Aïssé im Alter von ca. 26 Jahren um 1720. Depositum Schloss Jegenstorf

Aïssé – von der Sklavin zur Gesellschaftsdame

Ihre Geschichte klingt wie ein Märchen aus 1001 Nacht, ist jedoch real: Die aus der Kaukasusregion stammende Aïssé (1693/4–1733), als Kind auf dem Sklavenmarkt verkauft, wuchs in Pariser Adelskreisen auf. Sie faszinierte ihre Zeitzeugen, inspirierte Romanautoren und verewigte sich mit ihren Briefen als Literatin der Aufklärung.

Aïssé de la Grèce épuisa la beauté
Elle a de la France emprunté
Les charmes de l’esprit, de l’air et du langage
Pour le cœur, je n’y comprends rien
Dans quel lieu s’est-elle adressée
Il n’en est plus comme le sien
Depuis l’age d’or ou l’Astrée

Jacob Vernet, 1788

Haïdé, so ihr ursprünglicher Name, kam irgendwann in den Jahren 1693 oder 1694 im Nordwestkaukasus zur Welt, das genaue Geburtsdatum ist unbekannt. Das Mädchen stammte aus einer Region, die sich heute in etwa mit der russischen Republik Karatschai-Tscherkessien deckt. Gemäss Überlieferung soll sie die Tochter eines zirkassischen (tscherkessischen) Stammesfürsten gewesen sein.

Nachdem Aïssés Vater im Krieg von den Türken besiegt und getötet wurde, landete die rund Fünfjährige auf dem Sklavenmarkt in Konstantinopel, wo sie als zirkassische Prinzessin zum Verkauf angeboten wurde. Ihr Schicksal, in einen Harem eines Serails verkauft zu werden, schien bereits besiegelt, als ein Gesandter des französsichen Königs Ludwig XIV. auf das Mädchen aufmerksam wurde: Comte Charles de Ferriol (1652–1722). Er kaufte Haïdé für 1500 livres und befreite sie dadurch aus den Fängen der Sklavenhändler, vermutlich in der Absicht, sie zu seiner späteren Geliebten zu erziehen.

Der Nordkaukasus um 1700. Karte von Guillaume de L'Isle (1675-1726). Quelle: David Rumsey Map Collection

Ahmed III empfängt den französischen Botschafter Charles de Ferriol (klicken um zu vergrössern). Gemälde von Jean-Baptiste van Mour, um 1724. Quelle: Wikimedia

Von Konstantinopel nach Paris

Gemeinsam mit Haïdé kehrte Ferriol 1699 auf dem Schiffsweg in sein Heimatland Frankreich zurück. Am Ende der zweimonatigen Reise liess er das Mädchen in Lyon auf den Namen Charlotte Elisabeth Aïssé taufen. Angekommen in Paris, übergab er es in die Obhut seiner 25-jährigen Schwägerin Marie-Angélique. Ein Jahr später reiste er als französischer Botschafter zurück ins Osmanische Reich, wo er bis 1711 bleiben sollte.

Ferriols Schwägerin erzog Aïssé, wie sie fortan genannt wurde, wie ihr eigenes Kind und gewährte ihr eine standesgemässe Ausbildung: Zuerst bei einem Hauslehrer an der Seite der Söhne Marie-Angéliques und schliesslich in der Klosterschule.

Im Alter zwischen 16 und 17 Jahren wurde Aïssé in die Pariser Gesellschaft eingeführt. Marie-Angélique führte einen beliebten Salon, in dem Philosophen und Literaten, darunter auch bekannte Namen wie Voltaire und Montesquieu, ein- und ausgingen. Aïssé wurde Stammgast in diesem Salon und befand sich schnell in dessen Mittelpunkt. Sie war nicht nur schön, selbstbewusst und gebildet, sondern stachelte mit ihrer orientalischen Herkunft, ihrem exotischen Charme und ihrer abenteuerlichen Geschichte die Neugierde der Zeitgenossen an.

