Schmuggel zwischen der Schweiz und Italien

Bis heute ist der Schmuggel im kollektiven Gedächtnis der Tessiner verankert. Während Jahrhunderten besserten sich damit grosse Teile der Bevölkerung ihr dürftiges Einkommen auf. Grenzgeschichten aus dem Süden der Schweiz.

Von Jugendlichen bis zu Greisen beteiligten sich ganze Dörfer am «Schleichhandel», der sowohl über den Landweg als auch über das Wasser abgewickelt wurde. Die dabei angewendeten Methoden konnten spektakuläre Formen annehmen. Eine der Hauptursachen für den Schmuggel war das soziale Elend in der Grenzregion, in der grosse Teile der Bevölkerung täglich mit Existenzproblemen zu kämpfen hatten. Die mehrheitlich in der Landwirtschaft tätigen Menschen sahen im Schmuggel – hauptsächlich von Tabak, Kaffee, Alkohol und diversen Nahrungsmitteln – einen willkommenen Zusatzverdienst.

Tiefpreisland Schweiz

Die dominierende Schmuggelrichtung von der Schweiz nach Italien war in erster Linie durch die zollpolitische Ausrichtung der beiden Länder bedingt. Während die italienische Regierung bereits in den 1870er-Jahren Schutzzölle einführte, hielt die Eidgenossenschaft am Prinzip des Freihandels fest. Deutliche Preisunterschiede waren die Folge: 1897 kostete ein Kilogramm Zucker in der Schweiz umgerechnet 0,6 Lire und 1,5 Lire in Italien; der Preis für ein Kilogramm Kaffee lag in der Schweiz bei 3,5 Lire im Vergleich zu 5,5 Lire im südlichen Nachbarland. Bei den an der Grenze aufgegriffenen Schmugglern handelte es sich denn auch fast nur um Bewohnerinnen und Bewohner der italienischen Grenzgemeinden. Die italienische Grenzwacht (Guardia di Finanza) liess an der Grenze einen kostspieligen metallenen Zaun (ramina) errichten, um diese beim illegalen Grenzübertritt zu hindern.

Aus Schweizer Sicht war der Ausfuhrschmuggel dagegen lediglich eine unsachgemässe Form des Warenexports und wurde von den lokalen Behörden meistens wohlwollend toleriert.  Viele Schweizer Geschäfte in Grenznähe finanzierten mit der Belieferung der Schmuggler geradezu ihren Unterhalt. Diese grundverschiedenen Ansichten zwischen den beiden Ländern führten regelmässig zu Spannungen auf zwischenstaatlicher Ebene.

Der Grenzzaun in der Nähe des Poncione d’Arzo. Foto: Sammlung G. Haug

Das «Schmuggler-U-Boot» faszinierte sowohl die Grenzwächter als auch die Kinder. Foto: Archivio di Stato del Cantone Ticino

U-Boot mit Pedalantrieb

Einfallsreiche Ideen waren nötig, um die Waren unbemerkt an den Grenzwächtern vorbeischleusen zu können. Spektakulär war ein Fund im Jahr 1886, als die Guardia di Finanza im Bahnhof Chiasso einen Käselaib entdeckte, der im ausgehöhlten Innern mit 300 Kilogramm Tabakprodukten gefüllt war. Im Laufe der Zeit wurden die Methoden der Schmuggler aufwändiger. Im November 1948 fanden italienische Grenzwächter am Ufer des Luganersees ein Unterseebot, von dem im Schweizer Zollmuseum ein Miniaturmodell ausgestellt ist. Es war drei Meter lang und konnte bis zu 450 Kilogramm Ware transportieren. Speziell war insbesondere die Art des Antriebs: Er lief im Innern über Fusspedale, die mit der Bootsschraube verbunden waren.

In den meisten Fällen erfolgte der Schmuggel auf kräftezehrenden Märschen über die grüne Grenze in Gruppen von drei bis zehn Personen mit einer bricolla, einem aus Weidenruten geflochtenen Behälter, ähnlich einem Rucksack. Die Schmuggler stellten besondere Schuhwerke aus Stoff (peduli) her, damit sie sich im Wald möglichst lautlos bewegen konnten. Den Schmugglerbanden stand jeweils ein verantwortlicher Führer vor. Dieser ging der Gruppe als Kundschafter voran und war mit Schlagstöcken, Messern oder kleinen Sicheln (falcetti) bewaffnet. Falls der Bandenführer eine Grenzpatrouille entdeckte, musste er die Gruppenmitglieder vorwarnen oder den Befehl zum Rückzug erteilen. In manchen Fällen erwiesen sich die Grenzwächter, die oftmals selbst ein bescheidenes Dasein in abgelegenen Grenzwachtposten fristeten, als bestechlich. In diesem Fall bestand die Aufgabe des Bandenführers darin, die Abfindungssumme mit ihnen auszuhandeln. Auch wenn die Schmuggler handgreifliche Auseinandersetzungen mit den Grenzwächtern grundsätzlich vermeiden wollten, kam es regelmässig zu blutigen Zwischenfällen.

