Truppen auf dem Waisenhausplatz in Bern während des Landesstreiks. Schweizerisches Bundesarchiv

Endlich Frieden!

Nach über vier Jahren der kriegerischen Auseinandersetzungen wurde der Erste Weltkrieg am 11. November 1918 beendet. Die sozialen Spannungen hatten sich in der Schweiz massiv verstärkt und sie entluden sich einen Tag später im ausgerufenen Landesstreik.

Zum Jahreswechsel 1916/17 hin liessen verschiedene Friedensappelle kurzzeitig die Hoffnung auf Frieden aufkeimen. Die Ausrufung eines uneingeschränkten U-Boot-Krieges durch die deutsche Reichsregierung im Februar 1917 setzte solchen Hoffnungen ein jähes Ende.

Die aufkeimenden Friedenshoffnungen hatten in der Schweiz zahlreiche pazifistische Gruppierungen dazu bewogen, sich zu ihrer Stärkung in einem Komitee zu sammeln. Die Mehrheit der welschen Exponenten der Schweizerischen Friedensgesellschaft waren aber gegenüber Friedensverhandlungen weiterhin skeptisch. Die Ausrufung eines uneingeschränkten U-Boot-Krieges bestärkte sie in ihrer Meinung, dass die deutsche Regierung offensichtlich einen militärischen Durchbruch dem Verhandlungsweg vorziehen würde. Ohnehin hatten sie ihre Hoffnungen auf einen Sieg von Demokratie und Recht gegen Autoritarismus und Militarismus gesetzt. Von einem einheitlichen Friedensprogramm der schweizerischen Friedensbewegung konnte nicht die Rede sein.

Die Idee eines Völkerbundes

Am 22. Januar 1917 ist die von Woodrow Wilson vor dem amerikanischen Kongress gehaltene Rede unter dem Stichwort «Peace-without-Victory» in die Geschichte eingegangen. Im Vordergrund der Rede stand sein Vorschlag, eine übernationale Gewalt – einen «Völkerbund» – zu schaffen, welcher eine dauerhafte Friedensordnung in Zukunft garantieren sollte. Dieser Vorschlag wurde von den Schweizer Pazifisten und Pazifistinnen freudig begrüsst und er führte nach dem Kriegseintritt der USA zu einer Stärkung der ententefreundlichen Elemente innerhalb der Schweizerischen Friedensgesellschaft. Wenige Monate nachdem bereits der Genfer Gustave Ador den deutschfreundlichen Arthur Hoffmann im Bundesrat abgelöst hatte, wurde auf einer Delegiertenversammlung in Olten im Oktober 1917 eine Statutenrevision verabschiedet. Diese enthielt die Forderung, gemäss welcher bei der nächsten Wahl ein welsches Mitglied das Präsidium der Schweizerischen Friedensgesellschaft übernehmen müsse.

Antimilitarismus und Dienstverweigerung

Der nicht enden wollende Krieg, Offiziersskandale, der durch Drill geprägte Aktivdienst und die schlechte Versorgungslage trugen in der schweizerischen Arbeiterbewegung zu einer Stärkung des Antimilitarismus bei. In der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz führte diese Entwicklung im Zuge der zwei Friedenskonferenzen von Zimmerwald und Kiental im Juni 1917 schliesslich zur Ablehnung der Landesverteidigung. In der zweiten Hälfte des Krieges machten ausserdem vermehrt Fälle von Dienstverweigerung auf sich aufmerksam. Sie brachten den Wunsch zum Ausdruck, radikal neue Wege für ein friedliches Zusammenleben zu finden. Die bürgerlich geprägte Schweizerische Friedensgesellschaft lehnte dagegen diesen Ansatz zur Erreichung des Weltfriedens ab. Der stark auf das Völkerrecht fokussierende Friedensdiskurs und das patriotische Bekenntnis zur Schweiz unterschied die Schweizerische Friedensgesellschaft vom Pazifismus der Antimilitaristen und Dienstverweigerer, bei denen eine prinzipielle Gewaltgegnerschaft zum Ausdruck kam. Sie spielte bei der Propagierung der von Wilson vorgeschlagenen Idee der Gründung eines Völkerbundes eine führende Rolle. Ihrer ententefreundlichen Genfer Sektion gehörten die Professoren William E. Rappard, Paul Moriaud, Charles Borgeaud, der Völkerrechtler Otfried Nippold und Gustave Ador als Ehrenmitglied an, die bei der Zusprechung des Völkerbundsitzes an Genf eine entscheidende Rolle spielten.

