Die Republik Bern als Sinnbild, 1682.
Bild: Bernisches Historisches Museum (Ausschnitt)

Adel, Klerus, 3. Stand – alles Mutzen

Ein Bauer trägt auf seinem Rücken einen Adligen und einen Kleriker: Protest, Frankreich vor 1789. Die drei Stände umgeben die allegorische Berna würdevoll in gänzlicher Harmonie: Bern 1682.

Man verstand sich in den Stadtorten der Eidgenossenschaft allenthalben als Republik, um genau zu sein: als «ILLUSTRIMA RES PUBLICA», als glorreiche Republik. Dazu will allerdings nicht recht passen, dass in den Ratsprotokollen dieser Stadtrepubliken nach 1500 die Bezeichnung «Mine Gnädigen Herren» so schwindelerregend oft vorkommt, dass sich die geplagten Schreiber mit einer Abkürzung behalfen: M. G. H.

Solange sich die Herrschaften noch im Vorwärtsgang befanden, energisch darauf bedacht, sich das nötige Umland anzueignen, vor allem durch Einbürgerungen, aber auch durch Kauf und Eroberungen, nannten sie die Bewohner der Landschaft «die Unsern». Herrschaft erforderte Versorgung, sichere Transportwege, Krieger, Steuerzahler. Die Obrigkeit war auf «die Unsern» angewiesen. Als der Vorwärtsgang um 1560 überall an freundeidgenössische Grenzen stiess, wurden «die Unsern» zu «Untertanen». Im Gegenzug setzte sich die Obrigkeit nach oben ab. Schultheiss und Rat von Luzern bezeichneten sich als die «von Gott verordnetten rechten nattürlichen herren und obern». Regierung und Erlasse wurden zu Wohltaten «göttlicher wyssheit», zu Werken «sonderer gnadrychen fürsehung Gottes dess allmechtigen». Gottesgnadentum à la «CH». Wir schreiben das Jahr 1570. Ludwig XIV., der Sonnenkönig, der Versailles erbauen liess, lebte von 1638 bis 1715.

Die Republik Bern als Sinnbild, Ölgemälde von Joseph Werner, 1682.
Bild: Bernisches Historisches Museum

Eine Gesellschaft nach Ständen

Als Meister von Miniaturen und Allegorien erhielt Joseph Werner (1637–1710) Aufträge von Königshöfen in ganz Europa. In Versailles und Paris arbeitete er für Ludwig XIV., in Augsburg für die Fugger. Der Rat von Bern war in bester Gesellschaft, als er Werner 1682 den Auftrag gab, die bernische Republik in einem Sinnbild darzustellen.

Das Werk ist ganz und gar auf seine Deutung hin konstruiert. Im Zentrum «Berna» als junge anmutige Frau, deren kostbare Rüstung zum prächtigen Kleid wird. Das Martialische tritt zurück, das Würdevolle ins Licht, namentlich mit dem pathetischen Umhang und der Kopfbedeckung, einer triumphalen Gloriole gleich. Berna stützt sich auf das Wappen und schützt es zugleich. Mit der Rechten hält sie kraftvoll das Schwert, das Zeichen für Herrschaft schlechthin. Wer ihr die unumschränkte Macht verliehen hat, steht fest. Das Schwert zeigt zum Himmel, zu Gott. Ebenso klar ist, über wen das Schwert richten soll. Das zeigt der Griff des Schwerts direkt über dem Kopf des Untertans, der zu ihren Füssen ehrerbietig aufschaut und ihr den Freiheitshut hinhält: Berna wird gebeten, die Landbevölkerung zu schützen, über sie zu herrschen und zu richten. Der Untertan, Vertreter des Dritten Standes, dankt es ihr gnädig mit einem Füllhorn von Feldfrüchten, das Haar geschmückt mit Blumen, das Ruder griffbereit, stellvertretend für Dienstbarkeiten jeglicher Art. (Honi soit qui mal y pense.) Im Hintergrund links der Zweite Stand, «Fides», der Glaube, verkörpert von einer Frau mit dem Laienkelch. Hinten rechts ein mächtiger Bär, der das adlige Patriziat repräsentiert, den Ersten Stand. Um Hals und Oberkörper ein Kettengöller, hält er die rechte Pranke auf der Schulter der Berna, mehr gebieterisch und drohend als schützend. Mit diesem bewaffneten Bär legt man sich besser nicht an. Berna und Fides tragen den Kopf auf gleicher Höhe, leicht überragt vom Kopf des adligen Bären; der dritte Stand dagegen ist deutlich nach unten abgesetzt: Joseph Werner hatte begriffen, was man von ihm wollte.

