Neben Pazifisten und Pazifistinnen weilten zahlreiche Internierte aus kriegführenden Staaten in der Schweiz. Hier: Der Saal der Armeesanitätsanstalt für deutsche Internierte in Luzern. Schweizerisches Bundesarchiv

Die Schweiz als Rückzugsort für Pazifisten

Während des Ersten Weltkrieges flüchteten viele Pazifisten in die Schweiz. Von dort aus wollten sie Friedensgespräche anstossen. Ausländische Propagandastellen versuchten die pazifistischen Milieus in der Schweiz für sich zu instrumentalisieren, um ihre militärischen Gegner zu schwächen.

Während des Ersten Weltkrieges diente die Schweiz vielen Menschen, die den Krieg ablehnten, als internationaler Ort der Zuflucht. Die Anwesenheit von Emigranten und Emigrantinnen jeglicher Herkunft sowie die Lage inmitten von kriegführenden Staaten machten die Schweiz aber nicht nur zu einem vermittelnden Zentrum in Europa, sondern auch zum Mittelpunkt zahlreicher Intrigen.

Die pazifistischen Dissidenten und Dissidentinnen liessen sich bevorzugt entlang der Ufer des Genfersees, in Bern und Zürich nieder. Zu einem pazifistischen Zentrum entwickelte sich auch die Siedlung Monte Verità im Tessin, wo sich etwa der deutsche Schriftsteller Hermann Hesse zu einem entschiedenen Kriegsgegner wandelte.

Die pazifistischen Milieus

Unter den emigrierten Pazifisten und Pazifistinnen aus den Mittelmächten lassen sich zwei Gruppen mit unterschiedlichen ideologischen Ansichten identifizieren. Die erste Gruppe mit liberal-demokratischen Ansichten sammelte sich um die seit März 1915 vom österreichischen Nobelpreisträger Alfred H. Fried in der Schweiz herausgegebene «Friedens-Warte». In erster Linie erstrebte sie eine demokratische Reform der Innen- und Aussenpolitik und auf dieser Basis einen Verständigungsfrieden zwischen den Mittelmächten und der Entente. Die zweite Emigrantengruppe formierte sich im Jahr 1917 um die in Bern herausgegebene «Freie Zeitung». Bei ihren Anhängern führte der Krieg zur Überzeugung, dass der deutsche Militarismus nur durch die Niederlage der Mittelmächte überwunden werden könne. Insofern war es nur konsequent, einen Sieg der Entente für eine grundlegende Erneuerung des Deutschen Reiches anzusehen. Zu ihren Angehörigen gehörten neben einigen Schweizer Redakteuren der Journalist Hermann Rösemeier, der Schriftsteller Eduard Stilgebauer, Richard Grelling, der Mitbegründer des Dadaismus Hugo Ball und der Philosoph Ernst Bloch.

Neben den Angehörigen aus den Mittelmächten suchten auch zahlreiche Pazifisten und Pazifistinnen aus den Ländern der Entente in der Schweiz nach Zuflucht. Nachdem sich der französische Schriftsteller Romain Rolland bei Kriegsausbruch zum Verbleiben in der Schweiz entschieden hatte, scharten sich weitere Exilanten am Genfersee um ihn. Dazu gehörte der Schriftsteller Henri Guilbeaux, der belgische Maler Frans Masereel, der Psychoanalytiker Charles Baudouin und der Typograf Claude le Maguet. In der Westschweiz versuchten sie eine pazifistische Gegenkultur zur um sich greifenden Kriegstreiberei aufzubauen und gaben zu diesem Zweck mehrere Zeitschriften heraus.