Waffenstillstand und Landesstreik

Am 11. November 1918 wurde in einem Eisenbahnwaggon im französischen Compiègne der Waffenstillstand unterzeichnet. Nachdem die sozialen Spannungen in der Schweiz deutlich zugenommen hatten, entluden sich diese bei Kriegsende im ausgerufenen Landesstreik. Der während des Krieges dominante Konflikt zwischen den Sprachregionen wurde im Streik durch einen sozialen Graben zwischen der Arbeiterschaft und dem Bürgertum überlagert. Während die Mehrheit der Arbeiterschaft in den Städten die Forderungen der Streikenden wie etwa die sofortige Neuwahl des Nationalrats nach Proporz, das aktive und passive Frauenstimmrecht, die Einführung der 48-Stunden-Woche sowie eine Alters- und Invalidenversicherung als überfällig betrachtete, lehnten die Exponenten der bürgerlichen Schweizerischen Friedensgesellschaft Streik zur Lösung der sozialen Frage grundsätzlich ab.

Die Abstimmung über den Beitritt zum Völkerbund

Am 28. April 1919 wurde Genf zum Sitz des Völkerbundes gewählt und die Stadt avancierte damit zu einem Zentrum der internationalen Beziehungen. Jedoch war noch keinesfalls sicher, ob die Schweizer diesem neuartigen «Bund der Völker» auch beitreten wollten. Der knappe Entscheid zugunsten eines Beitritts verdankten die Befürworter einer glühenden Unterstützung aus der welschen Schweiz. In der deutschsprachigen Schweiz wurde der Beitritt dagegen insgesamt verworfen, weil der Völkerbund dort eher als Ausführungsorgan der Siegermächte angesehen wurde. Beinahe wäre dieser Entscheid am fehlenden Ständemehr gescheitert: 11½ Kantone waren dafür, 10½ dagegen. Wenn 94 Appenzeller (Innerrhoden) anders gestimmt hätten, wäre die Schweiz kein Mitglied der ersten internationalen Organisation für kollektive Friedenssicherung geworden.

Landesstreik 1918

Landesmuseum Zürich

03.11.2018 – 20.01.2019

Am 12. November 1918, kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, streiken landesweit über 250‘000 Arbeiterinnen und Arbeiter. Nach drei Tagen wird der Streik abgebrochen - unter Druck eines starken Militäraufgebots, das in den grossen Städten der Schweiz präsent ist. Anlässlich des 100. Jahrestags des Landesstreiks zeigt das Landesmuseum in Zürich eine Ausstellung, die Ursachen, Verlauf und Folgen dieser schwerwiegenden Krise des noch jungen Bundesstaats beleuchtet. Die Schau ist in Kooperation mit dem Schweizerischen Sozialarchiv entstanden.

Gustave Ador. United Nations Archives at Geneva

Der deutschfreundliche General Ulrich Wille befürwortete eine Schweizer Armee nach preussischem Vorbild. Er sorgte deshalb insbesondere in der Romandie und in linken Kreisen für Unmut.

Plakat der Befürworter eines Völkerbundbeitritts. Privatsammlung Ulrich Gribi, Büren a. A.

Die ideelle Unterstützung von Dienstverweigerern aus Gewissensgründen durch den religiösen Sozialisten Leonhard Ragaz sorgte vor allem in Militärkreisen für Unmut. Auch der Nebelspalter karikierte den Theologieprofessor auf einem «schmalen Pfade zwischen Ueberintelligenz und Geistesgestörtheit wandelnd». Nebelspalter Verlag

Jean-Luc Rickenbacher
Jean-Luc Rickenbacher ist Historiker und hat bereits für mehrere Schweizer Museen gearbeitet, unter anderem für das Zollmuseum in Gandria.

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