Die Idylle trügt. Im solothurnischen Bärschwil ermordete ein Ex-Söldner 1896 drei Menschen.
Die Idylle trügt. Im solothurnischen Bärschwil ermordete ein Ex-Söldner 1896 drei Menschen. Wikimedia

Der Dreifach­mord von Bärschwil

Ein blutiger Mord im solothurnischen Bärschwil offenbart die globalen Spuren kolonialer Gewalt gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

Philipp Krauer

Philipp Krauer

Philipp Krauer ist Historiker an der ETH Zürich. Zusammen mit Bernhard C. Schär erforscht er im Projekt «Swiss Tools of Empire» die Geschichte von Schweizer Kolonialsöldnern in Indonesien.

Am 23. März 1896 erschütterte ein kaltblütiger Dreifachmord die Schweiz. In einem beschaulichen Weiler nahe des solothurnischen Bärschwils erschoss der 49-jährige Bernhard Jeker seinen Vermieter, sowie dessen Frau und Tochter. Gemäss verschiedenen Zeitungsberichten verschanzte sich der angeblich stark alkoholisierte Jeker nach der Tat in einem Bauernhaus, bis er von herangerückten Landjägern überrumpelt und entwaffnet werden konnte. Nur weil sein Gewehr nach dem dritten Schuss zersprang, sei weiteres Blutvergiessen verhindert worden. Als Motiv gab Jeker später der Polizei zu Protokoll, er habe am Morgen vor der Tat vor Gericht erscheinen müssen, weil sein Vermieter ihn verleumdet habe. Als er dann nach Hause zurückgekehrt sei, habe ihm die Familie des Vermieters höhnisch ins Gesicht gelacht, was ihn so sehr aufgeregt habe, dass er «den Entschluss fasste, sie zu erschiessen». Morde waren im 19. Jahrhundert zwar nicht an der Tagesordnung, aber dennoch keine Seltenheit. Was diesen Fall jedoch aussergewöhnlich macht, ist der Hinweis auf Jekers koloniale Vergangenheit. So berichtete etwa Der Bund, dass sich Jeker längere Zeit als Soldat in Niederländisch Indien aufhielt, wo er sich «eine ungemein rohe Gesinnung» angeeignet habe.
Artikel im «Bund» vom 25. Mai 1896.
Artikel im «Bund» vom 25. Mai 1896. e-newspaperarchives
Und in einem Verhör gab Jeker an, er habe 13 Jahre lang in der niederländischen Kolonialarmee gedient, 4 Jahre davon «im Felde», wo er «oft in den Fall» gekommen sei, «auf Feinde zu schiessen». Tatsächlich kämpfte Jeker von 1876 bis 1880 im Aceh-Krieg im heutigen Indonesien.

Koloni­al­krieg in Aceh

Der Krieg an der Nordwestspitze der indonesischen Insel Sumatra war einer der längsten und blutigsten in der Geschichte Niederländisch Ost-Indiens. Lange Zeit konnte sich das dort gelegene Sultanat den Expansionsgelüsten der Niederlande widersetzten – nicht zuletzt, weil die damals grösste Kolonialmacht Grossbritannien sich für dessen Unabhängigkeit einsetzte. Als die Niederländer aber 1871 den Briten ihre Kolonien an der westafrikanischen Goldküste überliessen, gaben diese dem niederländischen Expansionsdrang nach. 1873 besetzten schliesslich Truppen der niederländischen Kolonialarmee einzelne Gebiete des Sultanates. Was folgte, war ein fast 40 Jahre dauernder Krieg, bei der rund 75'000 Bewohnerinnen und Bewohner Acehs sowie 25'000 Kolonialsoldaten, Hilfstruppen und Zwangsarbeiter auf Seiten der Niederländer ihr Leben liessen.
Karte des heutigen Indonesiens. Aceh liegt am westlichen Ende des Malaiischen Archipels an der nordwestlichen Spitze Sumatras.
Karte des heutigen Indonesiens. Aceh liegt am westlichen Ende des Malaiischen Archipels an der nordwestlichen Spitze Sumatras. Wikimedia
Soldaten der niederländischen Kolonialarmee waschen sich im Fluss Aceh. (Aufnahme zwischen 1900-1910).
Soldaten der niederländischen Kolonialarmee waschen sich im Fluss Aceh. (Aufnahme zwischen 1900-1910). Leiden University Libraries

