In seinen Bilderbüchern wendet Leupin neben dem magischen Realismus auch einen zweiten, flächigeren Zeichenstil an. Herbert Leupin, Schloss für Dornröschen, 1948. Tempera auf Papier. Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugendmedien, SIKJM, Zürich

Die Helden der Kindheit

Die Schweiz verfügt über eine lange Bilderbuch-Tradition. Neben Pitschi und Schellen-Ursli gibt es unzählige weitere Bilderbuchhelden, die Generationen von kleinen Leserinnen und Lesern begeistert haben.

Der Knecht Joggeli soll Birnen pflücken. Er legt sich aber lieber in den Schatten des Birnbaums anstatt zu arbeiten. Da schickt ihm der Meister den Hund auf den Hals. Doch dieser hat keine Lust, den Joggeli zu beissen. Auch Stöckli, Feuer, Wasser, Kalb und sogar der Metzger bringen nicht die gewünschte Wirkung. Erst als der Meister selbst zum Rechten schaut, fallen schliesslich die Birnen. Was als Nacherzählung eher absurd klingt, hat Lisa Wenger 1908 in ein unverwechselbares Bilderbuch verwandelt. Joggeli söll ga Birli schüttle gehört seither zum festen Bestandteil des Schweizer Kulturguts. Die wie ein Kasperlitheater gestaltete Kettenreaktion von Metzger bis Birnen zieht seit über 100 Jahren Generationen von Kindern in den Bann.

Die Erstausgabe von Lisa Wengers Joggeli zeigt die Geschichte mit einem Henker, in den folgenden Auflagen wurde dieser weggelassen. Schweizerische Nationalbibliothek, Bern

Blumiger Anfang

Als Lisa Wengers Joggeli erscheint, gibt es in der Schweiz noch fast keine Bilderbuchproduktion. Vor 1900 kannte man in einzelnen Haushalten höchstens den aus Deutschland stammenden Struwwelpeter oder Max & Moritz. Mit dem Jugendstil entstanden erste Bilderbücher im heutigen Sinn. Als Pionier des Künstlerbilderbuchs gilt der Berner Ernst Kreidolf. Sein 1898 erschienenes Erstwerk Blumen-Märchen setzte neue Massstäbe für das Bilderbuchschaffen im deutschen Sprachgebiet. Vermenschlichte Blumen, Kräuter, Sträucher, aber auch Heuschrecken, Schmetterlinge oder Käfer sind die Hauptakteure in seinen an Märchen, Mythen und Sagen erinnernden Geschichten, die beim genaueren Hinschauen auch eine kritische oder zumindest nachdenkliche Haltung erkennen lassen. So wandeln Herr Schlüsselblum und Frau Enziane Himmelblau durch den reizenden Blumenwald; das Kindermädchen Margarete mit dem Nachwuchs folgt dahinter. Das Gedicht unter dem Bild verleiht der idyllischen Szenerie aber ein schwermütiges Ende:

«Bis im Herbst, es ist zu schade,
Blatt und Blume sinkt ins Grab –
Auch Herr Schlüsselblum und Frau
Enziane Himmelblau.»

Dem Blumen-Märchen folgten weitere Bilderbücher, die Kreidolf zuerst in Deutschland und nach seiner Rückkehr nach Bern ab 1917 in der Schweiz verlegte.

