Tragbares Natel A im Koffer: Damit wird die Telefonie in der Schweiz definitiv mobil. Aufnahme Ende der 1970er Jahre. Foto: Museum für Kommunikation, Bern

NATEL – vom Statussymbol zum Alltagsobjekt

1978 lanciert die PTT das Nationale Autotelefon – kurz Natel. Erstmals kann die Schweiz via Koffertelefon mobil telefonieren. Damit tritt die mobile Telefonie ihren Siegeszug an. Vom Statussymbol wird es in der Schweiz bereits um die Jahrtausendwende zum selbstverständlichen Alltagsobjekt.

Abseits der öffentlichen Wahrnehmung beginnt die Geschichte des mobilen Telefonierens in den Nachkriegsjahren bei der Autophon AG in Solothurn. Die Firma entwickelt Polizeifunkgeräte zum ersten mobilen Telefongerät des Landes weiter. «Radiovox» heisst das System und es füllt den halben Kofferraum eines Autos. Wie das Wort «Radio» im Markenname erahnen lässt, wird für das System Funktechnologie verwendet. Das Zürcher Transportunternehmen Welti-Furrer nimmt am 9. Juni 1949 die erste Radiovox-Anlage in Betrieb und kann ihre Fahrzeugflotte fortan per Telefonanruf erreichen. Drei Jahre später wird in der Schweiz sogar eine Weltneuheit lanciert: Die erste Anlage, mit der die vollautomatisierte Wahl zwischen Fahrzeug und stationärem Telefonteilnehmer möglich ist. Angeschlossen werden zunächst Fahrzeuge von Zürcher Industriebetrieben und das Zürichsee-Motorschiff Linth, später folgten weitere Taxi- und Transportunternehmen. Weit reichen diese «Mobiltelefone» allerdings nicht – sie funktionierten nur im Umkreis von 25 Kilometer zu einer ortsfesten Sende-Empfangsanlage. Bis 1975 entstehen so in der Schweiz 62 voreinander unabhängige Netze mit insgesamt immerhin stattlichen 1300 Teilnehmern.

1978 erhalten die Geräte einen zweiten Mobilitätsschub und werden portabel. Die PTT lancieren zusammen mit den Firmen Autophon AG, Brown Boveri & Cie und Standard Telefon und Radio AG mit dem Natel A, dem Nationalen Autotelefon, das erste gesamtschweizerische Mobiltelefonsystem. Nebst fix im Fahrzeug eingebauten Modellen sind nun auch in tragbaren Koffern untergebrachte Natels erhältlich – wohlverstanden mit einem ansehnlichen Gewicht von 15 Kilogramm. Handy ist hier also noch gar nichts. Je nach Ausführung kostet ein Natel A 8000 bis 10 000 Schweizer Franken; umgerechnet auf die Kaufkraft entspricht das heute der Grössenordnung von 20 000 Franken. Hinzu kommt eine monatliche Grundgebühr von 130 Franken. Ein dreiminütiger Anruf ist mit 5 Schweizer Franken zu berappen. Die PTT rechnet den potentiellen Kunden vor, dass sich die Mobiltelefonkosten für einen Arbeitstag auf 11 bis 16 Franken belaufen und verspricht gleichzeitig Einsparungen im Bereich Fahrzeugfahrten und Personal. Die hohen Kosten sorgen offenbar dafür, dass Autotelefone schnell zum Statussymbol werden. In Zürich ist die Nachfrage so gross, dass verschiedene Anträge für ein Natel A abgelehnt werden. Ein abgelehnter Kunde beklagt sich 1979 in einem Beschwerdebrief denn auch bitter, dass viele Natel-Nutzer das Gerät als blosses Statussymbol nutzen und im staureichen Feierabendverkehr wohl kaum geschäftsbezogene Telefonate tätigen.

Im Grunde ist das Natel A-System eine analoge Kleinfunkanlage. Via Funk wählt sich das Natel A bei der nächsten Funkantenne automatisch ins Telefonnetz ein. Die Schweiz ist zu diesem Zeitpunkt in fünf Netzversorgungsbereiche eingeteilt, jeder mit einer eigenen Vorwahlnummer. Um jemanden zu erreichen, muss man also wissen, in welchem Bereich der Schweiz sich der mobile Gesprächspartner gerade befindet. Es ist ohnehin alles noch ein bisschen umständlich in dieser Pionierzeit. Der Aufbau einer Verbindung kann bis zu zwei Minuten dauern. Steht dann eine Verbindung, so ist Eile angesagt. Nach drei Minuten wird die Verbindung automatisch beendet, ansonsten droht die Überlastung des Netzes. Wer mit einem Natel A telefoniert, muss sich also kurz fassen. Für Plaudereien taugt das Natel A nicht.

