Gesamtansicht des Landessender Beromünster
Gesamtansicht des Landessender Beromünster. Im Vordergrund das Sendegebäude von 1931 sowie die beiden ursprünglichen Türme für die Antennenanlage. Im Hintergrund der 1937 fertiggestellte Blosenbergturm. Museum für Kommunikation Bern

Radio Landes­sen­der bis DAB+

Mit der Gründung der SRG 1931 brauchte das Land neue Sendeanlagen. Ihre klingenden Namen wurden Teil der Schweizer Kulturgeschichte.

Juri Jaquemet

Juri Jaquemet

Dr. phil., Sammlungskurator für Informations- und Kommunikationstechnologie, Museum für Kommunikation, Bern

Radiowellen machen an keiner Landesgrenze halt. Trotz steigender Hörerschaft verfügten die über das Land verteilten kleinen Radiostationen nicht über die Mittel, um international konkurrenzfähig Radio zu machen. Der Bund gründete daher 1931 die Schweizerische Rundspruchgesellschaft SRG und stattete die Non-Profit-Unternehmung mit einem Monopol aus. Die SRG war fortan für den Inhalt der Programme verantwortlich und produzierte die Sendungen in Studios, die in den grössten Schweizer Städten angesiedelt waren. Dabei nahm die SRG einen bildungspolitischen und föderalistischen Auftrag wahr und vermittelte Inhalte zwischen Stadt und Land. Im Zweiten Weltkrieg waren die SRG-Radioprogramme ein Instrument der Geistigen Landesverteidigung. Radio war auf dem europäischen Kontinent zu einem der wichtigsten Propaganda- und Machtinstrumente geworden. Die für das Produzieren der Sendungen benötigte Infrastruktur unterstand ab 1931 der Post-, Telegrafen- und Telefonverwaltung (PTT). Der Staatskonzern kümmerte sich um Beschaffung und Unterhalt der Studioeinrichtung sowie um die Sendeanlagen und die landesweite Signalübertragung.
Blosenbergturm 1991
Die Sendetürme der Landessender waren reine Zweckbauten – die Aussicht genossen bloss schwindelfreie Mitarbeiter. Im Hintergrund der Aufnahme von 1991 ist der Blosenbergturm des Ingenieurs Robert Dick zu sehen. Fotografie von Mondo Annoni, 1991. Museum für Kommunikation Bern
Über die 1931-1933 eingeweihten Landessender Beromünster, Sottens und Monte Ceneri versorgte die PTT über Mittelwelle fortan die drei Sprachregionen mit den SRG-Radioprogrammen. Mittelwellen verbreiten sich bodennah und in der Nacht auch via Reflexion an der Ionosphäre. Tagesüber betrug die Reichweite 60-100 Kilometer – nachts bis zu 400 Kilometer. Zudem beeinflusste die Wetterlage die Qualität des Empfangs. Die Senderstandorte waren so gewählt, dass die grossen Städte und möglichst grosse Landesteile mit den ausgestrahlten Radiowellen erreicht werden konnten. So bot sich beispielsweise der Monte Ceneri zur Versorgung von Bellinzona, Lugano und Locarno geradezu an. Die Stahlfachwerktürme der Landessender wurden zu regionalen Landmarken und zu Zeugen der Schweizer Ingenieurskunst. Dies gilt insbesondere für die zweite Generation der Türme nördlich der Alpen: 1937-1939 wurde bei Beromünster der 215 Meter hohe Blosenbergturm gestellt, 1947 weihte die PTT in Sottens einen ähnlichen Bau ein. Alle bisher erwähnten Turmbauten für die Ausstrahlung von Radiosignalen in der Schweiz wurden nur für diesen Zweck verwendet. Die Idee einen Sendeturm à la Eifelturm mit Aussichtsplattform zu konzipieren, hatten die Verantwortlichen offenbar nicht.
Retuschierte Aufnahme des Landessender Sottens aus dem Jahr 1931.
Retuschierte Aufnahme des Landessender Sottens aus dem Jahr 1931. Der Prozess der Technisierung der Landschaft schritt mit den neuen Radiosendeanlagen voran. Die sogenannte T-Antenne war zwischen den beiden Masten aufgespannt. Max Kettel / Museum für Kommunikation Bern
Innenansicht der nüchtern gehaltenen Sendehalle des Landessenders Sottens, Aufnahme von 1941.
Innenansicht der nüchtern gehaltenen Sendehalle des Landessenders Sottens, Aufnahme von 1941. In den Sendergebäuden der Landessender fanden sich die Sendeanlagen, viel Röhrentechnik, Räume für die Strom- und Notstromversorgung, Werkstätten und Aufenthaltsräume. In der Nähe der Anlagen wurden zudem Wohnhäuser für die Techniker/Mitarbeiter gestellt. Museum für Kommunikation Bern