Bern, Zähringerbrunnen in der Kramgasse, unterhalb des Zytglogge-Turms, errichtet 1535. 
Bild: Wikimedia Commons / Mike Lehmann (Ausschnitt)

Ein Brunnen kann sprechen

Im Gegensatz zur allegorischen Berna, die nur die Regimentsfähigen zu Gesicht bekamen, war der Zähringerbrunnen ein Manifest im öffentlichen Raum, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft programmatisch verbindet. Der grimmige Bär mit goldenem Spangenhelm, breiter roter Krempe und bekrönender Goldkugel, verkörpert das Hier und Jetzt, die Entstehungszeit des Brunnens 1535. Panner und gerolltes Schild mit dem Zähringer-Löwenwappen erinnern an Berns Stadtgründer Berchtold V. von Zähringen (1160–1218) und stehen für «altes harkomen». Das junge Bärlein labt sich an Trauben, den Früchten der Zukunft. Eine Geschichtslektion des 16. Jahrhunderts. Ablaufdatum: unbefristet.

→ Versailles und Paris in Solothurn? Etwas übertrieben, aber nur leicht. Kommen Sie morgen mit in die Ambassadorenstadt.

«Mine Gnädigen Herren»

In mehreren Wochenserien präsentiert der Historiker Kurt Messmer den Weg der Schweiz vom Feudalismus in die Demokratie.

Das historische Menu dieser Woche:  Schauplatz Eidgenossenschaft – vom «alten Adel» zum «neuen Adel»

Montag:
1415 statt 1291? Ein historischer Kick
Die Eroberung des Aargaus bescherte den Eidgenossen die erste gemeinsame Verwaltungsaufgabe. Seit 1415 rückte man näher zusammen.

Dienstag:
Aufstieg zur Macht, Version «CH»
Geld machte es möglich: Wie Händler, Fährleute und Schneider adelig wurden. Die Diesbach-, Feer- und Pfyffer-Saga.

Mittwoch:
Familienherrschaft, wie funktionierte das?
Ob in Bern, Luzern oder Zürich: Die «Gnädigen Herren» bestimmten, wer in ihren exklusiven Kreis aufgenommen wurde.

Donnerstag:
Adel, Klerus, 3. Stand – alles Mutzen
Das Selbstverständnis der «wohledelfesten» Republik Bern –  um 1680 bildhaft vor Augen geführt von der allegorischen Berna.

Freitag:
Versailles und Paris in Solothurn
Die Paläste der Gnädigen Herren zeugen noch heute von einer Zeit, in der man auch hierzulande als Herr oder als Untertan geboren wurde.

Kurt Messmer
Kurt Messmer von Emmen LU war Fachleiter Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Luzern und Lehrbeauftragter für Geschichtsdidaktik an der Universität Freiburg CH; seither freischaffender Historiker mit Schwerpunkt Geschichte im öffentlichen Raum.

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Ihr Kommentar





4 Kommentare

Immer wieder schönstes Infotainment. Vielen Dank, Herr Messmer!

Dr. phil. Manuel Kehrli sagt:

Werners Allegorie wird immer gerne herangezogen und gedeutet. Was dabei vergessen geht: die auftraggebende Obrigkeit lehnte das Werk ab.

Kurt Messmer sagt:

Ein interessanter Hinweis. Konkret geht aus den Quellen hervor, dass der zuständige Ausschuss des Berner Rats den Preis für die Bilder von Joseph Werner um ein knappes Drittel drückte und dass das Honorar erst mit halbjährlicher Verspätung ausbezahlt wurde. Ob daraus eine grundsätzliche Ablehnung abzuleiten sei, bleibe dahingestellt. Für die prägende Kraft dieses allegorischen Bildes ist letztlich sekundär, worauf man den Akzent legt, auf die staatliche Selbstdarstellung oder auf die Interpretation des Malers. Entscheidend ist und bleibt, was Manuel Kehrli in seiner vorzüglichen Studie im Geschichtsfreund 166, 2013, 89-104, selber betont: „Aus heutiger Sicht erkennen wir darin exakt das absolutistische bernische Staatswesen, wie es sich im 18. Jahrhundert herausgebildet hat, quasi den Paukenschlag zum Stadtstaat, der mit seiner fast zeitgleichen Souveränitätserklärung den Grossen Rat direkt der göttlichen Macht unterstellte.“ (Seite 92)

Heini Budmiger sagt:

Instruktiv, kompakt, interessant, unterhaltsam und vieles mehr.
Auch das Layout ist hervorragend.

Vielen, vielen Dank.