«Die drei Eidgenossen», Historische Fabrik Bern, Bundeshaus. Bild: Parlamentsdienste Bern

Der Nationalfeiertag: unveränderbar im Kalender, veränderbar im Kopf

Was in drei Eidgenossen Namen kann falsch sein, wenn 83,8% der Stimmenden eine Volksinitiative annehmen? So geschehen am 26. September 1993, als der 1. August mit einem Rekord-Mehr zum arbeitsfreien Nationalfeiertag erklärt wurde. Nie entschied das Schweizer Volk deutlicher.

Abgestützt auf die Verfassung, steht der 1. August unverrückbar wie die Alpen. Fachhistorisch ist er aber auf Sand gebaut. Im Vorfeld des Jubiläumsjahrs 1991 griffen die Initianten ohne Wenn und Aber auf den Wissensstand von 1891 zurück. Was sind schon hundert Jahre Geschichtsforschung? In der Kuppelhalle des Bundeshauses stehen als steinerne Zeugen Werner Stauffacher, Walter Fürst und Arnold von Melchtal. Auf einem mächtigen Sockel entrückt, unnahbar, die Mienen ernst, halten sie mit feierlicher Strenge schützend ihre Hände über den Bundesbrief. Kein Zweifel: Das ist ein steingewordener Staatsakt, hier wird ein Staat gegründet – sozusagen in Permanenz.

«Die drei Eidgenossen», Historische Fabrik Bern, Bundeshaus. Das Werk von James Vibert (1872–1942) wurde 1914 mit zwölfjähriger Verspätung eingeweiht. Frühere Vorschläge waren als unwürdig zurückgewiesen worden. Die Zeit um 1900 hatte zwei Gesichter. Das eine blickte voraus auf Industrialisierung und Fortschritt, das andere zurück auf mythische Wurzeln. Im gleichen Jahre 1882, als der Gotthard-Eisenbahntunnel eröffnet wurde, schmückte Ernst Stückelberg (1831–1903) die Tellskapelle in Sisikon UR mit Bildern zur Befreiungssage.
Bild: Parlamentsdienste Bern

Geschichte lebt von der Frage nach der Herkunft. So gesehen hat die Bundesfeier zwei Vorfahren, zum einen die alten Schlachtjahrzeiten, die bis ins Spätmittelalter zurückreichen, zum andern die jungen Bundesbeitrittsfeiern. Den Anfang machte Zürich 1851 mit der 500-Jahr-Feier des Bundes mit den Waldstätten. Diese schlugen die Einladung an die Limmat jedoch aus. Vier Jahre nach der Niederlage im Sonderbundskrieg mochten sie mit den Siegern weder festen noch den Bund feiern.

Der junge Staat von 1848 brauchte alte Geschichten. Seine mythischen Erzählungen inszenierte er in der realen Landschaft. Am Eingang zum Urnersee errichteten die Urkantone 1859 «Dem Sänger Tells», Friedrich Schiller (1759–1805), ein imposantes Denkmal, für das nur goldene Lettern erforderlich waren. Den Rest bot die Natur. Ein Fels, der am Ufer 40 Meter aus dem Wasser ragte, wurde aus Vorsicht verkleinert auf gefahrlose 20 Meter. Das nahe Rütli, im sogenannten Bundesbrief von 1291 mit keinem Wort erwähnt, erklärte man 1860 zum «unveräusserlichen Nationaleigentum». Auf der anderen Seeseite, bei Sisikon, wurde 1879 eine neue Tellskapelle gebaut. Der Urner Landrat erhob den einstigen Bittgang hierher im Jahre 1884 offiziell zur Landeswallfahrt. Religiöse Überhöhung eines mythischen Retters.

Damit war das Feld bereitet für die Versöhnung der politischen Lager. Am «Altar der vaterländischen Geschichte» reichten sich Liberale und Konservative 1886 im Rahmen der 500-Jahr-Feier der Schlacht bei Sempach die Hand. Der Grundstein zur schweizerischen Konkordanz war gelegt. Knapp zehn Jahre nach dem ersten eidgenössischen Fabrikgesetz von 1877 wurde in Sempach auch die soziale Schweiz bekräftigt. Nur Winkelrieds Familie durfte sich im Festspiel seinem monumentalen Sarg mit der Aufschrift «Sorget für mein Weib und meine Kinder» nähern. Aus einer lokalen Totenfeier war eine nationale Triumphfeier geworden.

