Dieser römische Mosikboden wurde 1914 in Zürich-Wollishofen entdeckt. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Dolce Vita in Zürich

Mit den Römern kam auch das Dolce Vita in die heutige Schweiz und nach Zürich. Sie bauten Badeanstalten, liessen sich die Haare zupfen und parlierten auf dem Klo über die neusten Gerüchte aus Rom.

Es war schon viel Wasser durch den Zürichsee geflossen, als die Römer beschlossen, am Ende des Sees eine Siedlung zu gründen. Wie auch Vindonissa fusste Turicum auf einem keltischen Stützpunkt. Die Römer errichteten eine Garnison auf dem Lindenhof, die lokale Zivilbevölkerung siedelte darum herum. Bald schon machten sich die Römer daran, den Abfluss des Sees von allerhand Geschiebe aus der letzten Eiszeit zu befreien. Damit senkten sie den Seespiegel um einige Meter ab und erschlossen sich weiteres Land.

Auf diesem erstellten sie erste Hafenanlagen. Dort bauten sie Schiffe, luden Güter von See- auf Flussschiffe um und erhoben Zölle. Turicum war ein Etappenort an der Handelsroute, die Teile Galliens via Vindonissa und die Bündner Alpenpässe mit Italien verband. Ausserdem lag es an der Grenze zwischen den Provinzen Raetia und Germania Superior.

Mit der Ankunft der Römer änderte sich für die keltische Bevölkerung einiges. Am See wurde nun nicht nur rege gebaut und gehandelt, auch der römische Lebensstil hielt Einzug. Unter der Herrschaft Augustus’ kamen die «Ur-Zürcher» so nolens volens in den Genuss von öffentlichen Badeanstalten, die sich durchaus mit heutigen Wellnessoasen vergleichen lassen. Es gab temperierte Wasserbecken, Saunen, Massagepersonal, Verpflegungsstationen und Spielecken. Auch die Haarauszupfer durften natürlich nicht fehlen. Körperbehaarung riss man aus, nur der Bart wurde rasiert. Die «Alipili» boten lauthals ihr haariges Handwerk an – und wenn sie arbeiteten, schrie dann dafür der epilierte Kunde.

Römischer Fingerring aus Gold mit dem Reliefkopf des Herkules. Fundort: Zürich. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Römischer Armring aus Gold. Gefunden wurde dieses Schmuckstück in Zürich. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Eine römische Büchse aus Elfenbein. Gefunden in der Limmat. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

In grösseren Thermen gab es nach Geschlechtern getrennte Bereiche, in kleineren galten einfach für Männer und Frauen separierte Badezeiten. Auch die Toiletten waren natürlich nach Geschlechtern getrennt. Und sie waren schon ziemlich komfortabel. Unter den ovalen Holzsitzen gurgelte ein kleiner Bach hindurch, der permanent fortschwemmte, was es fortzuschwemmen gab. Wasserspülung alla romana. Allerdings: ein stiller Ort waren die römischen Toiletten nicht. Die Menschen sassen direkt nebeneinander, plauderten und diskutierten, und bei ausführlichen Sitzungen wurden nicht nur Geschäfte verrichtet, sondern auch Geschäfte getätigt. Auch die neusten Geschichten, pikantesten Gerüchte und raffiniertesten Intrigen erfuhr man vorzugsweise auf den Toiletten. Wie zum Beispiel – aber das wussten Sie schon, oder? Dass Titus Tiburtius neulich, in der Strasse beim Forum, als er spät nachts aus der Taverne kam …

Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl

Benedikt Meyer
Historiker Benedikt Meyer ist auf historische Reportagen spezialisiert. Er schreibt unter anderem für das Reisemagazin Transhelvetica.

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Ein Kommentar

Kuno Gross sagt:

„Öffentliche Bäder“. Was muss ich darunter verstehen? Selbstverständlich hat die unterworfene („verbündete“) lokale Bevölkerung sich rasch die oft überlegene römische Technologie zu Nutze gemacht und bestimmt auch vom einsetzenden Strassenbau profitiert. Aber liessen es die Römer tatsächlich zu, dass ihre Bäder „öffentlich“ wurden? Oder muss man sich das „öffentlich“ eher auf die römischen Bürger und ausgewählte Persönlichkeiten der lokalen Bevölkerung beschränkt vorstellen?