Ritterschlag im Stephansdom Wien 1488.
Bild: Eidgenössische Chronik des Luzerners Diebold Schilling (Ausschnitt)

Aufstieg zur Macht, Version «CH»

Eigenartig, da war so lange vom «verhassten Adel» die Rede, der angeblich vertrieben wurde. Dabei setzten führende Familien in der Eidgenossenschaft alles daran, selber adelig zu werden. Drei Beispiele.

Junker Anton von Erlach, dessen Wappentafel auf der Lenzburg prangt, war zuvor Landvogt in Mendrisio, später in Baden. Das passte zur Familientradition. Ursprünglich waren die von Erlach Dienstadelige der Grafen von Nidau. Schon früh setzten sie auf die aufstrebenden Städte. Um 1300 wurden sie Burger von Bern, etablierten sich in der Führungsschicht, stellten bis 1798 insgesamt sieben Schultheissen und gehörten im Ancien Régime zu den sechs «wohledelfesten» Geschlechtern von Bern. Noch edler, fester, mächtiger? Unmöglich.

Heiratspolitik, wie sie im Büchlein steht: Anton von Erlach, Ratsherr, Landvogt, Oberst im Piemont, nahm eine von Diesbach zur Frau, die Agathe. Von Erlach und von Diesbach: eine Elefantenhochzeit. Die Diesbach waren als Kaufleute aufgestiegen. 1420–1460 besass die Diesbach-Watt-Gesellschaft Niederlassungen von Spanien bis Polen. Standesgemäss kaufte Niklaus 1427 die Herrschaft Diesbach und 1434 von Kaiser Sigismund einen Adelstitel.

Reformator Ulrich Zwingli mokierte sich zwar über diesen «neuen Adel», der für viel Geld Adelstitel erwarb. Aegidius Tschudi (1505–1572) dagegen sprach von staatstragender «Ehrbarkeit», ein Traditionalist, der für sich und die Seinen eine adelige Abstammung schlicht erfand.

Wappen der Luzerner Feer, vor und nach dem Ritterschlag im Stephansdom in Wien 1488.
Bilder: Luzern, Staatsarchiv (links); Eidgenössische Chronik des Luzerners Diebold Schilling, S. 246, e-codices.unifr.ch (Mitte); Bernhard Pfyffer-Feer (rechts)

«Verzell du das em Fährimaa!»

Der Name Feer geht auf den Fährberuf zurück. Zwei Wegstunden von Luzern, in Eschenbach, besorgten die Feer seit etwa 1350 den Fährdienst über die Reuss. Das war die Basis für ein Handels- und Speditionsgeschäft. Um 1400 erhielten sie das Luzerner Bürgerrecht und nutzten das turbulente 15. Jahrhundert resolut: Einsitz in den Grossen, Aufstieg in den Kleinen Rat, die richtigen Heiraten. Aber noch immer hatten die Feer im Familienwappen einen schwarzen Stachel auf gelbem Grund (links), ein einfaches Gerät, um das Schiff dem Ufer entlang vom Grund abzustossen. Fährimaa, damit war kein Staat zu machen! Also erwarben die Feer von König Mathias Corvinus 1487 einen Wappenbrief, 1488 einen Adelsbrief (Mitte). Das Rudersymbol hatte ausgedient, wurde ersetzt durch einen aufsteigenden roten Löwen auf weissem Grund, wie er noch heute die Wappentafel am 1570 erbauten Schloss Buttisholz ziert (rechts). 1478–1539 besetzten die ehemaligen Fährimannen in drei aufeinander folgenden Generationen das Schultheissenamt von Luzern. Einfache Herkunft, Aufsteiger: das war Regel, nicht Ausnahme.

«Nur Lumpenwerch gmacht und alt Hosen büetzt»

Die Rede ist von Hans Pfyffer, Schneider, Tuchhändler und Krämer. Er zog vom nahen Rothenburg nach Luzern und wurde hier 1483 Bürger. Zeit für Aufsteiger. Der Enkel von Hans war Ludwig Pfyffer (1524–1594). Das hört kaum auf: Grossrat, Kleinrat, Landvogt, Schultheiss, als Bannerherr auch militärischer Führer, Oberst in französischen Diensten, mehr als 250-mal Vertreter Luzerns an Tagsatzungen, Besitzer der Schlösser Altishofen und Wyher, als Führer der katholischen Orte massgebend bei allen Truppenwerbungen und Allianzen, 1577 mit Savoyen, 1586 beim Goldenen Bund, 1587 mit Spanien, «Schweizerkönig» genannt.