1891 wurde der 1. August ausdrücklich als Jahrhundert-Feier begangen. Zur jährlichen Wiederholung kam es erst ab 1899. Auslandschweizer hatten eine Art «Quatorze Juillet» angeregt. Der Bundesrat forderte in der Folge die Kantone auf, am Abend des 1. August die Kirchenglocken läuten zu lassen. Rund hundert Jahre blieb der Nationalfeiertag ein Werktag. Das entsprach dem Selbstverständnis einer nüchternen, geschäftstüchtigen Gesellschaft.

Bleibt die Frage, welche Bedeutung der 1. August fachhistorisch hat. Der sogenannte Bundesbrief von 1291 war ein Landfriedensbündnis, wie es im 13. und 14. Jahrhundert Dutzende gab. Von Freiheit kein Wort, im Gegenteil. Die Unfreiheit wurde geschützt, wie der dritte Artikel unmissverständlich belegt: «Dies in der Meinung, dass jedermann gemäss dem Stande seiner Familie seinem Herrn nach Gebühr untertan sein und dienen soll.» Keine Revolution also, sondern eine Restauration. In der Urkunde steht das Datum 1291, aber erstens wird darin auf einen unbekannten früheren Brief verwiesen, zweitens spricht viel für eine Neuausfertigung 1309, rückdatiert auf 1291. Die Urkunde würde in jene unsichere Zeit passen: 1309 entbrannte ein Erbstreit um die bedeutende Herrschaft Rapperswil, im gleichen Jahr wurde die Reichsvogtei Waldstätte errichtet. Anlass genug, sich gegenseitig Hilfe zu versprechen. Für eine Datierung hilft auch die C14-Methode kaum. Mit einer Gewähr von 85 % sagt die exakte Wissenschaft bloss, der Brief sei zwischen 1252 und 1312 ausgestellt worden. Wie bedeutend konnte übrigens ein Dokument sein, das Jahrhunderte lang physisch nicht greifbar war? Erst 1724 kam der sogenannte Bundesbrief in einer Archivregistratur in Schwyz wieder zum Vorschein. Die nächsten hundert Jahre war er nur Archivaren und Fachleuten bekannt.

Ein Blickwechsel ist angesagt. Die alte Eidgenossenschaft wurde weder 1291 noch zu einem bestimmten Datum gegründet, sondern im 15. Jahrhundert errungen. Es gibt gute Gründe, die Schweiz zu lieben, zu feiern, ja hochleben zu lassen. Auch künftige Bundesfeiern können steigen. Aber Geschichte und Geschichten sollte man auseinander halten. Es gibt ohnehin nur etwas, das spannender ist als Geschichte: die Geschichte der Geschichte.

«Wiege der Eidgenossenschaft», Historische Fabrik Bern, Nationalratssaal. Das Gemälde von Charles Giron (1850–1914) weckt die Vorstellung, hier stehe unmittelbar eine Theateraufführung bevor: Der Vorhang wurde bereits geöffnet und steht nun als versteinerter Faltenwurf aus Säulen gerafft zu beiden Seiten der Guckkastenbühne. Geschmückt ist ihr runder Bogen in der Mitte – wie in einem Kirchenraum – mit einem prächtigen Schlussstein, dem Schweizer Wappen. Ihm erweisen auf einem Band, das den Saal umspannt, die Wappen aller Kantone selbstbewusst ihre Reverenz. Die Theaterschauspieler haben die Bühne noch nicht betreten. Beidseits des Säulenvorhangs warten sie sitzend auf ihren Einsatz, in der Ecke links oben Wilhelm Tell mit der Armbrust, rechts oben, mit aufgekrempelten Ärmeln, die Stauffacherin. Das Bühnenbild, fünf mal zwölf Meter, wurde rechtzeitig fertig, 1901, ein Jahr vor der Einweihung des Bundeshauses. Eine atemberaubende Landschaft: im Mittelpunkt der Urnersee, links der Seelisberg mit dem Rütli, rechts die Felsen der Axenstrasse, hinten der Talkessel von Schwyz, grandios überstrahlt von den beiden Mythen. Ein Gemälde mit enormer Suggestivkraft.
Bild: Parlamentsdienste Bern