Dieses Gemälde von Anicet Charles Gabriel Lemonnier (1743–1824) zeigt eine Szene im literarischen Salon von Madame Geoffrin (sitzend rechts, dem Betrachter zugewendet). Lekain, ein Schauspieler (in der Mitte in rot gekleidet), liest Voltaires Tragödie «L'Orphelin de la Chine». Der Autor selber ist in Form einer Büste anwesend. Quelle: Wikimedia

Im Klima des aufkeimenden Orientalismus

Eine junge, attraktive Frau, die «den Händen der Ungläubigen entrissen» worden war, bedeutete eine Sensation im Klima des aufkeimenden Orientalismus in Europa des 18. Jahrhunderts, kurz nachdem «1001 Nacht» in Frankreich als Übersetzung auf den Markt gekommen ist. Das «Orientalische» wurde fortan nicht nur als Ort des Despotischen, Irrationalen oder Erotisch-Abgründigen betrachtet, sondern auch als Sitz des Natürlich-Ursprünglichen, Mythischen und Utopischen romantisiert. Der Orientalismus blühte in Form modischer Faszination angesichts allen Exotischen. Auch in der Musik, der bildenden Kunst und der Literatur zeichnete sich dieses Bild ab, was sich beispielsweise im Jahr 1721 in Montesquieus Werk «Les lettres persanes» niederschlug. Die Faszination für den Orient hielt bis ins späte 18. Jahrhundert an – man denke nur an Mozarts «Die Entführung aus dem Serail» (Uraufführung 1782).

Ein Ziehvater mit Ansprüchen

1711 kam der 64-jährige Charles de Ferriol nach Paris zurück. Aïssé war nun im heiratsfähigen Alter, die Verehrer standen Schlange. Auch der verheiratete und für seine Ausschweifungen bekannte Philippe II. von Orléans soll an einem amourösen Abenteuer mit der hübschen Aïssé interessiert gewesen sein. Entgegen dem gesellschaftlichen Kodex der Zeit wies sie die Werbungen des Regenten jedoch ab. Auch an Heiratsangeboten mangelte es nicht. Doch Ferriol erschien nie eine Partie gut genug für sein Mündel, dessen rechtlicher Status er nie ändern liess. Anstatt seine Ziehtochter als solche anzuerkennen und zu adoptieren, bestand er darauf, von ihr mit dem osmanischen Würdentitel «Aga» angesprochen zu werden.

Der Grund dafür dürfte in der anfangs geäusserten Vermutung gelegen haben, dass Ferriol  Aïssé kaum aus väterlich-fürsorglichen Gefühlen gekauft haben wird. Seine wahren Hintergedanken zeigten sich mehr und mehr in den persönlichen Ansprüchen an der massiv jüngeren Frau. Diese gipfelten darin, dass er sich bald selbst zu den um Aïssé werbenden Verehrern gesellte. In einem Brief versuchte er sie mit folgenden Worten zu überzeugen, ihn zum Mann zu nehmen: «Vous auriez été la maîtresse d’un turc qui aurait peut-être partagé sa tendresse avec vingt autres, et je vous aime uniquement […]». Doch seine Annäherungsversuche sollten erfolglos bleiben. Von diesen gänzlich befreit war sie spätestens nach einem Schlaganfall, den Ferriol bis zu seinem Tod 1722 ans Bett fesselte. Aïssé umsorgte ihn bis zuletzt, wofür er sie testamentarisch reich bedachte.

