Ansichtspostkarten, des Briefträgers liebste Fracht

Die einen sammeln Sticker von Fussballstars, die anderen Rahmdeckeli. Liny Picard hortete Ansichtspostkarten. Ein Glück für die Nachwelt, denn die Karten erlauben uns einen Blick in die Schweiz des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Bereits als elfjähriges Mädchen begann Liny Picard (1885-1974) mit dem Sammeln von Schweizer Ansichtspostkarten. So entstand eine Sammlung von rund 700 Karten aus der Zeit zwischen 1896 und 1909. Nach der Schulzeit in Zürich besuchte Liny ein Mädcheninternat in Neuchâtel und danach eine Haushaltungsschule in Herisau. Die an beiden Orten entstandenen Freundschaften widerspiegeln sich in gegenseitigen Postkarten-Grüssen. Viele Karten der Sammlung zeigen den Ansichtskartenboom um die Jahrhundertwende in exemplarischer Weise.

1902 wurden in der Schweiz 22 Millionen Ansichtspostkarten aufgegeben. 8 Millionen davon wurden im eigenen Land hergestellt. Die Schweiz hielt damit europaweit den Rekord im Ansichtskartenversand. Das Ende des 19. Jahrhunderts aufkommende Ansichtspostkartenfieber erfasste alle Bevölkerungsschichten und stand in direktem Zusammenhang mit dem aufblühenden Tourismus. Durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes, sinkenden Fahrpreisen und steigenden Einkommen konnten immer mehr Menschen reisen. Dabei trafen sie auf prächtige Bahnhofsbauten, Postgebäude oder Grandhotels, welche die Städtebilder prägten und beliebte Sujets der Ansichtspostkarten waren. Ein Gruss nach Hause war da fast Pflicht und freute auch den Briefträger, der den schönen Anblick gleich mitgeniessen konnte.

Vor der Einführung des Telefons wurde die Post mehrmals täglich ausgetragen. So ist es nicht erstaunlich, dass auch kurzfristige Termine per Ansichtspostkarten vereinbart wurden. Meetings werden heute sicher nicht mehr durch Postkarten vereinbart, aber als bunter Feriengruss hat die Karte noch längst nicht ausgedient. Auch, weil mit diversen Apps eigene Postkarten kreiert und verschickt werden können.

Geniessen Sie also die Sommerferien und schreiben Sie (wieder) mal eine Postkarte. Der Briefträger wird's Ihnen danken.

Einige Beispiele aus dem grossen Kartenfundus von Liny Picard. Fotos: Schweizerisches Nationalmuseum

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Andrej Abplanalp
Historiker und Kommunikations-Chef des Schweizerischen Nationalmuseums.

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2 Kommentare

Mente sagt:

Wunderbar, vielen Dank für den schönen Text über diese so spannenden und vielschichtigen Medien. Nachdem ich mich zunächst zaghaft sammelnd für sie interessierte, packte es mich vollends, als ich im Internet eine Ansichtskarte gefunden habe, die mein Grossvater geschrieben hatte. Eine unglaubliche Welt tat sich mir auf und ich erkannte, dass Ansichtskarten in jeder Hinsicht Ansichtssache sind. Mehr zu ihrer Kultur- und Mediengeschichte sowie den Fragen ihrer Erschliessung empfehle ich gerne: http://www.htwchur.ch/uploads/media/CSI_81_Mente.pdf

Merci für den interessanten Beitrag, ich sende gerne Postkarten. Aber ich sende auch immer eine Postkarte an mich: “ Mal sehen wer schneller ist?“ Ist meist der Text.
Liebe Grüsse Steffen

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