Schweizer an der Front

Jeker war bei weitem nicht der einzige Schweizer, der an vorderster Front für die niederländischen Kolonialarmee kämpfte. Neben ihm standen im Verlauf des 20. Jahrhunderts rund 7600 Schweizer in Diensten der niederländischen Kolonialarmee. Nur wenige bis heute überlieferte Quellen geben Auskunft darüber, wie die Schweizer den Krieg in Aceh wahrnahmen. Der Oltner Söldner Karl Schmid, auch bekannt als «Batavia Schmid», ist einer von ihnen. 1912 hielt er seine Eindrücke in seinen Memoiren fest. Darin berichte er etwa, wie er zusammen mit anderen Soldaten ein Dorf eroberte: «Der Feind floh nach allen Richtungen. Tote, Halbtote trafen wir haufenweise an. Der Anblick machte mich schaudern. Ein guter Kamerad reichte mir seine Feldflasche, ein tüchtiger Zug daraus und ich fühlte mich wieder stark! Jetzt ging es schnell vorwärts, alle Häuser wurden angezündet.» Das ganze Ausmass der Verwüstung sah Schmid schliesslich, als er von einer Anhöhe über die Landschaft blickte: «Soweit das Auge reichte, stunden alle Kampongs (Dörfer) in Flammen.» Diverse niederländische Historikerinnen und Historikern wie zum Beispiel Petra Groen, Emmanuel Kreike oder Tom Menger zeigten jüngst, dass Schmids Schilderungen keineswegs übertrieben waren. Immer wieder versuchte die niederländische Kolonialarmee den Widerstand der Acehnesischen Kämpferinnen und Kämpfer mit extremer Gewalt zu brechen: Sie richteten Massaker an, erschossen Gefangene oder setzten ganze Dörfer, Felder und Wälder in Brand, um der Zivilbevölkerung ihre Ernährungsgrundlage zu entziehen.
Fotografie eines Transportkonvois der niederländischen Kolonialarmee in Aceh, ca. 1880
Fotografie eines Transportkonvois der niederländischen Kolonialarmee in Aceh, ca. 1880 Leiden University Libraries

Krieg und Trauma

Jekers Geschichte liest sich demnach wie der überzeichnete Plot eines Hollywoodfilmes, der von einem traumatisierten amerikanische Vietnam- oder Irak-Veteranen handelt. Ob die Kriegserlebnisse aus Aceh allerdings traumatische Spuren in Jekers Psyche hinterliessen, lässt sich aus heutiger Perspektive nicht beurteilen – nicht zuletzt auch deshalb nicht, weil das medizinische Konzept des Traumas viel jünger ist. Zwar gab es seit dem Deutsch-Französischen Krieg (1870-1871) vermehrt medizinische Untersuchungen über den Zusammenhang von Krieg und Nervenkrankheiten, die Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörung fand aber erst viel später vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges Einzug in das schulmedizinische Vokabular. Nicht etwa wegen der kriegsversehrten vietnamesischen Zivilbevölkerung, sondern wegen den unzähligen amerikanischen GIs, die unter den psychischen Folgen des Krieges litten. Der Direktor der psychiatrischen Klinik Rosegg in Solothurn attestierte Jeker jedenfalls eine «verminderte Zurechnungsfähigkeit». Das Urteil wurde dadurch allerdings nicht beeinflusst. Die Geschworenen bekannten Jeker des dreifachen Mordes schuldig und er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.
Die Heilanstalt Rosegg auf einer Lithografie von 1862.
Jeker wurde nach seiner Verhaftung zu weiteren Abklärungen in die Heilanstalt Rosegg eingeliefert. Die Anstalt auf einer Lithografie von 1862. Wikimedia

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