Romain Rolland (1866-1944) war eine zentrale Persönlichkeit der Kriegsopposition in Europa. Bibliothèque de Genève

Der Erfinder der Toblerone, der «Schoggibaron» Theodor Tobler, war bekannt für seine pazifistischen Überzeugungen und liess in der «Freien Zeitung» Werbung für seine «echte Schweizer Milchchocolade» abdrucken. Die Freie Zeitung

 

Zürich als Geburtsort des Dadaismus

Während des Krieges wurde die Stadt an der Limmat zu einer internationalen Metropole, in deren Cafés und Künstlerkneipen sich Intellektuelle aus der ganzen Welt tummelten. Im Februar 1916 gründeten die deutschen Exilanten Hugo Ball und Emmy Hennings hier das Cabaret Voltaire, das als Geburtsort des Dadaismus gilt. Diese Kunstrichtung war ein «antikriegerisches Narrenspiel», das eine radikale Absage an den Krieg formulierte. Im Grunde genommen produzierten die Dadaisten Antikunst: indem sie sich dazu bekannten, Nonsens zu zelebrieren, war ihre Kunst das radikalste vorstellbare Gegenprogramm zum hohlen Pathos der patriotischen Kriegsgesänge, das überall in Europa grassierte. Grosse Bekanntheit erlangte das von Hugo Ball verfasste Gedicht «Totentanz 1916»:

So sterben wir, so sterben wir
Wir sterben alle Tage
Weil es so gemütlich sich sterben lässt.
Morgens noch in Schlaf und Traum
Mittags schon dahin
Abends schon zuunterst im Grabe drin.

Die Schlacht ist unser Freudenhaus
Von Blut ist unsre Sonne
Tod ist unser Zeichen und Losungswort.
[…]

So morden wir, so morden wir
Wir morden alle Tage
Unsere Kameraden im Totentanz.
[…]

Wir danken dir, wir danken dir
Herr Kaiser, für die Gnade,
Dass Du uns zum Sterben erkoren hast.
[…]

Hugo Ball im Bischofskostüm bei einer Vorstellung 1916 im Cabaret Voltaire. Schweizerisches Literaturarchiv

Im Feuer der Propaganda

Während die Schweiz im Ersten Weltkrieg abseits der militärischen Konflikte blieb, entkam sie keineswegs dem Beschuss durch die Propaganda der kriegführenden Staaten. Als diese ab 1916 mit zunehmender Kriegsmüdigkeit in ihrer Bevölkerung konfrontiert waren, rückten die pazifistischen Exilanten in der Schweiz in den Fokus der Propagandastellen. Indem die pazifistischen Milieus die Bevölkerung ihrer Herkunftsländer zu einer Abkehr von der bisher verfolgten Kriegspolitik motivieren könnten, versuchten die kriegführenden Mächte diese Stimmung auf die öffentliche Meinung ihrer militärischen Gegner einwirken zu lassen und sie auf diese Weise zu schwächen. So erhielt die Gruppe deutscher Exilanten um die «Freie Zeitung» finanzielle Unterstützung von Frankreich und den USA. Andererseits profitierten die französischsprachigen pazifistischen Zeitschriften von der finanziellen Unterstützung aus Deutschland. Der konkrete Nutzen für Deutschland zeigte sich, als die von Guilbeaux' herausgegebene Zeitschrift «demain» über die nach dem Scheitern der Nivelle-Offensive bei den französischen Soldaten ausgebrochenen Meutereien berichtete. Praktisch alle Zeitungen in Frankreich haben sich darüber ausgeschwiegen. Die Anwesenheit von pazifistischen Emigranten und Emigrantinnen sowie die Propagandatätigkeiten führten denn auch zu Problemen mit den um Neutralität bemühten Schweizer Behörden. Die französische Regierung beschuldigte etwa den in Genf wohnhaften Guilbeaux, in Frankreich revolutionäre Bewegungen angezettelt zu haben. Trotz mehreren Verteidigungsversuchen durch Romain Rolland wurde Guilbeaux in der Schweiz im Mai 1918 schlussendlich verhaftet, im August aufgrund von mangelnden Beweisen aber wieder provisorisch auf freien Fuss gesetzt.

Die Darstellung des deutschen Kaisers Wilhelm II. als «blutrünstiger Schlächter» sollte die Ablehnung der in ihm personifizierten deutschen Kriegsführung bezwecken. Historisches Archiv und Bibliothek PTT

Jean-Luc Rickenbacher
Jean-Luc Rickenbacher ist Historiker und hat bereits für mehrere Schweizer Museen gearbeitet, unter anderem für das Zollmuseum in Gandria.

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