Beim Schmuggel kamen nicht nur Menschen, Boote, Karren oder Züge als Transportmittel zum Einsatz, sogar Hunde wurden mit Waren beladen. Neben den kleinen, aus drei bis zehn Personen bestehenden Gruppen, konnten sich auch ganze Kolonnen bilden. Eine der grössten je entdeckten Schmugglergruppen umfasste nicht weniger als 131 Personen und wurde 1934 zwischen Arogno und dem Val d’Intelvi von einer italienischen Grenzpatrouille erspäht.

Der Schmuggel darf jedoch nicht lediglich als romantische Form des grenzüberschreitenden Warenverkehrs gewertet werden. Zwischen 1868 und 1894 wurde etwa ein Viertel bis zu einem Drittel der Tessiner Tabakproduktion durch Schmuggel über die Grenze abgesetzt. Kleine Tabakverarbeitungsbetriebe in der Umgebung von Chiasso waren gänzlich von der Konjunktur des Schmuggels abhängig. Ihm muss regional eine nicht zu unterschätzende volkswirtschaftliche Relevanz zugestanden werden.

Schmuggler bei der Herstellung der peduli in Scudellate (Muggiotal). Foto: Archivio di Stato del Cantone Ticino

Schmugglerhund mit einer bastina. Foto: Sammlung D. Ravasi

Bildliche Darstellung der 1934 im Val d’Intelvi entdeckten Schmugglergruppe in der «Domenica del Corriere». Foto: La Domenica del Corriere, 21. Januar 1934

Das Zollmuseum in Gandria.

Das Schweizer Zollmuseum

Mehr Informationen zum Schmuggel zwischen der Schweiz und Italien erfahren Sie im Schweizer Zollmuseum in Cantine di Gandria. Dort ist auch das Buch «Das Schweizer Zollmuseum» erhältlich, welches die Hintergründe des Schmuggels und die Geschichte des Museums aufzeigt.

Täglich geöffnet vom 25. März bis 21. Oktober 2018, von 13.00 bis 17.00 Uhr.

Eintritt: 5.-/ 2.50 Franken (6 bis 16 Jahre), frei bis 6 Jahre

www.zollmuseum.admin.ch

Jean-Luc Rickenbacher
Jean-Luc Rickenbacher ist Historiker und hat bereits für mehrere Schweizer Museen gearbeitet, unter anderem für das Zollmuseum in Gandria.

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Ihr Kommentar





4 Kommentare

Kuno Gross sagt:

Das U-Boot auf dem Foto sieht aber bedeutend länger aus, als die im Artikel angegebenen 3 Meter. Ich würde es sicher auf das Doppelte, eher noch mehr schätzen – bei 3 Metern Länge wäre auch die Zuladung extrem niedrig gewesen (der meiste Platz wäre für den „Fahrer“ gebraucht worden, so dass sich damit ein Schmuggel der beschriebenen Waren kaum gelohnt haben würde…

Es freut uns, dass Sie den Blog des Nationalmuseums so aufmerksam lesen. Das U-Boot war tatsächlich relativ klein, so sind etwa sogar die Kinder am rechten Bildrand grösser. Die Angabe einer Länge von drei Metern ist jedoch korrekt. Diese Länge wird sowohl im Buch „Das Schweizer Zollmuseum“ von Jean-Luc Rickenbacher als auch in anderen wissenschaftlichen Artikeln (vgl. z. B. Adriano Bazzocco: Ramina e contrabbando. La dimensione socioeconomica del confine nel Mendrisiotto, S. 92) für das U-Boot angegeben.

Interessante Artikel über die Geschichte des Schmuggels an der Südgrenze. Macht neugierig auf mehr!

Thomas Moser sagt:

Der Autor schildert anschaulich die volkswirtschaftliche Bedeutung des Schmuggels für die schweizerisch-italienische Grenzregion. Eindrücklich ist auch die Botschaft, dass Schlepperbanden auch in dieser Region ein Geschäftsfeld vorfanden, wenn Menschen in Not sind. All dies kann im soeben erschienen Buch über das Zollmuseum studiert werden. Das Zollmuseum ist überhaupt ein Bijou in der Schweizer Kulturlandschaft: Nach dem Besuch der immer spannenden Ausstellungen ist es ein Hochgenuss, die unvergleichliche Lage an den Gestaden des Lago die Lugano zu geniessen und in einem der vorzüglichen Grotti einzukehren.