«Sicherheit mit Tofranil»: Die Werbung für das Medikament aus dem Hause Geigy stellt Medikamente als sichere und effektive Lösungen für psychische Erkrankungen dar.
«Sicherheit mit Tofranil»: Die Werbung für das Medikament aus dem Hause Geigy stellt Medikamente als sichere und effektive Lösungen für psychische Erkrankungen dar. Schweizerisches Nationalmuseum

Psycho­phar­ma­ka – vom Labor zur Reklame

Von LSD über Largactil bis Valium: In den 1950ern veränderten Psychopharmaka die Behandlung von psychischen Krankheiten grundlegend und wurden früh zum Marketingprodukt. Dabei spielten Schweizer Pharmafirmen eine zentrale Rolle.

Pascale Meyer

Pascale Meyer

Historikerin und ehemalige Kuratorin am Schweizerischen Nationalmuseum

Im Jahr 2023 brachte das Schweizer Pharma-Unternehmen Idorsia ein Schlafmittel auf dem Markt, für das der Hollywood Star Jennifer Aniston (selbst schlaflos) in einem Video wirbt. In den USA erlaubt, in der Schweiz verboten: Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente, wie auch Psychopharmaka – Medikamente mit psychoaktiven Wirkstoffen. Gerade der Psychopharmaka-Markt war einst ein heftig umkämpfter Markt, ein Markt, auf dem Schweizer Pharma-Unternehmen eine grosse Rolle spielten.

Medika­men­te statt Elektroschocks

Die «Geburt» der modernen Psychopharmaka liegt etwas mehr als 70 Jahre zurück. Vorausgegangen ist 1943 die Entdeckung der psychoaktiven Substanz LSD durch Albert Hofmann (tätig bei der Firma Sandoz), die ab 1947 an der psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich therapeutisch erprobt worden ist. Timothy Leary, ein amerikanischer Psychologe und der «Guru» der Hippiebewegung, machte die Idee populär, dass halluzinogene Stoffe wie LSD oder Psilocybin, einem zu einem «authentischeren Selbst» verhelfen könne.
Albert Hofmann auf einem LSD-Blotter.
Albert Hofmann auf einem LSD-Blotter. Daniel Allemann, Pharmazeutischer Dienst Bern
Doch die Karriere von LSD, die Lieblingsdroge der Hippie-Bewegung, endet abrupt als sie 1966 zuerst in den USA und zwei Jahre später in der Schweiz aus dem Verkehr gezogen wird. Parallel dazu aber läuft die Forschung in den Pharmalabors auf Hochtouren: Die Möglichkeit, neue Stoffe zu synthetisieren, löst einen gewaltigen Entwicklungsschub aus. Zunächst werden in den Kliniken Neuroleptika eingesetzt – Medikamente mit sedierender und antipsychotischer Wirkung. Rhône Poulenc, ein französisches Pharma-Unternehmen, entwickelt einen Arzneistoff, Chlorpromazin, der als Grundstein der modernen Psychopharmaka-Therapie in die Geschichte eingeht. Zunächst als Mittel der Anästhesie eingesetzt, findet es Eingang in die Psychiatrie zur Bekämpfung von Schizophrenie. Unter der Bezeichnung «Largactil» kommt es 1953 auch auf den Schweizer Markt und führt dort zu dem, was heute in der Forschung als «Pharmakologische Wende» bezeichnet wird: Die Einführung von Neuroleptika löst Elektro- oder Insulinschock-Behandlungen, die in fast allen Kliniken durchgeführt worden sind, ab. Dies führt zu einem deutlichen Rückgang der Patientenzahlen in den Kliniken, und es eröffnen sich neue Therapiepfade – ausserhalb des stationären Aufenthaltes. Ambulante Praxen und Polikliniken stehen den Patientinnen und Patienten offen. Allerdings wird auch früh Kritik an den heftigen verschiedensten Nebenwirkungen geübt, wie auch an der sogenannten «Drehtür-Psychiatrie», die infolge der mangelhaften Einnahme der Medikamente eintrat: Patientinnen und Patienten kehren immer wieder in die Kliniken zurück, denn die Symptome kommen zurück, sobald die Medikamente abgesetzt werden.
Vor der Einführung von Neuroleptika kamen in den Kliniken Elektroschocktherapien zum Einsatz. Ausschnitt aus dem Dokfilm «Invistas en la psichiatria dal Grischun – part 1: sumbrivas dal passà». RTR Cuntrasts

Studien ohne das Wissen der Versuchspersonen

Eine andere Kritik wird erst rund 60 Jahre später laut. Der Tages-Anzeiger berichtet 2012, dass in der Klinik Münsterlingen Direktor Roland Kuhn im den 1950er- und 1960er-Jahren psychopharmakologische Versuche, respektive Patientenstudien durchgeführt habe – ohne Wissen und Einverständnis der Betroffenen. Bezahlt für die Testung an Patientinnen und Patienten hat die damalige Geigy AG (ab 1970 Ciba-Geigy AG, ab 1997 Novartis), die einige ihrer Substanzen so prüfen liess. Der Empfänger der Zahlung war Roland Kuhn.
Eine Packung Largactil, das erste Neuroleptikum, 1950er-Jahre.
Eine Packung Largactil, das erste Neuroleptikum, 1950er-Jahre. Historisches Museum Basel, Natascha Jansen
Der Erfolg des ersten Neuroleptikum Largactil veranlasste die Basler Chemie, ihre Anstrengungen auf diesem Forschungsfeld zu intensivieren: Schon bald folgen Antidepressiva wie Tofranil (Imipramin) von Geigy, das 1958 die Marktzulassung erhielt. Tofranil wird zuerst als Antihistaminikum (zur Linderung von Allergiesymptomen), später als Neuroleptikum geprüft –durch eben denselben Klinikdirektor Roland Kuhn. Für beide Zwecke eignet sich das Medikament nicht, dafür aber beginnt der Aufstieg als erstes Antidepressivum.
«Schweiz Aktuell» vom 23. September 2019 zu den Medikamentenversuchen in Münsterlingen. SRF

