
Elsässische Wehrdienstverweigerer in der Schweiz
Nach der Annexion führte das Deutsche Reich 1942 die Wehrpflicht in Elsass-Lothringen ein. In der Folge flüchteten viele junge Männer in die Schweiz. Darunter auch René Grienenberger, der als einziger einer 18-köpfigen Gruppe den Fluchtversuch überlebte.
Die 18- bis 33-jährigen sind mehrheitlich Bauern oder Studenten. Sie stammen aus Ballersdorf und den umliegenden Gemeinden. Ausgerüstet mit einigen Schusswaffen, wollen sie in die Schweiz gelangen, so wie es in den vergangenen Tagen bereits andere Gruppen von Wehrdienstverweigerern getan haben. Infolgedessen haben die deutschen Behörden ihre Massnahmen verstärkt. Die Grenzsoldaten zögern nicht, zu schiessen.
Die Männer meiden die Hauptverkehrsachsen und Dörfer, laufen querfeldein und orientieren sich am Mondlicht. Gegen Mitternacht erreichen sie die Nähe von Seppois-le-Bas. Vier Kilometer trennen sie noch von der Grenze. Plötzlich ertönen Schreie. Eine Patrouille deutscher Grenzsoldaten hat sie entdeckt. Es kommt zu einer Schiesserei. Auf elsässischer Seite gibt es drei Tote, auf deutscher Seite einen Schwerverletzten, der am nächsten Tag stirbt.
Wer überlebt, kehrt um. Nur einer von ihnen, René Grienenberger, beschliesst, weiter zu flüchten. Er läuft die ganze Nacht, muss jedoch am frühen Morgen feststellen, dass er sich verirrt hat und nur im Kreis gelaufen ist. Der junge Mann sucht Schutz auf einem Bauernhof, wo er mit Hilfe des Bauern drei Tage lang versteckt bleibt, während deutsche Patrouillen aktiv nach ihm suchen. Anschliessend verbringt er drei Monate auf einem anderen Bauernhof, bevor er von einer Schleuserorganisation in einem Güterzug in die Schweiz gebracht wird. Dort folgt die Internierung in einem Lager in Büren an der Aare (BE). Später arbeitet Grienenberger auf einem Bauernhof in Selzach (SO). Im Herbst 1944 tritt er der Groupe Mobile d'Alsace bei. Diese Einheit aus in die Schweiz geflohenen elsässischen Wehrdienstverweigerern beteiligt sich an der Befreiung des Elsass innerhalb der 1. Armee. Erst hier wird René Grienenberger das ganze Ausmass des Dramas bewusst, das sich nach seinem Fluchtversuch abgespielt hat.


Porträt und ausgefülltes Signalementsblatt von René Grienenberger. Schweizerisches Bundesarchiv / Schweizerisches Bundesarchiv
Elsass-Lothringen unter deutscher Besatzung
Für die annektierten Gebiete folgte eine Phase der Germanisierung und Nazifizierung: Deutsch wurde zur Amtssprache, Lehrpersonen wurden «umerzogen» oder durch deutsches Personal ersetzt, und alle Spuren Frankreichs, von Denkmälern über Strassennamen bis hin zu Familiennamen, wurden beseitigt.


Die Folgen des Waffenstillstands für die Schweiz
Dank einer Vereinbarung mit der französischen Vichy-Regierung wurden elsässische Flüchtlinge, die in die freie Zone (den nicht von der deutschen Armee besetzten Teil Frankreichs) gelangen wollten, erst von den Schweizer Behörden nicht zurückgewiesen. Sie wurden befragt und dann via Genf nach Annemasse abgeschoben. Die Kosten wurden von Frankreich getragen.
Internierung in der Schweiz
Die Elsässer, die an der Nordwestgrenze aufgenommen wurden, brachte man zunächst in Aufnahme- und Durchgangslager, häufig in die unter militärischer Kontrolle stehenden Lager in Büren an der Aare (BE) und Büsserach (SO). Dort wurden sie einer medizinischen Untersuchung und einem polizeilichen Verhör unterzogen. Anschliessend wurde ihnen die offizielle Entscheidung über ihre Aufnahme und Internierung in der Schweiz mitgeteilt, bevor sie abhängig von ihrer körperlichen Verfassung und ihren finanziellen Mitteln in Arbeitslagern, landwirtschaftlichen Betrieben oder bei Bekannten untergebracht wurden. Die Arbeit in den Lagern umfasste Tätigkeiten wie die Rodung von Brachland, die Torfgewinnung (wie in Tramelan im Berner Jura), den Strassenbau oder Erdarbeiten entlang der Rhône (wie in Visp). Deserteure der Wehrmacht wurden gemäss der Haager Konvention in Militärlagern interniert.
