Die Heiligen Columban und Gallus bei der Schifffahrt über den Bodensee. Foto: Wikimedia

Verfluchtes Tuggen

Schon früher wurden unliebsame Zeitgenossen «wegbefördert». Das musste auch der irische Mönch Columban merken. Am neuen Ort war er allerdings auch nicht willkommen, deshalb verfluchte er den Ort kurzerhand.

Columban war ein irischer Mönch, der im Jahr 591 mit zwölf Begleitern von seiner Heimat aufbrach, um auf dem Kontinent die Heiden zu bekehren. In Frankreich gründete er mehrere Klöster, dann geriet er mit den örtlichen Bischöfen in einen Streit um den Ostertermin. Um den unbequemen Mönch loszuwerden, schickte der Frankenkönig Columban mit einem Missionsauftrag ins Gebiet der Alemannen. Diese lebten seit der Völkerwanderung im relativ dünn besiedelten Gebiet Süddeutschlands und der heutigen Deutschschweiz. Die Missionierung sollte sie enger an die Franken binden.

Über Rhein, Aare und Limmat gelangten Columban und seine Gefährten an den Zürichsee, den sie mit Booten überquerten. So kamen sie schliesslich ans obere Ende des damals noch etwas längeren Sees, ins Grenzgebiet zwischen Alemannien und Churrätien. Die damalige Bezeichnung für die dortige Gegend, «Marcha Tuccunie», verweist im ersten Teil auf die Gemarkung oder Grenze – ein Begriff, der sich heute noch im Schwyzer Bezirk March erhalten hat. Der zweite Teil verweist auf das Örtchen Tuggen und genau dort sollen die Mönche gemäss Überlieferung mit der Bekehrung der Alemannen begonnen haben. Allerdings: Besonders feinfühlig gingen sie dabei nicht vor. Um zu beweisen, dass die germanischen Götter machtlos geworden seien, entwendete Columbans Schüler Gallus die Opfergaben aus dem heidnischen Tempel und warf sie in den See.

Nach seiner Trennung von Columban liess sich Gallus in der Ostschweiz nieder. Auf seinem Grab wurde das Kloster St. Gallen gegründet. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Wenig überraschend brachte dies die Lokalbevölkerung gegen die Missionare auf. Sie beschlossen, Gallus zu ermorden und Columban fortzujagen. Columban verfluchte die Tuggener daraufhin: Das Übel, das sie für die Mönche planten, solle auf sie selbst zurückfallen, wetterte er. Dann entschied er sich, Tuggen Tuggen sein zu lassen und es woanders nochmals von Neuem zu versuchen. Die Iren zogen nach Norden und fanden zuerst in Bregenz und danach in Arbon neue Orte für ihre Mission. Gallus wiederum trennte sich von seinem Lehrer und liess sich in der Einöde zwischen Arbon und dem heutigen Appenzellerland als Einsiedler nieder. Auf seinem Grab wurde das Klosters gegründet, aus dem die Stadt St. Gallen hervorging.

Die Tuggener haben Columbans Fluch offensichtlich überstanden und auch zum Christentum fanden sie am Ende noch. Rund ein Jahrhundert nach dem missglückten Besuch der irischen Mönche bauten die Tuggener ihre erste Kirche.

Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl

Benedikt Meyer
Historiker Benedikt Meyer ist auf historische Reportagen spezialisiert. Er schreibt unter anderem für das Reisemagazin Transhelvetica.

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