Der Kampf geht weiter

Auch nach der Kantonsgründung geht der Konflikt zwischen den Kantonen Bern und Jura weiter. Erst mit dem Anschluss von Moutier 2017 ist dieser Streit endgültig beendet.

Nach dem Erlangen der Souveränität versucht die jurassische Regierung, die keinen «Kampfkanton» will, sich dem Einfluss des Rassemblement jurassien (RJ) zu entziehen. Unter den Drohungen der separatistischen Bewegung sieht sie sich jedoch zur Absage der Gründungsfeierlichkeiten vom 11. Mai 1979 gezwungen. Die gesamthaft geladenen Schweizer Regierungen sehen in der Folge davon ab, den Jurassiern den Erwerb und die Renovation des Schlosses von Delémont zu schenken. Im Jura tendiert man dazu, verzögerte Infrastrukturprojekte und unzureichende Investitionen als mangelnden oder gar bösen Willen des Kantons Bern zu interpretieren. Bereits 1968 warnt der Verfechter eines jurassischen Kantons, Gonzague de Reynold, in seiner Schrift «Destin du Jura» davor, Bern übermässig mit Sünden zu beladen, die von den Jurassiern selbst verschuldet seien.

Armeefeindliche Haltung

Wie die Anschläge gegen die Munitionsdepots von Les Reussilles und Tramelan vom 11. September und 2. Oktober 1987 zeigen, wird die armeefeindliche Haltung auch nach 1979 beibehalten. Um die «Militärherrschaft» im Jura zu geisseln, stürzen die Aktivisten die symbolträchtige Statue «La Sentinelle des Rangiers», zuerst in der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 1984 und ein weiteres Mal am 10. August 1989, am Vorabend zur Gedenkfeier anlässlich des 50. Jahrestags der Mobilmachung von 1939. Die Überbleibsel des Denkmals fallen im Januar 1990 in einem Depot des Tiefbauamts brennenden Autoreifen zum Opfer. Sechs Jahre später erklärt die jurassische Regierung als Antwort an einen potentiellen Gönner, aus Rücksicht auf die Bevölkerung von Les Rangiers wünsche sie keine Errichtung einer neuen «Sentinelle». Während den Feierlichkeiten vom 24. September 2004 zur 25-jährigen Unabhängigkeit zerstören Béliers den gestohlenen Statuenkopf mit Fäustelschlägen.

Im Mai 1990 wird der Vorsteher des eidgenössischen Militärdepartements Jean-Pascal Delamuraz ausgebuht, als er in Delémont zu den jurassischen Offizieren spricht. Sein Nachfolger Kaspar Villiger wird im März 1990 von Béliers mit Tomaten beworfen – einer der Tomatenwerfer ist ein hoher Vertreter der jurassischen Verwaltung –, als er zum selben Zweck nach Pruntrut kommt.

Das RJ unterstützt die Initiative der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA). Im November 1989 zählt der Jura 55,6 Prozent Ja-Stimmen und der Berner Jura 56,6 Prozent Nein-Stimmen. Im Dezember 2001, als das RJ an Boden verloren hat, zeigt die zweite GSoA-Initiative mit 59,1% Nein-Stimmen im Jura und 68,2% Nein-Stimmen im Berner Jura ein anderes Bild.

Schwieriges Verhältnis zum Kanton Bern

Das RJ kämpft weiterhin für einen Kanton mit sechs Amtsbezirken. Ende März 1984 platzt die Berner Finanzaffäre, was die Beziehung zwischen den beiden Kantonen nicht vereinfacht. Im Februar 1985 formiert sich innerhalb der Béliers eine unabhängige und geheime Gruppe, die von Sprengstoff Gebrauch macht. Im Keller des Bélier-Anführers findet die Bundespolizei Granaten. In dieser Phase lassen sich die Anschläge der Béliers nicht ohne Weiteres von jenen der 3. Jurassischen Befreiungsfront (FLJ) unterscheiden. Die Leitfiguren des RJ distanzieren sich. 1993 kommt ein Bélier beim Umgang mit Sprengmaterial ums Leben. Sein Tod trägt nicht unwesentlich dazu bei, dass der Bundesrat und die Kantone Bern und Jura am 25. März 1994 die Interjurassische Versammlung ins Leben rufen, einen runden Tisch, an dem alle jurassischen Akteure über Fragen der institutionellen Zusammenarbeit diskutieren. Ein «Zwischenbericht» aus dem Jahr 2008 schlägt einen neu zu benennenden Kanton vor, dessen Gebiet alle sechs Amtsbezirke mit jedoch lediglich 6 Gemeinden umfassen würde. Die Gründung des «Mouvement autonomiste jurassien» (MAJ) durch den Zusammenschluss zwischen «Unité jurassienne» (UJ) und «Rassemblement jurassien» (RJ) erfolgt am 20. März 1994.

Moutier - Anschluss im Herbst 2017

Am 12. Februar 2012 unterzeichnen die Regierungen der Kantone Bern und Jura eine Absichtserklärung, die vorsieht, dass sich die Bevölkerungen des Kantons Jura und des Berner Juras über die Gründung eines neuen Kantons aussprechen. Am 24. November stimmen der Kanton Jura und der Berner Jura gleichzeitig ab: Im Kanton Jura überwiegen bei einer Stimmbeteiligung von 64,2 Prozent die Ja-Stimmen mit 72,5 Prozent, im Berner Jura dominieren bei einer Stimmbeteiligung von 76,6 Prozent die Nein-Stimmen mit 71,85 Prozent. Die Stadt Moutier zählt 55 Prozent Ja-Stimmen.

Am 18. Juni 2017 beschliesst die Stadt Moutier ihren Anschluss an den Kanton Jura, am 17. September entscheiden sich die Einwohner der Dörfer Belprahon und Sorvilier dagegen. Die Jurafrage ist offiziell gelöst…

Demonstration jurassischer Separatisten vor der Statue «Fritz» in Les Rangiers am 1. September 1964. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum / ASL

1993 wird der Bélier-Aktivist Christophe Bader in Saint-Brais beerdigt. Er kam bei einer Explosion in der Berner Innenstadt ums Leben. Foto: Keystone/Michael Kupferschmidt

1980 findet die Berner Kantonspolizei bei einer Hausdurchsuchung bei der jurassischen Separatistenorganisation Gasmasken, Platzpatronenpistolen sowie Kampf- und Schutzausrüstungen. Sie werden konfisziert. Foto: Keystone/Str

Die Pro-Jurassier feiern im Juni 2017 den Anschluss Moutiers an den Kanton Jura. Foto: Keystone/Jean-Christophe Bott

Den Béliers oder der 3. Jurassischen Befreiungsfront FLJ zugeschriebene Taten:

September 1982

Entwendung der Urnen im Wahlbüro von Vellerat

Mai 1984

Sabotage an einer Hochspannungsleitung zwischen Lyss und Büren; Werfen von Rauchpetarden gegen die Börse Zürich

Juni 1984

Besetzung des Sitzungssaals des Grossen Rats des Kantons Bern; Entwenden des Unspunnensteins

August 1984

Sabotage an einem Hochspannungsmast in Saint-Imier

September 1985

Sprengstoffanschlag gegen das Gericht von Moutier

Oktober 1986

Zerstörung des Berner Gerechtigkeitsbrunnens

April 1989

Brandanschlag auf die Holzbrücke von Büren an der Aare
Hervé de Weck

Hervé de Weck ist Militärhistoriker und und war zwischen 1991 und 2006 Chefredaktor der Revue Militaire Suisse.


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