Motiv aus Ernst Kreidolf, Blumen-Märchen. NordSüd Verlag, Zürich. © NordSüd Verlag AG

Helden aus der Werbung

In der krisengeprägten Zwischenkriegszeit waren es Werbeabteilungen, wie jene von Maggi und Nestlé, die mit Klebbildchen und Sammelpunkten die Nachfrage nach Kinderunterhaltung abdeckten. Später wurden aus Werbemaskottchen Buchfiguren, allen voran Globi, einer der bekanntesten und beliebtesten Bilderbuchhelden der Schweiz, aus der Werbeabteilung von Globus. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte in der deutschsprachigen Schweiz eine Skepsis gegenüber Bilderbüchern aus Deutschland. Davon profitierte das einheimische Verlagswesen. Die politisch-kulturelle Bewegung der geistigen Landesverteidigung verband sich mit dem Wunsch nach heiler Kinderwelt. Felix Hoffmann, Alois Carigiet und Hans Fischer – die drei berühmtesten Schweizer Illustratoren – trugen in ihren Büchern das Bild einer Schweiz, verbunden mit dem herkömmlichen Brauchtum, erfolgreich in die Welt hinaus.

Robert Lips und Jakob Stäheli, Globis toller Tag, 1960. SIKJM, © Globi Verlag Imprint Orell Füssli Verlag

Hans Fischer, Pitschi. Das Kätzchen, das immer etwas anderes wollte, 1948. © NordSüd Verlag AG

Wie Alois Carigiet und Hans Fischer war auch Herbert Leupin Werbegrafiker. Zwischen 1944 und 1949 illustrierte er neun Märchenbilderbücher für den Globi Verlag, darunter Hans im Glück, Hänsel und Gretel oder Dornröschen. Die Illustrationen in Leupins Bilderbüchern erzählen das Märchen eigenständig. Sein Bilderbuchstil entwickelte sich mit den erschienenen Märchen weiter. Einerseits illustrierte er im magischen Realismus, der sich durch die realistische und detaillierte Wiedergabe des Bildgegenstandes auszeichnet, der gleichzeitig aber eine mystische oder eben magische Ausstrahlung erlangt. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Tapfere Schneiderlein aus dem Jahr 1944. Besonders in Dornröschen von 1948 gut ersichtlich, wendete er andererseits in seinen Büchern auch einen zweiten, flächigen Stil mit hart konturierten Figuren in leuchtenden Farben an.

Motiv aus Herbert Leupin, Das tapfere Schneiderlein. NordSüd Verlag, Zürich. © NordSüd Verlag AG

Hinaus in die Welt

Hans-Ulrich Steger, Reise nach Tripiti, 1967. © Diogenes Verlag AG

Mit dem Aufbruch Ende der 1960er-Jahre kam es auch in den Bilderbüchern zum Umbruch. Hans-Ulrich Stegers Teddybär Theodor trat seine Reise nach Tripiti an. Der Karikaturist und Objektkünstler setzte in diesem Bilderbuch eigene Erinnerungen und Erfahrungen in Szene. Theodor ist Stegers Teddybär aus Kindertagen und auch die anderen Figuren haben reale Vorlagen. Neu ist, dass die Titelhelden nicht wie bisher in die Welt ziehen, um am Ende der Geschichte wieder heimzukehren, sondern an ihrem Sehnsuchtsort in der Ferne ein neues Zuhause finden.

Heute wie damals sind der Kreativität der Bilderbuchautorinnen und -autoren keine Grenzen gesetzt. So können durchaus auch gesellschaftliche und politische Themen einfliessen, trotzdem ist die Natur als kindlicher Freiraum aber, wie vor 100 Jahren im Werk von Ernst Kreidolf, nach wie vor ein wichtiges Thema und Motiv von Bilderbüchern.

Joggeli, Pitschi, Globi …
Beliebte Schweizer Bilderbücher

Landesmuseum Zürich

15.6. – 14.10.2018

Über Generationen begeistern die Figuren aus Schweizer Bilderbüchern unzählige Leserinnen und Leser. Die Familienausstellung im Landesmuseum Zürich lässt Kinder in die Bilderbuchwelten eintauchen, während Erwachsene ihren einstigen Lieblingen im kulturellen Kontext begegnen.

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Alexander Rechsteiner
Hat Anglistik und Politikwissenschaften studiert und arbeitet bei der Kommunikation des Schweizerischen Nationalmuseums.

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