Burgunderkönig Sigismund war nicht gerade zimperlich. Als sein Sohn ihn stürzen wollte, liess er ihn kurzerhand ermorden. Foto: Wikimedia

Intrigen um Genf

Die Römer installierten die Burgunden in Lyon und Genf als Puffer ihrer Grenze gegen Norden. Doch diese zerstritten sich und wurden schliesslich vernichtet. Geblieben sind ihre Spuren auf der Weinkarte.

Europa war in Bewegung und dieser Prozess war so übersichtlich wie ein Felssturz. Während sich die Römer mehr und mehr zurückzogen, drängten Stämme aus dem Norden und dem Osten Richtung Südwesten. Wie verworren diese Völkerwanderung im Detail sein konnte, illustrieren die Burgunden. Sie lebten ursprünglich im heutigen Ostdeutschland und Westpolen. Dann zogen sie nach Südwesten und bauten sich bei Worms ein eigenes Reich auf. Mal kooperierten sie mit Rom, mal schmiedeten sie Intrigen, um ihr Territorium zu erweitern. Schliesslich wurde das Reich der Burgunden von einer römisch-hunnischen Allianz vernichtet. Ein Niedergang, der später im Nibelungenlied besungen wurde. Aber was geschah mit den überlebenden Burgunden?

Die Römer verfrachteten sie ins Gebiet um den Genfersee. Sie selbst hatten sich aus der Gegend gerade zurückgezogen, nun sollten die Burgunden hier ein eigenes Reich erhalten und den Römern als Puffer gegen die von Nordosten vordringenden Alemannen dienen. Das neue Burgunderreich bestand genaugenommen aus zwei Reichen: König Gundobald herrschte in Lyon, sein Bruder Godigisel in Genf. Zwischen den Brüdern kam es jedoch bald zum Konflikt, ein kriegerischer Machtkampf, bei dem der Bischofssitz Genf mitsamt Kathedrale in Schutt und Asche gelegt wurde. Godigisel kam ums Leben und Gundobald liess seinen Sohn Sigismund zum neuen Mitherrscher ausrufen.

Der Eindruck täuscht: So nett wie er aussieht, war Sigismund nicht. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Sigismund errichtete seinen Herrschaftssitz in Carouge und war bei der lokalen Bevölkerung bald ziemlich beliebt. Das lag zum einen daran, dass er Genf und die dortige Kathedrale wieder aufbaute, zum andern an der Religion. Die Burgunden waren nämlich Arianer (eine christliche Sekte), die Lokalbevölkerung hingegen war katholisch. Sigismund bekannte sich zum Katholizismus und seine Beliebtheit steigerte sich weiter, als er in St. Maurice ein Kloster gründete.

Nicht sehr christlich war Sigismunds nächster Akt. Nach dem Tod seines Vaters verlegte er seinen Sitz nach Lyon und wurde zum alleinigen Herrscher der Burgunden. Anno 522 liess er seinen Sohn ermorden, nachdem ihm seine zweite Frau von dessen vermeintlichen Umsturzplänen berichtet hatte. Das wiederum fasste der Grossvater mütterlicherseits des Ermordeten – Gotenkönig Theoderich – als Kriegserklärung auf. Er kündigte das Bündnis mit den Burgunden, verbündete sich stattdessen mit dem Frankenkönig Chlodomer und zog gegen Sigismund ins Feld. Sigismund musste fliehen, versteckte sich in seinem Kloster in St. Maurice, wurde verraten und schliesslich von Chlodomer in einem Brunnen ertränkt. Die übrigen  Burgunder wurden ins Frankenreich assimiliert und verschwanden. Ihre einzigen Spuren hinterliessen sie auf den Landkarten der Geografen und (noch wichtiger) auf den Weinkarten der Restaurants.

Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl

Benedikt Meyer
Historiker Benedikt Meyer ist auf historische Reportagen spezialisiert. Er schreibt unter anderem für das Reisemagazin Transhelvetica.

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