Die Bündnerin Aita Gasparin gehört seit 2011 zum Schweizer Biathlon-Nationalkader.
Die Bündnerin Aita Gasparin gehört seit 2011 zum Schweizer Biathlon-Nationalkader. Wikimedia

Schwie­ri­ge Startbe­din­gun­gen und verpasste Chancen

Eigentlich wäre Biathlon die ideale Sportart für die Schweiz. Auf Langlaufskiern zu schiessen passt wie die Faust aufs Auge zum eidgenössischen Selbstverständnis von Wehrhaftigkeit und Skination. Doch durchsetzen konnte sich die Disziplin nie richtig - im Gegensatz zu Deutschland und Skandinavien. Warum?

Michael Jucker

Michael Jucker

Michael Jucker ist Sporthistoriker, Leiter von Swiss Sports History und Co-Leiter des FCZ-Museums.

Männer und Frauen messen sich gegenwärtig an den Olympischen Winterspielen im Biathlon. Eine Sportart, die immer noch einen schweren Stand in der Schweiz hat, obwohl Winter- und Schiessport in der Schweiz populär sind und eine lange Tradition haben. Die Geschichte des Biathlons in der Schweiz weist Brüche und Deutungsmuster auf, die anderswo nicht vorhanden waren: Der Sport musste sich gegen weitere Disziplinen durchsetzen, die ähnlich waren, aber auf eine andere Tradition zurückblickten.
Biathlon war 1960 bei den Olympischen Spielen in Squaw Valley zum ersten Mal olympisch. Die Ski- und Schützennation Schweiz beteiligte sich jedoch nicht, was im Nachgang abstrus wirkt und medial kritisiert wurde, denn eigentlich hätte die Schweiz gute Voraussetzungen gehabt und gar nicht so viel ändern müssen: «Ein Wettkampf bestehend aus Skilanglauf und Schiessen hat bei uns bestimmt nichts Umwälzendes an sich – die Schweiz gilt ja als Land der Skipatrouillenläufe!», schrieb Der Bund am 27. März 1960.
1960 gewann der Schwede Klas Lestander die erste olympische Goldmedaille im Biathlon. YouTube
Die im Zeitungsartikel erwähnte Skipatrouille, eine Schweizer Spezialität bestehend aus Skilauf und Schiesswettbewerb mit schweren Kalibern, konnte damals auf eine knapp 60-jährige Tradition zurückblicken: Bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden die Gotthardsoldaten in der Kaserne Andermatt mit Skiern ausgerüstet. Ab 1902 wurden dort Wettkämpfe durchgeführt, sieben Jahre später wurden sie für Soldatengruppen offiziell als Militärskipatrouillenläufe ausgeschrieben. Mit dem Ausbau der Gotthardfestung bis 1920 verstärkte sich das Bild des wehrhaften Soldaten auf Skiern im Réduit der Berge noch mehr.
Skipatrouillen-Wettlauf 1916 im Engadin.
Skipatrouillen-Wettlauf 1916 im Engadin. Schweizerisches Nationalmuseum
Zum Spitzensport entwickelte sich der Patrouillenlauf jedoch nicht, denn bereits im Jahr 1936 distanzierte sich der Schweizerische Skiverband (SSV, heute Swiss Ski) von Armeesportdisziplinen. Daher war die Armee gezwungen, alleine Meisterschaften durchzuführen. Diese fanden weiterhin in Andermatt statt. National wie international konnten die Schweizer Skipatrouillenläufer stets überzeugen, sei es im Rahmen der noch heute ausgetragenen internationalen Militär-Weltmeisterschaften (CISM) oder an den Olympischen Spielen 1948 in St. Moritz, wo ein Militärpatrouillenlauf als Demonstrationswettbewerb stattfand, und die Schweiz vor Finnland und Schweden gewann.