Valium für die Hausfrau

Es folgt der Siegeszug von Roche mit Librium, das später durch Valium abgelöst wird. Es gehört zu den Medikamenten der Gruppe der Benzodiazepine, die angstlösend, sedierend und muskelrelaxierend wirken. Valium, 1963 auf dem Markt, steigt sofort zum meist verkauften Medikament auf, zumindest in den USA, wo es auch in die Musikgeschichte einging: «Mother's little helper», so der Titel des Rolling Stones Songs von 1966, der auf die Lage der amerikanischen Hausfrauen der 1960er-Jahre anspielt, die in den Vorstädten vermeintlich einsam und gelangweilt ihre Tage verbringen: «Mother needs something today to calm her down. And though she is not really ill, there’s a little yellow pill…». Valium gehört damals in praktisch jeden privaten Arzneischrank, genauso wie Schmerzmittel und Pflaster für die Wundversorgung. Bedenkenlos verschreiben die Hausärzte Valium gegen schwere und geringfügige Gemütszustandsverschlechterungen – Sucht und Abhängigkeit sind (noch) kein Thema. Roche profitiert, und 1969 erzielt die Firma 36 Prozent ihres Umsatzes mit Benzodiazepinen.
In «Mother’s little helper» von 1966 besingen die Rolling Stones den Konsum von Valium. YouTube/Vevo

Wachsende Marketing­bud­gets

Gleichzeitig mit den Umsatzzahlen wachsen aber auch die Marketing-Ausgaben, denn die Psychopharmaka müssen an die Frau oder den Mann gebracht werden – in den USA ein weniger grosses Problem: Für Tranquilizer und Antidepressiva werden hochdotierte Marketingstrategien umgesetzt, starke Werbebotschaften versendet, denn schliesslich ist der Markt praktisch «endless». In der Schweiz aber gestaltete sich die Werbung schwieriger, gilt doch seit den 1950er-Jahren in der Schweiz ein Werbeverbot verschreibungspflichtiger Medikamente. Werbebotschaften dürfen «nur» an medizinisches Personal gebracht werden. Und so flatterten aufwändig gestaltete Werbebroschüren, Flugblätter und Inserate den Ärzten und Pharmavertretern ins Haus, respektive in die Praxis. Im Visier der Werbebotschaften: der gestresste Manager und die vermeintlich gelangweilte Vorstadt-Hausfrau. Neu hinzu kommt auch die «überforderte berufstätige» Frau, die neuerdings eine eigenständige Karriere anzustreben gewillt ist: «Modezeichnerin, geboren 1919. 1953 erstmalige Beschwerden in Form von allgemeinem Unbehagen, zunehmenden Kopfschmerzen, Mattigkeit, status febrilis», so der Text aus einem Faltprospekt von 1963, der für Insidon (Geigy), ein sogenanntes trizyklisches Antidepressivum, wirbt. Die Illustrationen erstellte Alain Le Foll, ein damals angesagter französischer Illustrator, der in den 1960er-Jahren im Auftrag von Geigy arbeitete.
Werbung von Geigy für das Antidepressivum Insidon, gestaltet von Alain Le Foll, 1963.
Werbung von Geigy für das Antidepressivum Insidon, gestaltet von Alain Le Foll, 1963. Museum für Gestaltung
Oder die Werbung für «Pertofran»: «...befreit von Hemmung und Depression», wie Geigy 1962 schreibt. Eine (Gefängnis-)Kette, gestaltet von Max Schmid, dem Art Director der Geigy AG, macht das deutlich. Damals leistete sich Geigy eine grosse grafische Abteilung (man sprach vom «Geigy Style»), Schmid gelang es, 30 talentierte Jung-Grafiker zu Geigy zu holen. Bei der Fusion der Geigy mit Ciba 1970 allerdings verlässt Max Schmid die Firma.
Befreiung aus der Knechtschaft der Depression. Werbung für Pertofran von der Geigy AG, 1962.
Befreiung aus der Knechtschaft der Depression. Werbung für Pertofran von der Geigy AG, 1962. Novartis Firmenarchiv
Schon früh, bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren bahnt sich an, was heute evident ist: Für Marketing muss die Pharmabranche mehr Geld ausgeben als für die Forschung, so die Aussage des Börsenkorrespondenten Jens Korte von SRF 2022. Es scheint, dass ohne enorme Marketinganstrengungen keine Psychopharmaka mehr abgesetzt werden können. Und das, obwohl die Psychopharmaka die am häufigsten bezogenen Medikamente sind und sich damit laut der Statistik Plattform Statista fast 300 Millionen Franken pro Jahr alleine in der Schweiz verdienen lässt.
Dennoch stand Idorsia, das Schweizer Unternehmen mit Jennifer Aniston als Werbebotschafterin, genau vor diesem Problem, als es ein neues Schlafmittel auf den Markt bringen wollte: Die Lancierung des Schlafmittels verschlinge riesige Summen, so die NZZ am Sonntag vom 11. Juni 2023. Der Börsenkurs des Unternehmens stürzte ab, 500 Stellen wurden gestrichen. Ob da Jennifer Aniston noch helfen kann?

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