In Cossonay (VD) richteten die Verantwortlichen ein Arbeitslager für Akademiker mit 120 Franzosen, davon die Hälfte Elsässer, ein. Ein Seelsorger in den Internierungslagern, Pater Keller, hatte dies den Bundesbehörden vorgeschlagen. Zwischen Juli 1943 und Juli 1944 konnten Flüchtlinge mit Gymnasialabschluss und diejenigen, die bereits die Universität besuchten, ihr Studium dort fortsetzen. Vormittags halfen sie beim Entwurzeln und Entwässern von Parzellen im Norden der Gemeinde. Der Nachmittag war dem Studium gewidmet, das von einigen Internierten geleitet wurde, gelegentlich mit Unterstützung renommierter Professoren der Universität Lausanne. Das Lager wurde am 14. Juli 1944 offiziell geschlossen, da es nach der Landung der Alliierten in der Normandie und in Aussicht auf die Befreiung Frankreichs zu zahlreichen Fluchtversuchen in Richtung Savoyen gekommen war. Die Internierten verlegte man daraufhin in das Lager Zweidlen (ZH), nur einen Kilometer von der deutschen Grenze entfernt: Eine radikale Massnahme, die den Fluchtversuchen jedoch kein Ende setzte.
Organisierter Widerstand aus der Schweiz
Die Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 gab der der GMA einen zusätzlichen Schub. Kommandant Georges und sein geheimer Stab in der Schweiz schafften es, zwischen 1800 und 2000 Männer zu rekrutieren, darunter 200 Deserteure der Wehrmacht. Diese Soldaten wurden mithilfe von Listen gefunden, die vor allem dank Keller zustande kamen. Als Lagergeistlicher verfügte er über grosse Bewegungsfreiheit und hatte auf eigene Initiative Informationen gesammelt, mit denen sich Männer in 86 Lagern und bei zahlreichen Privatpersonen im ganzen Land ausfindig machen liessen.
Die Rekrutierung der Truppen sowie ihre eventuelle Repatriierung wurden mit den Schweizer Behörden verhandelt. Diese waren während des gesamten Krieges bemüht, die Beziehungen zu den französischen Behörden aufrechtzuhalten, vermieden aber alles, was von Nazi-Deutschland als Provokation aufgefasst werden konnte. Als sich die Niederlage des Deutschen Reiches abzeichnete, verfolgten die Schweizer Behörden eine pragmatische Politik gegenüber dem freien Frankreich.
Die GMA Suisse hatte ursprünglich das Ziel, die Alliierten zu unterstützen, indem sie hinter den feindlichen Linien zwischen den Vogesen und der Schweizer Grenze intervenierte. Die Schwierigkeiten bei den alliierten Waffen- und Ausrüstungsabwürfen in den Vogesen sowie die Bedeutung dieses Gebiets für die deutschen Militärbehörden machten jedoch eine Änderung des Auftrags erforderlich. Die GMA Suisse wurde in die französische Armee von General de Lattre de Tassigny integriert, dessen Einheiten in der Provence gelandet waren und nun das Rhônetal hinaufmarschierten.
Anfang September 1944 erhielten die Rekruten der GMA Suisse ihren Einsatzbefehl. Das französische Konsulat in Basel liess ihnen einen Sack mit Lebensmitteln, Ausrüstung und einem Transportgutschein zukommen, mit dem sie einen Sammelpunkt der Schweizerischen Bundesbahnen erreichen konnten. Mit den Schweizer Behörden war vereinbart, dass diese die Anträge auf freiwillige Rückführung der französischen Internierten annahmen und die administrativen Schritte für ihre Ausreise einleiteten.
Innerhalb der 1. Armee nahmen die Bataillone der GMA Suisse an den Kämpfen im November 1944 entlang der Schweizer Grenze teil, einer Gegend, aus der viele von ihnen stammten. Unter ihnen auch René Grienenberger, der einzige Überlebende der Fluchtgruppe aus Ballersdorf.