Aïssé im edlen Gewand aus Seide und Spitze mit Blumenschmuck und eine Perle im grau gepuderten Haar. Das Gemälde wird dem Pariser Maler Nicolas de Largillière zugeschrieben und ist undatiert, um 1720. Depositum Schloss Jegenstorf

Verliebt in einen Ordensmann

In jener Zeit pflegte Aïssé bereits eine innige Liebesbeziehung zum Malteserritter Blaise-Pascal d'Aydie (1692–1761). Heiraten wollte sie ihn nicht, um seiner Karriere nicht zu schaden. Als Ordensmann hätte er sich von seinem Eid lossagen müssen, seinen Orden verlassen und – als nicht erstgeborener und damit privilegierter Sohn der Familie – in der Folge in eher bescheidenen Verhältnissen leben müssen. Die Liebe blieb deshalb geheim, nur ein enger Freundeskreis war eingeweiht und deckte die heimlichen Treffen des Paares.

Aus der innigen Beziehung zwischen Aïssé und d'Aydie resultierte eine Schwangerschaft, die einen gesellschaftlichen Skandal bedeutet hätte. Aus diesem Grund hielt sich die Schwangere in den letzten Monaten vor der Niederkunft ausserhalb von Paris auf. Aïssé brachte ihr erstes und einziges Kind, ein Mädchen, 1721 heimlich in einem Aussenquartier zur Welt. Sie gab vor, sich in England bei ihrer Freundin, der Ehefrau von Lord Bolingbroke, aufzuhalten. Ebendiese Freundin brachte das Mädchen nach der Geburt zunächst nach England und kehrte später mit ihm nach Frankreich zurück. Dort brachte sie es in die Abtei von Sens und erklärte, es sei eine Nichte ihres Ehemannes.

Im Kloster wuchs Aïssés Tochter als Célénie Leblond – das Mädchen hatte blondes Haar – unter falscher Identität auf. Aïssé und d'Aydie versuchten trotz widriger Umstände aufgrund der Geheimhaltung, den Kontakt zu pflegen und besuchten das Mädchen mehrmals jährlich. Dass das Paar – in ihren Augen damals eine liebenswürdige Dame und ein grosszügiger Herr – ihre Eltern waren, erfuhr Célénie jedoch erst nach dem Tod ihrer Mutter: Aïssé starb 1733 – noch nicht 40-jährig – an Tuberkulose. Ihr Vater erkannte Célénie darauf offiziell als seine leibliche Tochter an, kümmerte sich fortan fürsorglich um sie und verheiratete sie 1740 mit einem Landadligen, mit dem sie auf Schloss Nanthiac lebte.

Aïssé beim Lesen, Grafik (Stich) von Gustave Staal, Paris 1881.

Literarisches Vermächtnis

Dass wir heute über die Existenz, das Leben und das Schicksal Aïssés Bescheid wissen, haben wir, was in der weiblichen Geschichtsüberlieferung weit verbreitet ist, in erster Linie ihr selbst zu verdanken: Aïssé pflegte in den Jahren 1726 bis zu ihrem Todesjahr 1733 mit ihrer Genfer Freundin «Mme Calandrini» (Julie Clanderini, ledige Pelissary) eine intensive Brieffreundschaft, obschon sich die beiden Frauen nur zweimal, einmal in Paris, einmal in Genf, begegnet sind.

In ihren Briefen berichtete Aïssé der älteren Freundin nebst Persönlichem vom sozialen Leben in Paris während der ersten Regierungsjahre des Königs Ludwig XV., von Theaterbesuchen, neuen Büchern und gesellschaftlichen Skandalen. Aïssé schien viel auf die moralische Belehrungen ihrer mütterlichen Brieffreundin zu geben, brach aber trotz Anraten Calandrinis nie mit dem Chevalier, obschon sie es versuchte.

Es ist ein glücklicher Umstand, dass Aïssés Briefe – ursprünglich wohl 40 bis 50 Stück, von denen heute nur noch wenige vorhanden sind – über den Enkel Clanderinis 1758 in die Hände von Voltaire gelangten. Voltaire, der Aïssé in jungen Jahren kennen gelernt und sich – nach eigenen Aussagen – ebenfalls in sie verliebt hatte, hielt die Briefe für authentisch und publikationswürdig.