Im Gedächtnis verankerten sich die Senderstandorte bei der Hörerschaft noch auf eine weitere Weise: Auf den Skalen der Radios waren die Sender jeweils schriftlich aufgeführt. Die Landessender wurden zum klingenden Namen. Das Stichwort «Beromünster» mag gegenwärtig noch viele ältere Menschen direkt in die Jugendjahre katapultieren. Der hölzerne Röhrenradio war Mittelpunkt der Stube und die Familie versammelte sich davor für gemeinsame Hörerlebnisse. Am Mittag um 12:30 verstummten die Gespräche am Mittagstisch. «Psssst – nach dem Piepston kommen die Nachrichten!». Geschlossen wurde das Tagesprogramm der Landessender jeweils mit dem Abspielen der Nationalhymne. Eine Art akustischer Erinnerungsort sind auch die über die Landessender ausgestrahlten Pausenzeichen der Radiostudios. So nutzte etwa das Studio Bern bis 1963 die ersten Takte des Volksliedes «D’Zyt isch da».
Werbefilm des Landessenders Beromünster von 1931. SRF
Die gebirgige Topografie der Schweiz sorgte vielerorts für schlechten Empfang der zentral ausgestrahlten Radiowellen. Empfang im Funkloch garantierte 1931-1997 zusätzlich der Telefonrundspruch. Über das bereits fein verästelte Telefonnetz konnten mit einem Telefonrundspruch-Empfänger störungsfrei die Landessender gehört werden. Um den Empfang über die Luft zu verbessern, erstellte die PTT in Savièse (Wallis), Chur, Sool (Glarus) und Basel 1947-1949 kleine Mittelwellen-Relaisstationen. In der Nacht wurde ab 1973 das tagsüber in Beromünster ausgestrahlte Programm von Sarnen gesendet. Ab den 1960er-Jahren verlor der Mittelwellenrundfunk zunehmend an Bedeutung. Radio empfing man nun über Ultrakurzwelle (UKW). Der Sender Beromünster wurde 2008 eingestellt, 2010 endete die Zeit des Landessenders Sottens. Bereits 1967 änderte die SRG das Wording und ersetzte die «Schweizerischer Landessender Beromünster»-Programmansagen konsequent durch «Schweizer Radio». In den letzten Jahren strahlte Beromünster mit «Musikwelle 531» ein volkstümliches Spartenprogramm aus.
Landessender Monte Ceneri, 1960
Der erhöht gelegene Landessender Monte Ceneri im Tessin bildet eine von weithin sichtbar Landmarke. Aufnahme mit Sendegebäude und einem der Türme, um 1960. Museum für Kommunikation Bern
Notstromgruppe im Sendergebäude auf dem Monte Ceneri um 1960
Bei einem Stromausfall sprangen in den Landessendern gewaltigen Notdieselaggregate an. Notstromgruppe im Sendergebäude auf dem Monte Ceneri um 1960. Museum für Kommunikation Bern
Die beiden ursprünglichen Sendetürme vom Sender Beromünster wurden 2011 gesprengt. Der Blosenbergturm – als weithin sichtbares Wahrzeichen in der Landschaft – sowie das Betriebsgebäude im Baustil der gemässigten Moderne stehen heute als Denkmal von nationaler Bedeutung unter Schutz. Das Kantonale Denkmalverzeichnis und Bauinventar des Kantons Luzern, stuft das Radioinfrastruktur-Ensemble Beromünster als einen «wichtigen sozial- und technikgeschichtlichen Zeugen von nationaler Bedeutung» ein. Das Sendergebäude wird heute als Kunst- und Kulturzentrum genutzt. Der Blosenbergturm dient dem Bund als lufthygienische Messstation. In Sottens wurde der grosse Sendeturm 2014 gesprengt – die «Legende aus Stahl», so das Schweizer Fernsehen, ist nicht mehr. Das noch bestehende Sendergebäude sowie ein Reserveturm unterstehen dem Denkmalschutz. Der Turm ist nun Abenteuerspielplatz und kann geführt erklettert werden. Auf dem über 100 Meter hohen «Gipfel» wird als Belohnung für die schweisstreibende Kletterei eine «pause gastronomique» angeboten. Ob dabei auch Weisswein gereicht wird, entzieht sich den Kenntnissen des Autors. Vermutlich muss aus Sicherheitsgründen auf diese waadtländische Spezialität verzichtet werden. Das Landessender-Ensemble inmitten des Militärgeländes Monte Ceneri steht ebenfalls unter Denkmalschutz. Im Gebäude findet sich ein Museum zur Geschichte des Radios. Die 1978-2008 für den Sendebetrieb genutzte Mittelwellenantenne nördlich von Isone wurde 2016 rückgebaut. Die Antenne war mit 254 Meter die höchste Radioantenne der Schweiz. Die filigrane und mit Kabeln abgespannte Konstruktion war aus Distanz kaum wahrzunehmen – ihr Verschwinden fiel im Landschaftsbild kaum auf.
Sprengung des Landessenders in Sottens 2014. SRF Tagesschau vom 20.8.2014

