Ansicht von Aarau von Nordwest mit Holzbrücke, Insel und Weg um 1785. Gabriel Ludwig Lory père (1763 - 1840). Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Als Aarau Hauptstadt wurde

Vor 220 Jahren war Aarau der politische Mittelpunkt der Schweiz. Die Euphorie war gross, doch den Status als Hauptstadt behielt Aarau nur rund fünf Monate.

Die Helvetik ist in der Schweizer Gedächtniskultur hoch umstritten: Während in zahlreichen Kantonen und deren Hauptorten vielleicht nur schon der Gedanke an diese Epoche ein Schaudern auslöst, lässt sie andere kalt. In Aarau hingegen gilt diese Zeit, in der die Alte Eidgenossenschaft in sich zusammenbrach, als ein Höhepunkt der Stadtgeschichte. So bekommt man heute auf einer Stadtführung durch die Aargauer Kapitale allenthalben Episoden dieses helvetischen Zwischenspiels zu Gehör…

Aarau geriet 1798 in einen aussergewöhnlichen Strudel von Ereignissen. Noch im Januar fanden sich die Gesandten der eidgenössischen Orte zu ihrer allerletzten Tagsatzung in der Aarestadt ein, um die alten Bünde angesichts des drohenden Franzoseneinfalls noch einmal zu bekräftigen. Doch kaum hatten die Tagsatzungsgesandten Aarau Ende Januar verlassen, probte das bis dahin brave Berner Untertanenstädtchen den Aufstand: Die Bürger sagten sich von Bern los und tanzten bereits am 1. Februar um einen rasch errichteten Freiheitsbaum. Der Berner Truppenaufmarsch vermochte den Aarauer Freiheitsdrang zwar noch einmal zurückzubinden, doch nur für kurze Zeit, nämlich bis zum Ende der Alten Eidgenossenschaft nach dem französischen Sieg im Grauholz am 5. März.

Die Delegierten der revolutionsfreundlichen Kantone vereinbarten, sich anfangs April wiederum in Aarau zu treffen, um nach französischem Muster eine «helvetische Republik» zu gründen. Damit gelangte das kleine, damals bloss 2'500 Einwohner zählende Städtchen in den Fokus der Revolutionsaktivitäten. Bereits am 4. April wurde Aarau zur provisorischen Hauptstadt ernannt. Was gab den Ausschlag zu dieser unerwarteten Ehre? Die Atmosphäre! Die grosse Mehrheit der Bürgerschaft hatte auf den Befreiungsschlag gewartet; die gebildeten und verhältnismässig gut situierten Aarauer witterten ihre Chance, sich endlich aus der väterlichen Herrschaft der Gnädigen Herren zu befreien und ihrem Status entsprechend in der eidgenössischen Politik Einfluss nehmen zu können. Bis anhin endeten die politischen und wirtschaftlichen Karrieren der Aarauer an der Stadtgrenze. Mit der farbigen Stoff-Kokarde am Hut stürzten sie sich ins Demokratie-Experiment.

Vorbild für Aarau: Freiheitsbaum auf dem Münsterplatz in Basel am 22. Januar 1798. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Helvetischer Hut mit aufgeschlagener Krempe und grün-rot-gelber Kokarde. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Die Helvetische Nationalversammlung bei ihrer ersten Sitzung am 12. April 1798 im Aarauer Rathaus. Bild: Stadtmuseum Aarau

Bereits den Zeitgenossen war bewusst, dass ausser dem ausgesprochen revolutionsfreundlichen Klima und einer relativ zentralen Lage nicht viel für Aarau als Hauptstadt sprach; das Manko der komplett fehlenden Infrastruktur war allzu augenscheinlich. Die Stadt Aarau agierte entschlossen und rasch, um gegen diesen Mangel anzukämpfen. Noch im April lag ein vom in Bern ansässigen Architekten Johann Daniel Osterrieth gezeichneter Entwurf vor, der die Anlage eines neuen Quartiers im Osten der Altstadt vorsah, womit sich die Stadtfläche verdoppeln sollte. Diesem Plan unter dem Titel «Projet d'Agrandissement de la Comune d'Aarau» zollen Stadtplaner noch heute Respekt für seine Rationalität und seine Weitsichtigkeit. Osterrieth legte in seinem Entwurf Wert auf das Gesamtbild, nicht auf einzelne Gebäude. Das Baukonzept spiegelt die Ideen der Revolution wie etwa die Gewaltentrennung wieder: Direktorium, Parlament und Gerichte sollten in unterschiedlichen Gebäuden untergebracht werden.

Johann Daniel Osterrieths gezeichneter Entwurf zur Erweiterung Aaraus. Bild: Stadtmuseum Aarau

Am 3. Mai 1798 bestätigten die helvetischen Räte Aarau als provisorische Hauptstadt. Wenige Tage später gab die helvetische Exekutive, das Direktorium, sozusagen eine Bestellung auf, welche Art von Räumlichkeiten die Stadt Aarau zur Verfügung stellen sollte. Es herrschte nämlich sowohl an Tagungs- wie an Wohnbauten akuter Platzmangel. Die Stadt stellte ihre öffentlichen Gebäude ausnahmslos der Zentralregierung zur Verfügung und die Bürger nahmen die helvetischen Funktionäre bei sich auf.

Die Schnelligkeit der Abläufe war beeindruckend: Innerhalb von nur vier Wochen kaufte die Stadt Aarau die Bauplätze an, bestellte Baumaterial und begann unverzüglich – noch vor der Ausarbeitung der konkreten Baupläne – mit dem Aushub für die prioritär zu errichtenden Wohnhäuser. Diese äusserst funktionalen Reihenhäuser, die dem damaligen State-of-the-Art entsprachen, wurden aufgrund der Wohnungsnot zuerst in Angriff genommen.

Präsentationsplan der Laurenzenvorstadt. Bild: Stadtmuseum Aarau

Mitten in dieser Bau-Euphorie äusserten einzelne helvetische Parlamentarier Bedenken an der Eignung Aaraus als Hauptstadt. Tatsächlich fand sich im August eine Mehrheit für eine Verlegung der Hauptstadt nach Luzern. Als die Helvetiker Anfang September Richtung Süden zogen, blieb Aarau als Baustelle zurück. Immerhin wurden die Wohnhäuser an der Laurenzenvorstadt noch nach Osterrieths Plänen gebaut – allerdings dauerte dies bis in die 1820er-Jahre. Sie sind zum Stein gewordenen Denkmal für das Hauptstadt-Abenteuer geworden.

Was blieb Aarau darüber hinaus vom überstützten Demokratie-Experiment? Der offene Geist! Aarau strahlte weiter bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts namentlich dank der Schriftsteller Zschokke und Troxler als liberales Zentrum in die Schweiz aus. Ein langlebiges Relikt ist auch der in der Helvetik entstandene und in der Mediationszeit noch vergrösserte Kanton Aargau – und dessen Hauptstadt Aarau immerhin bis heute (und meistens unangefochten) bleiben konnte.

Die «Neuen Häuser» in Aarau sind die einzigen Bauwerke, die über das Planungsstadium der neuen helvetischen Hauptstadt hinauskamen. Bild: Wikimedia

Raoul Richner
Historiker und Stadtarchivar der Stadt Aarau.

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Ihr Kommentar





Ein Kommentar

Ralf Hoheisel sagt:

Danke für den informativen Artikel