Doch erst 1787 kam es in Paris zur ersten Edition Aïssés Briefen mit den persönlichen Notizen des bereits 1778 verstorbenen Voltaires. Auf diese Erstausgabe folgte ein Jahr später in Lausanne eine weitere, herausgegeben von Jacob Vernet. In dieser wie auch in einer späteren Edition aus dem 19. Jahrhundert ziert das Porträt der Autorin als Stich mit einem Vers Vernets das Frontispiz (Anfangsseite).

«Lettres de Mademoiselle Aïssé à Madame C[alandrini] qui contiennent plusieurs anecdotes de l’histoire du tems depuis l’année 1726 jusqu’en 1733», Ausgabe von 1788, Lausanne. Das Porträt der Autorin mit einem Vers des Herausgebers Jacob Vernet zieren das Frontispiz. Aargauer Kantonsbibliothek. Foto: Schloss Jegenstorf

Nachleben in Kunst und Literatur

Aïssés Nachleben existiert nicht nur in der bekannten Briefedition, sondern auch in der französischen Literatur: Ihre Biografie bildete die Inspiration für die literarische Figur der Haydée in Alexandre Dumas Romans «Der Graf von Monte Christo», der zwischen 1844 und 1846 als Fortsetzungsgeschichte erschien, den Nerv der Zeit traf und bis heute als Klassiker der Weltliteratur gilt. Die Beziehung der Aïssé mit dem Comte de Ferriol wurde darin verarbeitet. Auch in weiteren literarischen Werken wie beispielsweise in Voltaires Tragödie «Zaïre» (1732) und Antoine-François Prévosts Roman «L’Histoire d’une Grecque moderne» bildeten Leben und Schicksal der Aïssé eine wichtige Inspirationsquelle.

Plakat von Louis Français zum «Graf von Monte Cristo», 1846. Bibliothèque nationale de France

Haydée auf dem Sklavenmarkt

Haydée und der Graf in Paris. Stiche in der Erstausgabe von Alexandre Dumas’ Roman «Der Graf von Monte Christo» (1846).

Es existieren nur wenige Porträtdarstellungen von Aïssé. Ein wunderschönes Gemälde, das wohl um 1720 entstanden ist, wird in der Sammlung der Stiftung Schloss Jegenstorf gehütet. Aïssé ist mit diesem Porträt und ihrer Geschichte in der Sonderausstellung «Unsere Frauen. Im Schloss gelebt, gedient, gehütet» vertreten, die noch bis zum 14. Oktober 2018 zu sehen ist. Sie ist eine von 27 Frauen aus den vergangenen paar Jahrhunderten, die mit ihren Biografien eine Tour d’Horizon zur Schweizer Frauengeschichte mit Schwerpunkt Gesellschaft und Familie bilden.

Unsere Frauen. Im Schloss gelebt, gedient, gehütet

Schloss Jegenstorf

bis 14.10.2018

Von Schlossherrinnen und Dienstmädchen: Weibliche Lebensbilder, Schicksale und Geschichten rund um Schloss Jegenstorf und dessen Sammlung widerspiegeln den Alltag und die Stellung der Frau in den vergangenen Jahrhunderten. Die Schau wird thematisch ergänzt durch eine Kabinettausstellung zu Ehren der Schweizer Frauenrechtlerin Marthe Gosteli (1917-2017).

Am Sonntag, 14. Oktober 2018, 14 Uhr, findet im Schloss Jegenstorf der Vortrag «Die Frau in der Frühen Neuzeit» von Dr. Barbara Braun, Historikerin statt. Auch Aïssé wird dabei zur Sprache kommen. Mehr Infos unter schloss-jegenstorf.ch

Murielle Schlup
Kunsthistorikerin und seit 2010 Museumsleiterin im Schloss Jegenstorf, Bern

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