Danach ist eine Demilitarisierung des olympischen Sports festzustellen, das Internationale Olympische Komitee (IOC) distanzierte sich von militärischen Wettbewerben und nahm die Patrouillenläufe aus dem Programm. Die Schweizer Presse war deshalb erstaunt, als der Biathlon 1960 als olympischer Wettkampf in Squaw Valley eingeführt wurde. Offensichtlich verstand man in den Medien und in weiten Kreisen der Armee dies als eine Wiederaufnahme eines militärischen Wettkampfes. Doch die militärische Lesart des Biathlons ist nicht die einzige, im Ausland deutete man diese neue Sportart anders: Während die im Réduitdenken verhaftet gebliebene Schweiz Biathlon als Fortsetzung der militärisch geprägten Skipatrouille verstand, war man im IOC und dann vor allem in der 1993 gegründeten IBU (International Biathlon Union) bemüht, ein anderes Gründungsnarrativ zu etablieren. Der Biathlon habe seine Ursprünge in der steinzeitlichen Jagd. Das IOC und die IBU beriefen sich dabei auf norwegische Höhlenmalereien. Ganz kongruent war dieses Bild natürlich auch nicht: Die internationalen Verbände negierten damit die militärische Tradition der skandinavischen und russischen Skiregimenter.
Eine finnische Skipatrouille im Winterkrieg von 1940 gegen die Sowjetunion.
Eine finnische Skipatrouille im Winterkrieg von 1940 gegen die Sowjetunion. Wikimedia
Nichtsdestotrotz war die Schweizer Armee bereits wenige Wochen nach den auch sonst für die Schweiz wenig erfolgreichen Spielen in Squaw Valley bemüht, Biathlonwettkämpfe in Sörenberg (LU) durchzuführen. Verstanden wurden diese jedoch nicht zur Etablierung einer neuen Disziplin, sondern als Probelauf, um beurteilen zu können, ob sie als Training für Schweizer Soldaten dienen könnten. Der militärische Gedanke stand im Vordergrund. Deshalb durften nur Armeeangehörige teilnehmen, Frauen waren selbstverständlich damals nicht dabei. Die Resultate waren ernüchternd. Die ausgepumpten Soldaten trafen selten auf die kleinen, Fünfliber grossen Scheiben, im Patrouillenwettkampf waren die Ziele deutlich grösser. Die Schweizer Biathleten forcierten deshalb das Schiesstraining. Doch auch an den CISM-Weltmeisterschaften 1961 in Andermatt, die nun Biathlon enthielten, konnten keine Siege eingefahren werden.
Das Selbstverständnis als Ski- und Schützennation war ziemlich angekratzt. Dies änderte sich nicht in den nächsten Jahren.  Die Walliser Zeitung Nouvelliste du Rhône brachte es auf den Punkt: «Biathlon: Les fils seront dignes des pères (air connu)… Mais notre héros Guillaume Tell, lui-même, en aurait rougi de honte.»  Mit andern Worten, Willhelm Tell hätte sich geschämt. Die sportidentitäre Krise erreichte ihren Gipfel 1964 mit den für die Schweiz in allen Sportarten medaillenlosen Spielen von Innsbruck. War die anforderungsreiche Ausdauer- und Präzisionssportart Biathlon also nichts für Tellensöhne?
Da wäre selbst Willhelm Tell rot vor Scham geworden. Artikel in der Walliser Zeitung Nouvelliste du Rhône vom Februar 1964.
Da wäre selbst Willhelm Tell rot vor Scham geworden. Artikel in der Walliser Zeitung Nouvelliste du Rhône vom Februar 1964. e-newspaperarchives
Die Schmach von Innsbruck schreckte Politik und Sportverbände auf und führte zu sportpolitischen Forderungen. Als Antwort auf die Kleine Anfrage des Berner Nationalrats Erich Weisskopf (FDP), der den Biathlon stärker staatlich fördern wollte, hielt die Landesregierung im März 1964 folgendes fest: «Beim Biathlon [handelt es sich] im Gegensatz zur Meinung des Fragestellers nicht um einen Armeewettkampf, sondern um eine zivile aus einem Skilanglauf und einer Schiessprüfung bestehende Sportdisziplin.» Eine Förderung sei deshalb nicht in Betracht zu ziehen. Der Bundesrat befürchtete, dass die Deutung des Biathlons als Militärsportart zu einer Zersplitterung der bislang geförderten traditionellen Armee-Wintersportarten führen könnte.