Die Natel-Teilnetze der Schweiz. Um jemanden zu erreichen, muss der Anrufende wissen, in welchem Bereich sich der mobile Gesprächspartner gerade befindet. Abbildung: PTT-Archiv, Köniz

In gebirgigen Gegenden oder in Häuserschluchten gehören Funklöcher noch zum Alltag. Das führte zu Reklamationen. «Es dürfte kein Geheimnis sein, dass die Natel-Auto-Telephon-Anlagen in keiner Weise befriedigen. Leider muss ich heute feststellen, dass ich die Fr. 11 000 je Gerät zuzüglich Gebühren für den Anrufmelder zum Fenster hinausgeworfen habe», schreibt ein unzufriedener Kunde wenige Monate nach der Eröffnung des Netzes an die PTT.

Die frühen Werbungen zielen deshalb auf Business-Kundschaft, die beruflich viel unterwegs ist und wenig Zeit hat: Manager, Handwerker, KMU-Besitzer. Dabei spricht die Werbung meistens direkt Männer an. Immerhin ein Motiv richtet sich mit einem lockeren Reim an die moderne Frau. Sie fährt in einem VW-Golf: «Das ist Claudia von Arx. Journalistin. Bei ihr gilt Eile mit der Zeile.» Ganz selbstverständlich sitzt Claudia von Arx mit dem Telefon am Steuer. Ein beliebtes Motiv in der Werbung, denn das ist in der Anfangszeit des Natels nicht grundsätzlich verboten. Die PTT empfiehlt aber bereits 1979 die Aufmerksamkeit auf die Strasse zu richten und nicht während der Fahrt zu telefonieren. Eine Ordnungsbusse für das Verwenden eines Telefons ohne Freisprecheinrichtung während der Fahrt existiert jedoch erst seit 1996. Vor diesem Zeitpunkt muss die Polizei eine Strafanzeige einreichen. 2009 schliesslich stuft das Bundesgericht auch das SMS schreiben als grobe Verkehrsverletzung ein – zu bestrafen mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder einer saftigen Busse.

Mit dem Natel A wird gerne auch während der Fahrt telefoniert. Heute ist dies ohne Freisprechanlage verboten. Autophon-Broschüre aus dem Jahr 1978. Abbildung: Museum für Kommunikation, Bern

Das Natel A wird später von den ebenfalls analogen Systemen Natel B und C abgelöst. Dabei existieren die verschiedenen Systeme immer eine Weile gleichzeitig nebeneinander. 1992 wird das digitale Natel D lanciert. Dieses basiert auf dem europäischen GSM-System. Die Geräte werden schnell kleiner, billiger und stammen fortan meist nicht mehr aus Schweizer Produktion. Die tieferen Preise für Geräte und Abos ermöglichen, dass sich die mobile Telefonie im Alltag durchsetzt. Zum Erfolg trägt auch die Einführung der SMS-Technologie ab 1995 bei. Die 160 Zeichen der Kurznachricht ersetzen immer öfter ein Mobiltelefongespräch.  Zu spüren bekommt das ab der Jahrtausendwende auch die Festnetztelefonie. 2002 zählt die Statistik für die Schweiz erstmals mehr Mobil- als Festnetzanschlüsse. Ab 2007 gibt es sogar mehr Mobiltelefonabonnemente als Einwohner. Im gleichen Jahr stellt Apple das iPhone vor und startet damit den Trend weg von den Tasten, hin zu Smartphones mit Touchscreen. Das Mobiltelefon wird dank individuell auswählbaren Apps definitiv zum Multifunktionsgerät. Telefon, Internet-Browser, Anschluss an soziale Netzwerke, Walkman, Fahrplan, Fotoapparat, Agenda, Taschenlampe und Kompass finden nun in einem Gerät vereint in der Hosentasche Platz.

Eines bleibt aber lange gleich: Das Ding heisst Natel. Ein Begriff, der übrigens in allen vier Landessprachen verstanden und verwendet wird. Nach dem Ende des PTT-Mobilfunkmonopols lässt die Swisscom 1999 das Wort sogar markenrechtlich schützen. 2017 beschliesst derselbe Betrieb allerdings, das Wort Natel nicht mehr für Mobilfunktarifangebote zu nutzen. Es bleibt abzuwarten, wie lange sich dieser Helvetismus umgangssprachlich noch halten wird…

Juri Jaquemet

Dr. phil., Sammlungskurator für Informations- und Kommunikationstechnologie, Museum für Kommunikation, Bern


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