Im Juni 1968 forderten die Jungen ein autonomes Jugendzentrum in Zürich. Es kam zum Globus-Krawall. Foto: Keystone /Str

Die Kinder von '68

Stefan Zweifel und Juri Steiner zeigen diesen Herbst im Landesmuseum ihre Perspektive der 68er-Generation. Im Interview sprechen die beiden Gastkuratoren über den Geist von 1968 und ihre persönlichen Highlights der Ausstellung.

Juri Steiner und Stefan Zweifel, Sie beide sind in den späten 60er-Jahren zur Welt gekommen. Sind Sie Kinder des «Summer of Love»?
Juri Steiner (lacht): Nicht ganz, ich bin wohl eher um Weihnachten ’68 herum gezeugt worden.

Waren Ihre Eltern «68er»?
Stefan Zweifel: Ja, und wie. Mein Vater war Anwalt und hat die Menschen, die während des Globus-Krawalls von der Polizei zusammengeschlagen wurden, verteidigt. In der Ausstellung können wir deshalb ungesehene Dokumente zeigen, die aus dem Keller meiner Eltern stammen. Ich habe die klassische 68er-Kinderkarriere durchlaufen, mit erstem freiem Kindergarten, erster freier Volksschule, bei denen sich meine Mutter sehr engagiert hat.

Steiner: Meine Eltern waren keine 68er. Sie waren zu beschäftigt mit ihrem kleinen Geschäft und dem Familienleben. Aber ich glaube, dass auch sie das Gefühl der Zeit spürten, dass morgen oder übermorgen alles freier und besser werden würde. Das muss auch für sie ein gutes, aufregendes Gefühl gewesen sein damals.

Wann haben Sie begonnen, sich für die 68er-Bewegung und deren Anliegen zu interessieren? Bereits in der Jugend oder erst später?
Zweifel: Ich habe mit 13 Jahren die Bewegung «Züri brännt» von 1980 miterlebt. Meistens kam meine Mutter an die Demonstrationen mit und hat mir gezeigt, wie man sich verhält, wenn die Polizei auftaucht. In dieser Zeit habe ich mich natürlich auch für die Geschichten meiner Eltern über 1968 zu interessieren begonnen. 1980 wurden die ungelösten Probleme von 1968, wie beispielsweise das autonome Jugendzentrum, wieder auf das Tapet gebracht. Da wurde das aber viel anarchistischer und dadaistischer gemacht bei den Demonstrationen und Sprayereien. Die Verbindung dieser Richtungen hat mich schon früh interessiert.

Steiner: Auch für mich war 1980 der Angelpunkt zur 68er-Bewegung. Zwar war ich noch zu jung und im Albisgüetli zu weit weg von der Stadt. Aber 1980 spürte man selbst als Elfjähriger, dass etwas in Bewegung kommt, das politisch und gesellschaftlich nicht unter Kontrolle ist. Dass «Züri brännt» mit ’68 in einem direkten Bezug steht, merkte ich erst später am Gymnasium, ’86 gewissermassen. Die Auseinandersetzung mit 1968 geschah für mich ab dann mehr über die Kunst jener Zeit, die voller Energie und Initiative war und die sich als unglaublich fruchtbar erwiesen hat.

The Doors lieferten den Soundtrack zur bewegenden Zeit von 1968. Foto: Passaport AG

Die Gastkuratoren der Ausstellung «Imagine 68» Stefan Zweifel (links) und Juri Steiner inszenieren 1968 als utopisches Kunstwerk. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

«Lipstick (Ascending) on Caterpillar Tracks» von Claes Oldenburg ist in der Ausstellung als Modell vertreten. ©Yale University Art Gallery, Gift of Colossal Keepsake Corporation Copyright 1969 Claes Oldenburg

Was sind für Sie die Highlights dieser Ausstellung?
Zweifel: Zu den Highlights gehört für mich die Skulptur «Love» von Robert Indiana, die weltweit ein Symbol für diese Zeit geworden ist. In der Version in unserer Ausstellung ist das Wort LOVE vier Mal geschrieben, aber wenn man durch das «O» hindurchschaut, erinnert es an einen Trommelrevolver.

Steiner: Ein Objekt, das zwar abwesend ist, aber doch in der Ausstellung auftaucht, ist das Pop-Art-Kunstwerk von Claes Oldenburg mit dem Titel «Lipstick (Ascending) on Caterpillar Tracks». Es ist ein überdimensionierter aufblasbarer Lippenstift, der auf Panzer-Raupen steht. Oldenburg hat das Kunstwerk an der Yale University zusammen mit Architektur-Studenten geschaffen. Natürlich war es unmöglich, das Objekt nach Zürich zu bringen, aber wir konnten den Kontakt zum Künstler herstellen und haben ein Original-Modell dieses «Lippenstift-Panzers» aus Oldenburgs Atelier erhalten.