UKW & DAB+

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Mittelwellenband in Europa überfüllt – für ein zweites Schweizer Radioprogramm fand sich kein Platz. Daher forcierte die PTT ab den 1950er-Jahren den UKW-Rundspruch. Auf dem St. Anton (Kanton Appenzell-Innerhoden) nahm 1952 ein erster UKW-Sender den Versuchsbetrieb auf. Ein recycelter Mast der Landi-Seilbahn von 1939 trug die Versuchsantennen. Bis in die 1980er-Jahre hinein erstellte die PTT ein UKW-Sendernetz. Da sich die entsprechenden Radiowellen ähnlich wie Licht verbreiten und durch Hindernisse wie Hügel und Berge stark beeinträchtig wurden, war eine hohe Senderdichte Voraussetzung. Die aktuelle Liste des Bundesamtes für Kommunikation BAKOM umfasst über 80 Seiten mit Sendestandorten! Heute tragen diese Sender meist auch schon Antennen für das digitale Radio DAB+ – diese Sendetechnik soll künftig UKW ablösen.
Erster UKW Sender auf dem St. Anton (AI) von 1952
Auf dem St. Anton (Kanton Appenzell-Innerhoden) nahm 1952 ein erster UKW-Sender den Betrieb auf. Ein recycelter Mast der Landi-Seilbahn von 1939 trug die ersten UKW-Antennen. Die Aufnahme entstand um 1960. Museum für Kommunikation Bern
Norm Umsetzer im Wallis 1969
Um auch abgelegene Regionen mit UKW- und TV-Signalen zu versorgen, erstellte die PTT landesweit viele standardisierte Norm-Umsetzer. Der abgebildete Umsetzer versorgte die Region Stalden im Wallis mit Radio- und TV-Signalen. Foto von 1969. Museum für Kommunikation Bern
Die Landessender-Programme wurden Ende 1960er-Jahre durch neu konzipierte Programme ersetzt. In der Deutschschweiz setzte beispielsweise DRS 1 die Schwerpunkte bei Information und Unterhaltung, DRS 2 bei klassischer Musik und Kultur. DRS 3 sendete ab 1983 endlich auch Pop- und Rockmusik und bediente damit eine jüngere Hörerschaft. Zeitgleich lockerte der Bund das Monopol und liess erste durch Werbung finanzierte Privatradios zu. Radio mutierte betreffend Hörgewohnheit ab den 1960er-Jahren von einem bewussten Einschaltmedium zu einem Begleitmedium. Radio hörte man nicht mehr nur sehr bewusst zuhause auf dem Sofa. Kleine günstige Transistorradios dudelten nun auf der Arbeit, im Auto und beim Picknick am Bergsee.
Die für die Schweiz wohl geschichtsträchtigste UKW-Sendeanlage stand aber gar nicht auf Schweizer Boden. Mit einer sehr starken UKW-Sendeanlage auf dem Pizzo Groppera, nördlich von Chiavenna in Italien gelegen, versorgte Roger Schawinski und sein Team von Radio 24 ab 1979 den Grossraum Zürich mit einem ersten privaten Radioprogramm. Das zum Sender gehörende Studio befand sich in einem Einfamilienhaus in Cernobbio am Comersee. Aus Sicht der Schweizer Behörden handelte es sich um einen «Piratensender», der das staatliche Monopol von SRG und PTT untergrub. Mehrmals erreichten sie die vorübergehende Schliessung des Senders auf fast 3000 Meter über Meer, auch wenn dieser nach italienischem Recht legal betrieben wurde. Die wiederholten Schliessungen des Senders sorgten bei der Hörerschaft für eine Sympathiewelle. Eine Petition Ende 1979 sammelte innert wenigen Tagen über 200'000 Unterschriften für den Sender. 1983 war dann der Umzug nach Zürich möglich, seither sendet Radio 24 vom Uetliberg. Die Kult-Sendeanlage auf dem Pizzo Groppera steht übrigens noch heute. Allerdings nur als Ruine – ein Blitzschlag hat die Anlage 1984 zerstört.
Roger Schawinski spricht über die Sendeanlage von Radio 24 auf dem italienischen Pizzo Groppera (ab 25:00). Sie versorgte 1979-1983 den Grossraum Zürich mit einem privaten Radioprogramm. Die Wahl fiel auf diesen Berg, da er einen freien Blick in Richtung Schweiz gewährte. Dies war für das Senden von UKW-Signalen ideal. Der Sender war zu dieser Zeit eine der stärksten privaten UKW-Anlagen weltweit. SRF

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