Mit den Legionären kam auch ein Stück römische Kultur nach Vindonissa. Diese Bildlampen aus Ton stammen aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Zuckerbrot und Peitsche der Römer in Vindonissa

In Vindonissa bauten die Römer eine dauerhafte Festung auf. Doch sie brachten nicht nur Schwert und Speer in den Aargau, sondern auch Spiel und Kultur.

Cäsars Nachfolger Gaius Octavius band die von seinem Onkel eroberten Gebiete enger an Rom. In Anlehnung an den berühmten ersten Satz des «Gallischen Krieges» hätte Octavius erklären können: «Gallia omnis divisa in provincias» – ganz Gallien ist in Provinzen unterteilt. Daneben plante er die Eroberung Germaniens, bis er nach dem Debakel im Teutoburger Wald ausrief: «Vare, legiones redde!» – Varus, gib mir meine Legionen wieder! –, und die Reichsgrenze an den Rhein zurückversetzen liess. Zum Schutz der Grenze wurde ein bislang unbedeutender Stützpunkt am Zusammenfluss von Aare und Reuss zum Legionslager ausgebaut und damit das wichtigste Einfallstor vom Rhein ins Mittelland befestigt und abgeriegelt. Die anfänglich hölzernen Bauten wurden um das Jahr 50 durch steinerne Gebäude ersetzt und auch ein Aquädukt wurde errichtet.

Das römische Legionslager Vindonissa. Video: Kanton Aargau/YouTube

Das Lager mit Namen Vindonissa beherbergte rund 5000 Legionäre. Vor den Toren dürfte nochmals etwa dieselbe Anzahl an Zivilpersonen gesiedelt haben. Unter diesen fanden sich offizielle und inoffizielle Familienangehörige (einfache Legionäre durften nicht heiraten), aber auch Anbieter verschiedener Dienstleistungen. Von der Taverne über den Haarauszupfer bis hin zum Amphitheater mit seinen blutigen Spielen. Es ist für das Militärlager Vindonissa bezeichnend, dass zwar eine Arena für Gladiatorenkämpfe und Tierhetzen existierte, ein szenisches Theater hingegen bislang nicht nachgewiesen werden konnte. Schwänke waren den Legionären wohl zu schal und griechische Tragödien zu komplex. Diese waren zwar oft genauso brutal wie Gladiatorenkämpfe, die Gewalt fand aber nie auf der Bühne statt – es wurde nur von ihr berichtet.

Die römische XXI. Legion brachte nicht nur Kampf-, sondern auch Spielgeist nach Vindonissa. Fotos: Schweizerisches Nationalmuseum

Gaius Octavius stand seinem Onkel Cäsar in nichts nach und wurde bald mit dem Zusatztitel Augustus, «der Erhabene», geschmückt. Unter diesem Namen ist er nicht nur als Förderer von Vindonissa, sondern vor allem als direkter Auslöser der Weihnachtsgeschichte bekannt. Er war es, der seinen Untertanen befahl, sich in einem Steuerregister eintragen zu lassen, weshalb sich gemäss der Bibel in einer fernen römischen Provinz ein Zimmermann und seine schwangere Frau auf den Weg von Nazareth nach Bethlehem machten. Allerdings dauerte es noch eine Weile, bis die Kunde dieser Ereignisse auch in die heutige Schweiz drang. Einen unmittelbareren Einfluss hatte hingegen Augustus’ Nachfolger Nero. Sein Selbstmord im Jahr 68 n. Chr. löste Machtkämpfe im ganzen römischen Reich aus und so gerieten auch die Helvetier und die in Vindonissa stationierte XXI. Legion aneinander. Die Legionäre machten ihrem Namen «Rapax» (Jäger, Räuber) alle Ehre, räuberten sich durch den Aargau und brachen auch noch den letzten helvetischen Widerstand.

Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl

Benedikt Meyer
Historiker Benedikt Meyer ist auf historische Reportagen spezialisiert. Er schreibt unter anderem für das Reisemagazin Transhelvetica.

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