Schweizer Bilderbücher nach 1968

1967 schildert Bilderbuch «Reise nach Tripiti» von H.U. Steger die abenteuerliche Reise von Spielzeugen. Wie ging es nach 1968 mit dem Schweizer Bilderbuchschaffen weiter?

Wie auch in anderen Bereichen der Gesellschaft, bedeutete 1968 und die nachfolgenden Jahre für die Kinderliteratur einen wichtigen Einschnitt. Das Kind sollte nicht mehr von der Welt der Erwachsenen ausgeschlossen werden. Themen wie Weltpolitik, Sexualität oder Umweltschutz hielten Einzug ins Kinderbuch, Mitmachbücher regten zum kreativen Mitdenken an. Elemente aus Pop Art und an Kinderzeichnungen angelehnte Zeichnungsstile tauchten in Bilderbüchern auf. Der Schweizer Illustrator Jörg Müller gelangte 1973 mit seiner Bildmappe «Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder oder Die Veränderung der Landschaft» zu internationaler Berühmtheit. Die sechs grossformatigen Bilder zeigen die zunehmende Verstädterung einer einst ländlichen Landschaft und damit auch das Verschwinden kindlicher Spielräume. Sie wurden weit über die Grenzen der Kinderliteratur hinaus wahrgenommen. Das Bilderbuch bekommt so in den 1970er-Jahren gesellschaftliche Relevanz. Illustratorinnen und Illustratoren wie Käthi Bhend oder Mario Grasso gehen frech und spielerisch mit den Möglichkeiten des Bilderbuchs um. Noch heute oft gelesen werden Bilderbücher von Max Bolliger, etwa «Der Hase mit den himmelblauen Ohren» (illustriert von Jürg Obrist) oder «Der goldene Apfel» mit Bildern des Grafikers Celestino Piatti.

Eine der ganz grossen Veränderungen im Bilderbuchmarkt seit 1968 ist seine Internationalisierung. Nur wenige Bilderbücher, etwa die Globi- und Papa Moll-Geschichten, konnten sich in den letzten Jahrzehnten auf einem rein schweizerischen Markt behaupten. Bilderbücher müssen zunehmend in einem globalisierten Umfeld bestehen. Digitale Drucktechniken machen es möglich, dass Bilderbücher zeitgleich in unterschiedlichen Sprachen gedruckt werden – und daher auch für diese Märkte kompatibel sein müssen. 1992 gelingt dem Berner Illustrator Marcus Pfister mit dem «Regenbogenfisch» ein Welterfolg, der exemplarisch für diese Globalisierung stehen kann. Weltweit hat sich das Buch bisher über 30 Millionen mal in über 50 Sprachen verkauft, längst sind weitere Bände, Papp- und Badewannenbücher über den kleinen Fisch mit den glitzernden Schuppen erschienen.

Diese Internationalisierung bedeutet auch, dass renommierte Schweizer Kinderbuchverlage wie etwa Sauerländer oder Benziger ins angrenzende Ausland verkauft werden und viele Schweizer Autorinnen und Autoren sich im Ausland behaupten müssen, um in der Schweiz gelesen werden zu können. Gerade im Bilderbuchbereich ist aber mit dem NordSüd-Verlag mit Sitz in Zürich einer der wichtigsten deutschsprachigen Bilderbuchverlage mit internationaler Ausstrahlung vor Ort, das gleiche gilt für den Verlag «La joie de Lire» in Genf, der unter anderem die Werke der mehrfach ausgezeichneten Illustratorin Albertine («Wie die Vögel») verlegt. Ebenfalls in Zürich ist der Atlantis-Verlag beheimatet, der ein sorgfältiges Bilderbuchprogramm verlegt und mit den Bilderbüchern des Berner Autors Lorenz Pauli und der Basler Illustratorin Kathrin Schärer (z.B «Mutig, mutig» oder «Rigo und Rosa») in der Schweiz eine beachtliche Verbreitung erzielte.

Cover von «Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder oder Die Veränderung der Landschaft.» von Jörg Müller. Sauerländer, Aarau / Frankfurt am Main 1973; Neuausgabe: © 2016 Fischer Sauerländer, Frankfurt am Main

Cover von «Les oiseaux» von Germano Zullo, illustriert von Albertine. © 2010 Edition La Joie de Lire, Genève

Wesentlich für den Erfolg der Schweizer Kinderliteratur sind Ausbildungsmöglichkeiten und Netzwerke. Der Aufbau eines Studiengangs für fiktionale Illustration an der Hochschule Luzern Design+Kunst ab 2006 konnte bereits Erfolge zeitigen: Das Illustrations-Duo It‘s Raining Elephants (Nina Wehrle und Evelyne Laube) schloss in Luzern ab und gewann mit seinem Debüt «Die grosse Flut» (SJW 2011), einer Illustration der Noah-Geschichte aus dem Alten Testament, die als Mappe die Grenzen der traditionellen SJW-Publikationen sprengt, den Grand Prix an der Biennale für Illustration in Bratislava 2013, der wichtigsten internationalen Illustrationsausstellung. Francesca Sanna aus Sardinien, die in Luzern ihren Master abschloss, wurde für ihr aktuelles Bilderbuch in starken Farben über eine Familie auf der Flucht «The Journey» («Die Flucht» NordSüd 2016) mit der Gold-Medaille der renommierten Society of Illustrators New York ausgezeichnet und weit beachtet.

Bilderbücher aus der Schweiz können in einem sehr internationalen und schnelllebigen Markt mit innovativer, sorgfältiger, kunstvoller Arbeit, die Kindern etwas zutraut, massenproduzierter Ware weiterhin etwas entgegenhalten.

Joggeli, Pitschi, Globi …
Beliebte Schweizer Bilderbücher

Landesmuseum Zürich

15.6. – 14.10.2018

Über Generationen begeistern die Figuren aus Schweizer Bilderbüchern unzählige Leserinnen und Leser. Die Familienausstellung im Landesmuseum Zürich lässt Kinder in die Bilderbuchwelten eintauchen, während Erwachsene ihren einstigen Lieblingen im kulturellen Kontext begegnen.

Cover von «Die grosse Flut» von It’s raining elephants. © 2011 SJW, Zürich

Elisabeth Eggenberger
Elisabeth Eggenberger ist Redaktorin des Fachmagazins «Buch&Maus» am Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM

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