Der Hotelier, dem ein Licht aufging
Johannes Badrutt wollte den Gästen in seinem Hotel Kulm in St. Moritz etwas ganz Exklusives bieten. Er installierte das erste Wasserkraftwerk der Schweiz und brachte im Speisesaal die erste elektrische Lampe zum Leuchten – noch bevor Edison die Glühbirne erfand. Ein historisches Ereignis mit ungeahnten Folgen.
Der letzte Schrei aus Paris
Die Sensation unter den technischen Neuheiten war jedoch das elektrische Licht. Im Jahr zuvor hatte der russische Ingenieur Pawel Jablotschkow erstmals Innenräume des Kaufhauses Louvre mit seinen «elektrischen Kerzen» erhellt. An der Weltausstellung kamen rund 1000 dieser neuartigen Kohlebogenlampen zum Einsatz, illuminierten die Avenue de l’Opéra und die Place de L’Opéra und zum Abschluss auch Schloss Versailles. Das System Jablotschkow ermöglichte erstmals die «Teilung des Lichts», das heisst den Betrieb mehrerer Lampen gleichzeitig an einer Stromquelle. Die Besuchenden waren überwältigt und entzückt. Petrolfunzeln verbreiteten bisher nur Dämmerlicht. Gaslaternen verströmten einen fahlen Schein und liessen die Gesichter grünlich und kränklich wirken wie die Tänzerin May Milton auf dem Gemälde «Im Moulin Rouge» von Henri de Toulouse-Lautrec. Die elektrisch Beleuchtung hingegen machte die Nacht zum Tag und schmeichelte dem Teint der noblen Gesellschaften. Johannes Badrutt beschloss auf der Stelle, in seinem Hotel Kulm elektrisches Licht einzuführen.
Das erste Kraftwerk am Dorfbach


«Seit mehreren Tagen besitzt das höchstgelegene Ortshotel Europas, der 1856 Meter über dem Meere gelegene Engadinerkulm in St. Moritz, elektrisches Licht. – Eine Turbine mit 100 Meter Wasserdruck treibt die elektrische Maschine, welche in zwei geschlossenen Leitungen 6-8 (Jablochkoff’sche) Lampen von je 30-40 Gasflammen Leuchtkraft alimentirt; dieselben beleuchten den Vorplatz, den Konversationssaal und den grossen originell in Engadinerholz ausgeführten Speisesaal sowie die geräumige Küche. – Die elektrische Beleuchtung ist durch die Firma Stirnemann und Compagnie in Zürich erstellt und Macht den Eindruck vollständiger Betriebssicherheit. Die Ungefährlichkeit, einfache Bedienung und billige Erstellung sind die längst bekannten Eigenschaften dieses Lichtes. Die Betriebskosten beschränken sich hier allein auf die Auslagen für die Kohlenspitzen (Bougies), deren Brennzeit je 1 ½ Stunden per Stück beträgt.»
Die frühe Elektrifizierung des Hotels Kulm war ein Luxus, der die vermögenden Touristen anzog. Sie bedeutete Modernität und war eine Möglichkeit, mit der sich die Oberschicht vom gemeinen Volk abgrenzen konnte. 1882 warb Badrutt in einem Prospekt mit seinen Bogenlampen und seinem Kraftwerk und stattete sein stetig wachsendes Hotel mit vielerlei elektrischen Lampen aus.