«Einer für Alle. Alle für Einen. Stammbaum der Schweiz.» Lithographie um 1909, Herkunft unbekannt. Gepflanzt wird die Schweizer Eiche 1291 von den sogenannten Drei Eidgenossen, von Walter Fürst aus Uri, Werner Stauffacher aus Schwyz und Arnold von Melchtal aus Unterwalden. Geschworen wird auf dem Rütli, wie der nachtblaue Urnersee und links die beiden Mythen erkennbar machen. Die drei Bundesgründer tauchen zwar erst bei Aegidius Tschudi im 16. Jahrhundert namentlich auf, und das Rütli ist urkundlich nicht bezeugt. Das ist hier aber nicht von Belang. Entscheidend ist die Absicht. Man will ein bestimmtes Geschichtsbild vermitteln, das sich so umschreiben lässt: Die «Idee Schweiz» steht bereits seit dem ersten Bund von 1291 fest, wie der Wappenschild am Fuss der Eiche dokumentiert. Dieser Keim hat sich beharrlich, zielstrebig und harmonisch entwickelt. Von Bedrohungen, Gefahren, Kraftproben keine Spur. Nichts deutet auf die Religionskriege, nichts auf den Bauernkrieg von 1653, nichts auf zahlreiche Revolten von Untertanen im Ancien Régime. Auch der Zusammenbruch der Alten Eidgenossenschaft, der Sonderbundskrieg und der Kulturkampf passen hier nicht. Mit diesem Stammbaum wird Geschichte gefeiert – nicht befragt. Gemeint ist 1291, dargestellt 1891.
Bild: Schweizerische Nationalbibliothek, Graphische Sammlung: Sammlung Druckgrafik Heraldik

Historische Fabrik

In einer losen Serie setzt sich Professor Kurt Messmer in die Historische Fabrik und «schraubt» alte Daten neu zusammen. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der Zentralschweizer mit den Geschichten hinter der Geschichte. Die Resultate seiner «Schichten» in der Fabrik sind spannend, manchmal irritierend und ab und zu revolutionär.

Die weiteren Folgen:

Sempach, Wien/Zürich – So geht Geschichte. Ein Lehrstück
3. September 1865/2017
Historische Fabrik Stans, Dorfplatz

Geschichte ‘raus, Mythos ‘rein
17. Oktober 1937/2017
Historische Fabrik Küssnacht, Hohle Gasse

Ein Bild sagt mehr als 1315 Worte
15. November 1315/2017
Historische Fabrik Schwyz, Rathaus

Das usserwelte Volk Gottes im Zentrum der Welt, nämlich wir
31. Dezember 1479/2017
Historische Fabrik Einsiedeln, Kloster

Geschäft und Geschichte. Der Chronist bezahlt die Zeche
5. Januar 1477/2018
Historische Fabrik Bern, Ratsstube

Kurt Messmer
(*1946) von Emmen LU war Fachleiter Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Luzern und Lehrbeauftragter für Geschichtsdidaktik an der Universität Freiburg CH; seither freischaffender Historiker mit Schwerpunkt Geschichte im öffentlichen Raum.

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Ihr Kommentar





11 Kommentare

Eine längst fällige und klare Aufklärung zum „Gründungswirrwarr“ und ein Lesevergnügen noch dazu. – Ich bin gespannt auf die weiteren Beiträge.

Josef und Lisbeth Scheidegger-Lieb, Schenkon sagt:

Wir freuen uns auf die weiteren Folgen! Wesentliches in knapper informativer Form, man liest es gerne, und… wohltuend neben der manchmal etwas mühsamen Hymnendiskussion!