Sportför­de­rung für die Wehrtüchtigkeit

Die ablehnende Begründung erfolgte aber vor allem, weil damals nur Sportarten finanziell durch den Bund unterstützt wurden, die für die Wehrtüchtigkeit als relevant erachtet wurden. Der Bundesrat sah im Biathlon demnach keine militärische Bedeutung, weiterhin setzte man entgegen dem internationalen Trend auf den traditionellen Winterwehrsport. Ironie der Geschichte: Gefördert wurden dafür seit langem Sportarten wie Schwimmen und Geräteturnen, die auf den ersten Blick viel weniger mit militärischen Fähigkeiten zu tun haben. 1964 verpasste die Landesregierung wohl eine Chance. Während in Skandinavien, Deutschland und in weiteren Ländern wie Frankreich der Biathlon bereits unterstützt wurde, sollte es noch lange dauern, bis dies im Land der Schützen und Skifahrerinnen der Fall war.
Geräteturnen wie hier am Turnfest von Sonvilier 1955 wurde vom Bund finanziell unterstützt. Nicht aber die Sportart Biathlon.
Geräteturnen wie hier am Turnfest von Sonvilier 1955 wurde vom Bund finanziell unterstützt. Nicht aber die Sportart Biathlon. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL

Erst mit der Durchführung der Junioren-WM 1995 in Realp (UR) kam es endlich zu einem Schub, welcher der Sportart zum Durchbruch verhalf. Im Urner Oberland wurde die erste Biathlonanlage der Schweiz errichtet. Da diese WM ursprünglich in der Lenk (BE) geplant war, handelte es sich bei dieser ersten Infrastruktur nicht um eine auf komplexe Trainingsbedürfnisse der Athletinnen und Athleten konzipierte, durchdachte und entsprechend grosse Sportanlage, sondern um ein kurzfristiges Provisorium. Das Baugesuch wurde erst im Sommer davor eingereicht. Es kam zu Rodungen, der WWF Uri intervenierte und die Anlage wurde zum Politikum mit typisch lokaler Ausprägung: Gebaut wurde vor der Genehmigung, genehmigt wurde nach dem Bau.
Die Anlage in Realp läutete längerfristig eine Zeitenwende im Schweizer Biathlonsport ein. In der Nähe des neuen Armeesportzentrums Andermatt und gut geschützt vom Föhn lag sie ideal. Im August 2002 wurde das Provisorium durch eine moderne Anlage ersetzt, die auch Sommertrainings ermöglicht. Für das Urserental war der Bau enorm wichtig, da sich die Armee immer stärker zurückzog und dieser Strukturwandel auch Arbeitsplätze betraf.
Zusammen mit der Gründung des Bundesamts für Sport in Magglingen im Jahre 1998, dem neuen Sportförderungsgesetz von 2011, das erstmals die Spitzensportförderung nennt, wurden somit ideale Voraussetzungen geschaffen, um weitere wintersportliche Debakel wie in Squaw Valley und Innsbruck zu verhindern.  Mit dem dritten Platz des Urners Matthias Simmen an den Sommerweltmeisterschaften 2008 und weiteren guten Platzierungen zwischen 2005 und 2011 konnten erste internationale Erfolge gefeiert werden. Die Schwestern Gasparin, Amy Baserga, Lena Haecki-Gross, Benjamin Weger und Niklas Hartweg erkämpften sich im neuen Jahrtausend weitere sehr gute Rangierungen und Medaillen ‒ Selina Gasparin an den olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 sogar Silber im Einzelwettkampf.
Kurzporträt von Matthias Simmen aus dem «Sportpanorama» vom 9. Januar 2005. SRF
Mittlerweile ist die Förderung bis zur Jugendstufe angekommen, dies liegt auch daran, dass sich der Schweizerische Skiverband (Swiss Ski) dem schweizerischen Biathlonverband, der harte Zeiten und finanzielle Schwierigkeiten durchlebte, annahm. Auch die Armee begann, Biathlon indirekt zu fördern, beispielsweise mit der Ausbildung von Sportsoldatinnen und Sportsoldaten. Gerade für Frauen ist dies eine sehr gute Möglichkeit, sich im Spitzensport zu etablieren.
Biathlon als Spitzensport hat in der Schweiz sicherlich noch Luft nach oben. Als Ski- und Schiessnation waren die Voraussetzung eigentlich länger schon gegeben. Die Narrative der Skisoldaten schufen gleichzeitig ein Bild der Schweizer Identität, die dies ermöglichten, gleichsam stand dieses auf dem Réduit-Gedanken basierende Bild einer rascheren spitzensportlichen Entwicklung im Wege. Die Offiziere wie auch der Bundesrat erachteten Biathlon nicht als zielführend für die Wehrhaftigkeit. Zu lange hielt man deshalb am Wehrsport und den Skipatrouillen fest und verstand den Wandel der Zeit wohl zu wenig. Erst mit der Etablierung der Biathlonanlage in Realp, deren späteren Erhebung zu einem nationalen Leistungszentrum, der im internationalen Vergleich spät einsetzenden Spitzensportförderung und jüngst der weltcuptauglichen Biathlonanlage auf der Lenzerheide wurden die richtigen Spuren in den Schnee gelegt. Die spannende, anspruchsvolle Sportart lockt mittlerweile ein breites Publikum, private Geldgeber und potente Sponsoren an, so dass die Medaillenjagd mit Latten und Gewehr unter guten Voraussetzungen fortgeführt werden kann.

Swiss Sports History

Swiss Sports History
Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit Swiss Sports History, dem Portal zur Schweizer Sportgeschichte, entstanden. Die Plattform bietet schulische Vermittlung sowie Informationen für Medien, Forschende und die breite Öffentlichkeit. Weitere Informationen finden Sie unter sportshistory.ch.

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