Inschrift auf einem Bronzehelm aus Giubiasco TI, 250 – 50 v. Chr. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Die älteste Schrift der Schweiz

Die Schrift taucht auf dem Gebiet der heutigen Schweiz erstmals vor 2500 Jahren südlich der Alpen auf. Im Tessin und im Misox wurden einige der ältesten Schriftzeugnisse einer keltischen Sprache in Europa gefunden.

Was wäre unser Leben ohne die Schrift? Auch in der Smartphone-Ära bleibt die schriftliche Mitteilung immer noch ein weit verbreitetes und oft verwendetes Kommunikationsmittel – eine Welt ohne Schrift scheint schwer vorstellbar. Aber war dem immer so? Seit wann benutzt der Mensch in unseren Breitengraden diese Kommunikationsform? Und seit wann wird im Gebiet der heutigen Schweiz ein Alphabet verwendet?

Die in der westlichen Hemisphäre übliche Schrift hat ihre Ursprünge in Mesopotamien und im alten Ägypten, wo sie als Hilfsmittel für den Handel entstand. Die ersten Schriftsysteme bestanden nicht aus Buchstaben (also aus Zeichen, welche die Laute von Vokalen und Konsonanten darstellen), sondern aus symbolhaften Bildzeichen, die für ein Objekt oder einen Vorgang standen. Zu den ältesten bekannten Schriften gehören die von den Sumerern in Mesopotamien erfundene Keilschrift und die in Ägypten entstandenen Hieroglyphen. Diese beiden Schriftsysteme, die sich beinahe gleichzeitig zwischen 3500 und 3200 v. Chr. entwickelten, hatten einen grossen Nachteil: Um sie schreiben und lesen zu können, musste man Tausende von Zeichen bzw. Symbole kennen. Kein Wunder, dass dies nur wenige Zeitgenossen beherrschten.

Sumerische Keilschrift aus dem 26. Jahrhundert v. Chr. Bild: Wikimedia

Hieroglyphen-Inschrift aus dem Grab des ägyptischen Königs Sethos I. (ca. 1300 v. Chr.). Bild: © The Trustees of the British Museum

Die grosse Schriften-Revolution fand mit den Phöniziern statt, die um 1200 v. Chr. ein Alphabet einführten, also ein auf den Lauten ihrer Sprache basiertes Schriftsystem, das aus Zeichen bestand, die eben diese Laute darstellten. Um verständliche Texte zu produzieren, genügten den Phöniziern daher rund zwanzig Zeichen bzw. Buchstaben. Dies nicht zuletzt aufgrund einer Eigentümlichkeit: Ihr Alphabet bestand nur aus Konsonanten, die Vokale musste sich der Leser sozusagen selber hinzudenken. Ab diesem Zeitpunkt begann sich das Alphabet im gesamten Mittelmeerraum zu verbreiten. Zunächst machten sich die Griechen diese grosse Vereinfachung des Schreibens und Lesens zu eigen: Sie entwickelten ein eigenes, auf den Merkmalen ihrer Sprache basiertes Alphabet, das sie aus diesem Grund mit Vokalen ergänzten und dem seine zwei Anfangsbuchstaben – Alpha und Beta – den Namen gaben.

Phönizische Speerspitze aus Bronze mit Inschrift. 11. Jahrhundert v. Chr. Bild: © The Trustees of the British Museum

Den Griechen folgten die Etrusker, die das griechische Alphabet übernahmen und es an ihre Sprache anpassten. Und den Etruskern ist es zu verdanken, dass eine alphabetische Schrift auch in der Gegend der heutigen Schweiz eingeführt wurde. Als gegen 600 v. Chr. griechische Siedler die Kolonie Massalia (das heutige Marseille) gründeten, blockierten sie eine der wichtigsten Handelsrouten der Etrusker: die Rhone. Über diesen Fluss brachte das italische Volk nämlich seine Waren in die Gebiete nördlich der Alpen. Die Besetzung des Zugangs zur Rhone durch die Griechen zwang die Etrusker, neue Handelswege zu suchen. So begannen sie, ihre Waren über die Zentralalpen zu transportieren und sicherten sich dazu die Hilfe der lokalen Bevölkerung: den mit den Kelten verwandten Lepontiern. Die Etrusker brachten aber nicht nur Waren und Gegenstände zu den im Gebiet der italienischen Schweiz und des Ossola-Tals siedelnden Lepontiern, sondern verbreiteten dort auch neue Kenntnisse, Fertigkeiten und Lebensweisen – darunter die Verwendung der Schrift und damit des Alphabets.