Zweifel: Ein weiteres Highlight der Ausstellung ist sicher auch die Arbeit «Rotozaza» von Jean Tinguely, die in unserem Kontext eine neue Bedeutung gewinnt. Wir kombinieren Tinguelys «Flaschenzertrümmerer» mit dem Bild eines Molotowcocktail- Werfers aus Paris. So verwandeln sich im Kontext die Flaschen von Tinguely in Molotowcocktails. Einmal in der Woche wird diese Arbeit in Betrieb sein und es werden fröhlich Flaschen zerschlagen. Dieses Zerstörerisch-Kreative von Tinguely gewinnt in diesem Zusammenhang eine politische Aufladung.

Tinguelys «Flaschenzertrümmerer» wird einmal pro Woche fröhlich Flaschen zertrümmern. © Museum Tinguely, Basel

Kommt da der 68er in Ihnen zum Vorschein?
Zweifel: Ja durchaus, denn ’68 war ja ein Aufstand gegen jegliche Autorität. Die Autorität in einer 68er-Ausstellung läge darin, dass man nur die klassisch politische 68er-Kunst zeigt. Dieser Autorität wollen wir uns natürlich nicht fügen, sondern wir protestieren dagegen, indem wir Sachen bringen, über welche die 68er, wie beispielsweise mein Vater, vielleicht den Kopf schütteln werden.

Steiner: Wir zeigen zwar neben den Kunstwerken auch dokumentarische und kulturhistorische Objekte, aber an der Kunst kann man etwas Schönes zeigen, nämlich dass die Halbwertszeit der damaligen Kreativität nicht abgelaufen ist. Wir wollen keine nostalgische oder folkloristische Atmosphäre der Revolution dieser Generation schaffen, sondern man soll spüren, wie viel kreative Kraft in diesen Objekten steckt. In dieser collagenartigen Ausstellung stechen sie immer wieder heraus.

In der Collage finden wir aber immer wieder Referenzen, wie beispielsweise die Filme «Apocalypse Now» oder «Full Metal Jacket», die nicht aus der Zeit um 1968 stammen.
Steiner: Das zeigt eben das Grundproblem, das man antrifft, wenn man sich mit der 68er- Bewegung beschäftigt. Wann beginnt ’68, wann hört diese Zeit auf und was ist in diesem kurzen Sommer eigentlich passiert? Das Scheitern der Utopien von ’68 zeigt sich erst in den 1970er-Jahren. Es stellt sich heraus, dass der grosse Konsum weiter besteht und weiter wächst.

Zweifel: Bei «Apocalypse Now» geht es vor allem auch um die Musik. «The End» von «The Doors» stammt aus 1967 und nimmt auf fast seherische Weise das Scheitern der Revolution vorweg. Diese Melancholie zeigt eine der Filmcollagen, die wir in einem grossen Raum zeigen. Die Ausschnitte aus Filmen wie «Apocalypse Now», «Zabriskie Point» oder «2001: A Space Odyssey» machen das Scheitern der Revolution spürbar und widerspiegeln die universale Leere nach 1968.

Als Kuratoren bespielen Sie mit «Imagine 68» erstmals den Erweiterungsbau. War das für Ihre Arbeit eine spezielle Herausforderung?
Steiner: Im Unterschied zum Pavillon, wo unsere vorherigen Ausstellungen stattfanden, ist der Erweiterungsbau kein neutraler Raum. «Dada Universal » war die letzte Ausstellung im Pavillon und wir konnten uns die Tatsache zu Nutzen machen, dass man den Pavillon am Ende der Ausstellung abreisst. Das Publikum konnte sich an den Wän-den mit Kreidestiften austoben, es war eine symbolische Aneignung des Museums. Mit dem «brutalistischen » Gebäude von Christ und Gantenbein gibt es ganz andere Herausforderungen. Die grosse Schautreppe beispielsweise animiert die Fantasie. Der Szenograf Alex Harb konnte die Architektur so ins Konzept integrieren, dass auch der Raum die Sprache von 1968 spricht.

Zweifel: Wir verraten an dieser Stelle nicht, was die Besucher auf der grossen Treppe erwartet, aber es wird spektakulär. Das widerspricht zwar der These der Situationisten, dass man nicht zu viel Spektakel bieten sollte, aber wir leben in einer anderen Zeit und gehen mit den Parolen und Inhalten der 68er frei und spielerisch um.

Imagine 68. Das Spektakel der Revolution

Landesmuseum Zürich

14.09.18 - 20.01.19

Die Collage der beiden Gastkuratoren aus Objekten, Filmen, Fotos, Musik und Kunstwerken macht die Atmosphäre von 1968 sinnlich erlebbar. Zweifel und Steiner werfen einen umfassenden Blick auf die Kultur jener Zeit und schweben durch Warhols «Silver Clouds» ins Reich der damaligen Fantasien.

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Alexander Rechsteiner
Hat Anglistik und Politikwissenschaften studiert und arbeitet bei der Kommunikation des Schweizerischen Nationalmuseums.

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