Deutsch-französischer Krieg, Gemälde von Alphonse de Neuville.
Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 war brutal. Hier dargestellt in einem Gemälde von Alphonse de Neuville. Wikimedia

Zwischen den Fronten

Zwei Schweizer erhielten 1871 die Aufgabe, einigen in Paris eingeschlossenen Eidgenossen zu Hilfe zu eilen. Dafür mussten sie die preussische Belagerungslinie überqueren und die Franzosen von sich überzeugen.

Christophe Vuilleumier

Christophe Vuilleumier

Christophe Vuilleumier ist Historiker und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte. Er hat verschiedene Beiträge zur Schweizer Geschichte des 17. und 20. Jahrhunderts publiziert.

Infolge des im Juli 1870 ausgebrochenen Kriegs zwischen Frankreich und Preussen fielen Bismarcks Armeen in Frankreich ein. Sie siegten in Sedan und umstellten anschliessend Paris. Ab dem 20. September sassen die zwei Millionen Hauptstädterinnen und Hauptstädter in der Falle. Sie waren von 400'000 Soldaten umstellt. Ein Entkommen war unmöglich, denn die Anzahl der Belagerer stieg fast täglich und ab November 1870 wurde ausserdem schweres Artilleriegeschütz aufgefahren, um die französische Metropole zu bombardieren. Die Preussen wollten Paris zermürben und aushungern lassen, um eine Kapitulation zu erreichen. Während ausserhalb der Stadtmauern mehrere Schlachten tobten, mussten sich die Eingeschlossenen innerhalb weniger Wochen daran gewöhnen, die Ängste während der Bombardements, eine strikte Essensrationierung und den eiskalten Winter auszuhalten. Schon nach kurzer Zeit unterlagen die Lebensmittel-, Holz- und Kohlepreise der Inflation. Man ass Katzen, Hunde oder Ratten. Die Strassen wurden nachts nicht mehr beleuchtet und die Öfen in den Häusern blieben kalt. Mitten in dieser Misere steckten auch zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer. Beispielsweise der bekannte Genfer Staatsmann James Fazy, der nach den Unruhen während den kantonalen Wahlen 1864 geflohen war. Er befand sich seit mehreren Jahren in Paris und hatte eine kleine Schweizer Kolonie in der französischen Hauptstadt gegründet.
Paris nach der deutschen Bombardierung.
Paris nach der deutschen Bombardierung. Wikimedia
Die preussischen Geschütze sind auf Paris gerichtet.
Die preussischen Geschütze sind auf Paris gerichtet. Wikimedia

Entsen­dung nach Paris

Die Bundesbehörden waren um das Schicksal ihrer Landsleute besorgt und erteilten Anfang 1871 dem Genfer Staatsrat Arthur Chenevière und dem Appenzeller Arzt Arnold Roth, Sekretär des Eidgenössischen Politischen Departements, den Auftrag, den in der Belagerung eingekeilten Eidgenossen zu Hilfe zu eilen. Am 28. Januar erhielt Chenevière ein Telegramm von Bundespräsident Karl Schenk: Entsendung nach Paris. Und so machten sich der Genfer und der Appenzeller in die französische Hauptstadt auf.  Sie reisten durch den Doubs und an Héricourt vorbei, wo die Kämpfe nur einige Woche zuvor noch im Gang gewesen waren. Sie nutzten Furten für die Überquerung der Flüsse, da die Brücken zerstört waren. In den niedergebrannten Dörfern sahen die beiden Schweizer den ganzen Horror des Krieges. Nach einem Halt in Besançon konnten Arthur Chenevière und Arnold Roth die preussischen Linien dank einer vom Bundesrat ausgehandelten Passierbewilligung übertreten. Bei dieser Gelegenheit erfuhren sie, dass General Charles Bourbaki und seine 80'000 Soldaten die Schweizer Grenze überschritten hatten. Ob es sich dabei um einen einen Rückzug, oder um ein verdächtiges Militärmanöver handelte, um ihr Land in den Konflikt mithineinzuziehen, wussten die beiden Schweizer nicht.
Porträt von Arthur Chenevière.
Porträt von Arthur Chenevière. Bibliothèque de Genève

30'000 Franken aus der Schweiz

Der Zutritt zu Paris wurde Arthur Chenevière und Arnold Roth nicht so leicht gemacht wie der Übertritt der preussischen Linien, denn die Franzosen befürchteten Spionage. Jedoch verbreitete sich die Kunde der Gastfreundschaft, welche die Schweiz Bourbakis Soldaten entgegenbrachte, bis in die Hauptstadt. Das half, die Stadttore für die Schweizer Abgesandten zu öffnen. Sie wurden bald vom Schweizer Botschafter in Paris, Johann Konrad Kern, und der Gesellschaft der schweizerischen Kolonie empfangen. Ihnen brachten Chenevière und  Roth eine beträchtliche materielle Unterstützung von rund 30'000 Franken, welche die kantonalen Hilfskomitees sowie der Bund zusammengetragen hatten. Der helvetische Schatz wurde der Schweizer Gesandtschaft anvertraut, deren Aufgabe die Weiterverteilung an die Bedürftigsten unter den Eidgenossen in Paris war.
Herrenporträt von Johann Konrad Kern, um 1850.
Herrenporträt von Johann Konrad Kern, um 1850. Schweizerisches Nationalmuseum
Arthur Chenevière und Arnold Roth blieben nur kurz in Paris und kehrten schnell in die Schweiz zurück, um dem Bundesrat Bericht über ihre Mission zu erstatten. Sie kehrten den Qualen eines Kriegs den Rücken, in welchem die deutschen Truppen die Champs-Elysées vom 1. bis 3. März symbolisch besetzen sollten und es noch eine zweite Belagerung geben würde: Dieses Mal seitens der regulären französischen Streitkräfte gegen die Gemeinde Paris. Die Bundesbehörden verdankten die beiden Männer gebührend; sie erlangten nicht nur grossen Ruhm in Bern, sondern auch in Genf und Appenzell. Anerkennung erhielten Chenevière und Roth auch aus Paris. Viele Schweizerinnen und Schweizer schrieben den beiden und bedankten sich für ihre Mission.

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