können heutige Institutionen dafür meist auf eine gut geölte Maschinerie zurückgreifen, während Szeemann mit bescheidensten Mitteln auskommen musste. Der Ausstellungsführer, aber auch Auszüge aus Tagebüchern und Gesprächen mit dem Grossvater und seinen Angehörigen, finden sich auf maschinengeschriebenen Blättern. Die Überschriften von Kapiteln wie «Grossvater und das Geld» (man sieht etwa eine gigantische Kollektion von Geld- und Gutscheinen aus der Inflationszeit) oder der mit Fotos angereicherte «Stammbaum» der Familie sind auf Zetteln an die Wand gepinnt. Kein Ausstellungsstück ist gesichert. Da liegt das ganze Kuriositätenkabinett der Patent-Lockenwickler und Haarfärbekämme, die der Grossvater erfand, neben der Schminkpalette aus Paris. Nicht zu vergessen eine stattliche Kollektion an Haarschmuck und –nadeln, sowie die Schönheitswässerchen, die der Zauberlehrling zusammenmixte. Unvorstellbar im heutigen Museumsbetrieb.

Es ist das Verdienst des Getty Research Institute in Los Angeles, und der Kuratoren Glenn Phillipps sowie Philipp Kaiser, die Ausstellung aufgrund bestehender Fotografien akribisch rekonstruiert zu haben.  Die Grundlage dafür befindet sich seit 2011 auf Initiative von dessen damaligem Direktor, dem deutschen Kunsthistoriker Thomas Gaehtgens, am Getty Research Institute: Harald Szeemanns gigantischer Nachlass, den seine Erben dorthin verkauft haben. Seither werden die Archivalien von einem mehrköpfigen Team erschlossen und der Forschung zugänglich gemacht.

Das Universum des Grossvaters

Je länger man sich in Szeemanns Grossvater-Universum bewegt, desto besser versteht man, warum diese Ausstellung die Essenz von Szeemanns «Museum der Obsessionen» ist. Einerseits, weil er im Grossvater, der auf seine Weise den Künsten zugetan war und sich als Coiffeur in den Dienst der Schönheit stellte und dabei als Erfinder auch ein Pionier war, einen Seelenverwandten entdeckt haben mochte. Dann aber auch, weil man schlagartig die Wurzeln von Szeemanns Sensorium für das Künstlerische im ganz Alltäglichen und für das Persönliche, Obsessive im Künstlerischen begreift. Man spürt sein Vergnügen am Erzählen von Geschichten, um sein Publikum zu bannen. Dabei vertraut er allein auf den alchemistischen Mix der Exponate und auf deren unvergleichliche Aura. «Auch Sie sollten wissen, wofür Schlangenfett gut ist», schreibt er im Saalblatt. Ja, das sollten Sie ganz unbedingt!

Das Universum von Szeemanns Grossvater ist vielschichtig. Foto: Gunnar Meier

Hibou Pèlerin
Seit vielen Jahren fliegt Hibou Pèlerin zu kulturhistorischen Ausstellungen. Für den Blog des Schweizerischen Nationalmuseums greift sich Pèlerin die eine oder andere Perle raus und stellt sie hier vor.

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