Altersporträt von Ludwig Pfyffer, vor 1700, Schloss Heidegg LU. 
Bild: Gregor Meier, Merenschwand

Ludwig Pfyffers Wandtresor im ehemaligen Pfyffer-Haus, Krongasse 4 in Luzern, aussen französische Lilien, innen französische Kronen.
Bild: Franz Bohrer, Luzern

Ludwig Pfyffer hinterliess ein Vermögen von 340‘000 Gulden. Angelegt zu 3 Prozent, eine vorsichtige Annahme, warf es jährlich 10‘200 Gulden ab, 100-mal mehr, als damals der Jahreslohn seines Grossvaters als Schneidermeister gewesen wäre. Aber weder dieser unermessliche Reichtum noch das Adelsdiplom von Kaiser Maximilian II. (1527–1576) verhinderten böse Anfeindungen. Pfyffer musste sich sagen lassen, er sei nicht adelig, wisse ja nicht einmal, wer sein Grossvater gewesen sei. Die Pfyffer stammten bloss von einem Schneider, und erst noch von einem schlechten, er habe «nur Lumpenwerk gmacht und alt Hosen büetzt». Die Schmähung kam aus dem Herkunftsort der Pfyffer, aus Rothenburg. Noch 1591 rief ein Landschäftler in der Fritschi-Stube aus, Schultheiss Ludwig Pfyffer solle auf den Grabsteinen nach seinen Vorfahren suchen, da er sonst nicht wisse, «wär und von wannen er und die synen syent». Pfyffer zog die Unbotmässigen wiederholt vor Gericht. Dort sassen lauter Gnädige Herren. Aber ein Nerv war getroffen.

→ Gab es nicht schon immer und überall führende Geschlechter? Doch, gab es. Aber so richtig unter sich, als abgeschlossener Kreis, waren sie erst ab etwa 1580. Mehr dazu morgen.

«Mine Gnädigen Herren»

In mehreren Wochenserien präsentiert der Historiker Kurt Messmer den Weg der Schweiz vom Feudalismus in die Demokratie.

Das historische Menu dieser Woche:  Schauplatz Eidgenossenschaft – vom «alten Adel» zum «neuen Adel»

Montag:
1415 statt 1291? Ein historischer Kick
Die Eroberung des Aargaus bescherte den Eidgenossen die erste gemeinsame Verwaltungsaufgabe. Seit 1415 rückte man näher zusammen.

Dienstag:
Aufstieg zur Macht, Version «CH»
Geld machte es möglich: Wie Händler, Fährleute und Schneider adelig wurden. Die Diesbach-, Feer- und Pfyffer-Saga.

Mittwoch:
Familienherrschaft, wie funktionierte das?
Ob in Bern, Luzern oder Zürich: Die «Gnädigen Herren» bestimmten, wer in ihren exklusiven Kreis aufgenommen wurde.

Donnerstag:
Adel, Klerus, 3. Stand – alles Mutzen
Das Selbstverständnis der «wohledelfesten» Republik Bern –  um 1680 bildhaft vor Augen geführt von der allegorischen Berna.

Freitag:
Versailles und Paris in Solothurn
Die Paläste der Gnädigen Herren zeugen noch heute von einer Zeit, in der man auch hierzulande als Herr oder als Untertan geboren wurde.

Kurt Messmer
(*1946) von Emmen LU war Fachleiter Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Luzern und Lehrbeauftragter für Geschichtsdidaktik an der Universität Freiburg CH; seither freischaffender Historiker mit Schwerpunkt Geschichte im öffentlichen Raum.

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Ihr Kommentar





5 Kommentare

Maria sagt:

Mich würde vor allem die Familie Pfyffer interessieren. Hätte Herr Messmer einen Buchtipp? Ich kenne die drei Bände von Segesser, würde mich aber über einen knapperen und neueren Band freuen.

Kurt Messmer sagt:

Leider existiert keine Monografie zu den Pyffer. Im Historischen Lexikon der Schweiz gibt es aber ausführliche Einträge, vorerst zum ganzen Geschlecht mit Verweis auf Archive und (spärliche) Fachliteratur, sodann zu insgesamt 26 Vertretern der Pfyffer im Zeitraum 16.–20. Jahrhundert: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D22243.php. Zudem werden die Pfyffer in den beiden Dissertationen zum „Luzerner Patriziat“ (1976) ausführlich thematisiert.

Maria sagt:

Vielen Dank, Herr Messmer!

Robert Bucheli sagt:

Die Mechanismen zur Machtergreifung und deren Ausdehnung durch Familienclans scheinen auch heute noch in ähnlicher Weise zu funktionieren. Vor allem hat mich die Geschichte der Pfyffer aus Rothenburg gefesselt. Ein für mich besonders interessanter Fall von Aufstieg zur Macht (da selbst Rothenburger). In den Gemeinden lief diese Entwicklung ganz ähnlich ab. So gab es auch bei uns immer wieder die gleichen Geschlechter, welche sich die Macht teilten. Wie wird es wohl in der CH mit dem Blocherclan weitergehen? Ich bin gespannt auf die nächste Folge.

PJWeber sagt:

Sehr interessant geschrieben. Die drei Beispiele sind wirklich pars pro toto. Ich selbst habe mich mit der Solothurner Familie Von Staal beschäftigt, die ebenfalls im 15. Jh. in die Stadt kam und bis ins Schultheissenamt aufstieg. Für die Elite gab es mit der Uni Basel (ab der Reformation nur für die ref. Stände), der Uni Freiburg im Breisgau (ab der Reformation für die kath. Stände) und dem Collége Royal in Paris (seit dem Ewigen Frieden 1517 zwischen den Eidgenossen und Frankreich) für alle Ausbildungsstätten, wo die künftigen Eliten gemeinsam studierten und lebten. Die überlieferten Liber Amicorum sind noch stille, aber schmucke Zeugen dieser Epoche.