Mario König sagt:

Vielen Dank für den schönen Text. Am Nachmittag des 1. August fuhr ich in die Ostschweiz, da waren im Zug gleich mehrere Wagen reserviert für eine Gruppe «Nationaler Gebetstag». Nie gesehen! Der Kondukteur sagte, über 300 seien angemeldet. Wegen dem erwarteten Gedränge durfte ich in der 1. Klasse sitzen. Es kamen dann längst nicht so viele, was mich beruhigte…

Hubert Schaller sagt:

Bei der Lektüre dieser erhellenden Geschichtsbetrachtung habe ich immer wieder an folgendes Zitat von Tomas Sedlacek („Die Ökonomie von Gut und Böse“) denken müssen: „Ein Mythos ist etwas, da nie passiert ist, aber immer geschieht.“. Im Zeitalter der sog. „Fake News“ müssten wir unendlich dankbar sein dafür, dass sich Historiker vom Format eines Kurt Messmer in den Gegenwind stellen und geduldig die Arbeit auf sich nehmen, Wahrheit und Legende zu trennen. Das ist Aufklärung im besten Sinne des Wortes. Und wenn dies mit einer solchen sprachlichen Brillanz, mit so viel wohlfeiler Ironie getan wird, dann gesellt sich zur Aufklärung noch geistreiche Unterhaltung.
Für beides bin ich dem Autor von Herzen dankbar. Ich freue mich schon jetzt auf die weiteren fünf Streiche bzw. Folgen!

Helen und Jules Krummenacher sagt:

Wir leiten den Link gerne weiter und freuen uns auf die nächsten Beiträge aus der historischen Fabrik.

André Gassmann sagt:

Vielen Dank für diesen spannenden Einblick in die Entstehung unserer Nationalfeiertags und zum Auftakt einer lehrreichen Serie. Nun bin ich um eine Erklärung reicher, weshalb meine emotionale Verbindung zu diesem Datum (aber nicht zum Feiertag) so gering ist. Die Historie deckt hier auf, was Mythen und Geschichten verheimlichen. Und die Geschichte wiederholt sich bekanntermassen. Wie in altertümlichen Überlieferungen gehen auch im modernen Datenverkehr Informationen verloren, werden weggelassen und hinzugefügt oder gar rückdatiert. Im besten Fall bleibt im Kern noch wenig Sinnstiftendes übrig, das wir locker gegen einen freien Arbeitstag eintauschen…
Bin gespannt auf die weiteren Folgen der historischen Annäherung.

Josef J. Zihlmann sagt:

Mit Freude und Vergnügen habe ich den Blog über den 1. August gelesen. Ich gebe den Link gerne weiter in der Hoffnung, dass die Beiträge eine möglichst grosse Verbreitung finden. Gerade der aktuelle Blog zeigt eindrücklich, welch falsches Geschichtsbild vielen meiner Generation im Geschichtsunterricht (gabs in meiner Jugend tatsächlich noch…) vermittelt worden ist. Nichts gegen (Geschichts-) Mythen, aber wenn sie höher gewichtet werden als historische Fakten und wenn sie massgebenden Kreisen als Grundlage für politische Entscheide dienen, ist dies verhängnisvoll.

Giuseppe Zwyer sagt:

Längst überfällige Klarstellung der geschichtlichen Dinge in unserem Land. Kompetent und unterhaltsam geschrieben. Herzlichen Dank!

Bucheli Robert 6023 Rothenburg sagt:

Die Ausführungen sind allgemein verständlich und helfen hoffentlich vielen Leuten, unsere Geschichte in einem Licht zu sehen, welches sich von gewissen politischen und manchmal auch kirchlichen Kreisen verbreiteten Bildern wohltuend unterscheidet.
Ich freue mich auf den nächsten Beitrag!

Hubert Lieb sagt:

Grossartig – bereichernd! Spannend wie ein Krimi!
Aber auch etwas anstrengend: Man meint, man habe wenigstens ein paar Eckpfeiler der eigenen Geschichte im Griff und wird mit einem saftigen und faktensicheren Blog belehrt.
Ich muss künftig wohl ein paar früh eingetrichterte Mythen deponieren und dafür ein paar historische Gelenke ersetzen.
Auf so lockere und gekonnte Art – gerne weiter!

Franz Felix, Aesch BL sagt:

Eine sehr schöne Zusammenfassung des heutigen Standes der Wissenschaft; aber man muss doch auch staunen wie vielen Leuten noch immer nicht klar ist, wie viel verfälschte Geschichten wir damals in der Schule gelernt haben. Man lese Sablonier oder Maissen. Als Naturwissenschaftler muss ich aber auch eine kleine Korrektur anbringen: Der Ausdruck „exakte Wissenschaften“ ist in diesem Zusammenhang nicht korrekt. Exakte Wissenschaften sind die theoretischen Wissenschaften, also Mathematik und theoretische Physik.

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