Das etruskische Alphabet (klicken um ganze Grafik anzuzeigen). Grafik: Museum Allerheiligen Schaffhausen, nach Larissa Bonfante, 1990. Bearbeitung: dreh gmbh

Die Kelten hatten kein eigenes Alphabet entwickelt, da ihre Kultur stark in der mündlichen Überlieferung von Generation zu Generation wurzelte. Die am Südrand der Alpen lebenden keltischen Völker kamen allerdings durch den Kontakt mit den Etruskern früh in Berührung mit der neuen, schriftlichen Kommunikationsform und eigneten sie sich ebenfalls an. Sie übernahmen das etruskische Alphabet und passten es ihrer Sprache an, woraus das Alphabet «von Lugano» – auch «lepontisches» Alphabet genannt – entstand. Im ehemals lepontischen Gebiet zählt man heute rund 140 Inschriften in diesem Alphabet; die ältesten gehen auf die Zeit um 550 v. Chr. zurück. Es handelt sich dabei meistens um in Stein gemeisselte Grab- oder Weih- bzw. Votivinschriften, Münzaufschriften oder auf Keramik- oder Metallgefässen und Schmuckstücken eingeritzte Eigennamen. Diese Fundstücke sind die ältesten Zeugnisse einer keltischen Sprache in Europa und beweisen, dass der Alpensüdrand schon weit vor der von römischen Quellen überlieferten Epoche von keltischsprachigen Völkern besiedelt war.

Grabstele mit keltischer Inschrift aus Vira-Gambarogno TI, 5. Jahrhundert v.Chr., Kopie. Der Name des Verstorbenen liest sich von unten nach oben: teromui kalui. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Bronzehelm mit Inschrift mit etruskischen Buchstaben (siehe Titelbild). In diesem Fall handelt es sich nicht um das «lepontische» Alphabet. Die etruskischen Buchstaben wurden auch von anderen antiken Völkern wie den Rätern im Bündnerland oder den Venetern in Nordostitalien übernommen. Giubiasco TI, 250 – 50 v. Chr. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Topf mit eingeritztem Namen des Besitzers «Rupelos», Giubiasco TI, 100-80 v.Chr. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass sich nördlich der Alpen sehr viel weniger und auch nur aus jüngerer Zeit stammende keltische Inschriften finden, die dazu noch – wie von Caesar in seinem De Bello Gallico notiert – unter Verwendung des griechischen Alphabets verfasst wurden. Die älteste dieser Inschriften ziert zusammen mit einer Schlagmarke ein in der Zihl bei Port im Kanton Bern gefundenes Schwert und wird auf das Jahr 100 v. Chr. datiert. Die Kelten südlich der Alpen verwendeten noch lange Zeit das etruskische Alphabet und gingen erst nach der endgültigen Eroberung des Gebiets durch die Römer zum Latein und dessen Alphabet über.

Keltische Inschrift (Korisios) auf einem in im alten Zihllauf in Port gefundenen Schwert, ca. 100 v. Chr. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Eva Carlevaro
Eva Carlevaro ist Kuratorin für die Römer- und Eisenzeit beim Schweizerischen Nationalmuseum.

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2 Kommentare

Wie spannend. Regt unglaublich zum Nachdenken an. Die Geschichte der Sprache ist einfach phänomenal.
Danke für diesen ausgezeichnet abgefassten Artikel.

Florin, Andri sagt:

Vielen Dank für diese Erhellungen, da spürt man die alten talentierten Regionen auf, deren Vorsprung sich halten und sogar ausweiten liess. Der ‚genius loci‘ lässt sich anrufen, so etwas sollte nicht kleingeredet werden, es sind dies Konstanten, welche der Geschichte der Menschheit je nachdem wichtige Wenden verpasst haben. Man könnte die ersten Wagenräder, den carrus, ganz ähnlich als Vorläufer der heutigen Exzellenz im Autobau verstehen, wenn eine Linie erst mal gesetzt ist, kann sie eine Verstärkung erfahren, sich profilieren, dann sehen Entwicklungen weniger sprunghaft oder willkürlich aus, der Einsatz für „die Sache“ lohnt sich, das motiviert und formt. Gardez les Grandes Lignes, et soignez les détails – dh. die Wegmarken beachten, und erst dann die Girlanden dranhängen. So lässt sich falscher Pathos vermeiden und zugleich verwaschene Beliebigkeiten, man unterweise in Substanzen, das bleibt denn auch.