Der Museumsplatz vor dem Historischen Museum Frankfurt. © Stadt Frankfurt

Das Museum als Zwiebel

Das Historische Museum Frankfurt wurde neu gebaut und neu konzipiert – und präsentiert sich als exemplarischer Ort der Auseinandersetzung mit einer Geschichte, die übers Lokale hinausreicht.

Frankfurt gilt bei Schweizern nicht als touristisches Traumziel. Vielleicht ist daran Johanna Spyri schuld. Ihr Heidi litt in Frankfurt ganz fürchterlich unter der Gouvernante Fräulein Rottenmeyer. Heute nimmt man die Stadt zunächst als Bankerstadt und Verkehrsknotenpunkt wahr. Manchen fällt vielleicht noch die Frankfurter Buchmesse und Goethe ein. Letzterer ist hier geboren und hat seiner Heimat in «Dichtung und Wahrheit» die Anfangskapitel gewidmet. Kunstfreunde schätzen die attraktiven Museen, allen voran das Städel.

Doch da ist noch viel mehr. Das lernt man spätestens beim Besuch des im Herbst 2017 neu eröffneten Historischen Museums.

Die Frankfurter Sammlung gehört zu den reichhaltigsten in Deutschland. Doch das Haus zog einen trotz bester Lage auf dem Römerhügel im historischen Zentrum der Stadt kaum an. Schon der Bau aus den Siebzigern, ein brutalistischer Betonklotz, wirkte abweisend.

Es hat sich gelohnt, das Museum komplett neu zu bauen. Die Stuttgarter Architekten Lederer Ragnarsdottir Oei haben aus der vertrackten Situation – es mussten mehrere ältere Gebäude integriert werden – viel gemacht. Vor allem städtebaulich ist der Neubau in ortsüblichem roten Sandstein ein Wurf. Mit seiner Hufeisenform schafft er einen attraktiven neuen Platz. Die Botschaft ist klar: Museen haben für unsere Gesellschaft eine wichtige Rolle weit übers Stadtmarketing hinaus. Sie sind urbane Treffpunkte.

Fassadendetail des Ausstellungshauses © Historisches Museum Frankfurt / Horst Ziegenfusz

Beim Abriss stiess man auf die Überreste eines Mainhafens aus der Stauferzeit (1150-1250). Er stellt, obwohl er rührend klein ist, eine der neuen Attraktionen dar. Denn von hier aus entwickelte sich Frankfurt zu einem der grössten Wirtschaftszentren Europas. Möglich war das allerdings nur, weil die Stadt, ursprünglich eine Militärstation der Römer, von den staufischen Kaisern schon früh das Messeprivileg erhielt.

Das neue Museum ist weitläufig. Wir besuchen es zum ersten Mal und haben nur zwei Stunden Zeit. Daher bitten wir den freundlichen Herrn an der Kasse um etwas Orientierung. Er empfiehlt uns die «Highlight-Tour – Das ganze Museum in 90 Minuten», und reicht uns die entsprechende Broschüre. Aus Neugierde greifen wir noch zu «Frankfurt in Bewegung – eine Stadt mit Migrationshintergrund» und «33-45 – Frankfurt und der Nationalsozialismus».

Wir beginnen mit dem staufischen Frankfurt, den Überresten des Saalhofs von 1200. Hier wurde der Stauferkaiser Friedrich Barbarossa 1152 gekrönt. Auf etwas labyrinthischen Wegen gelangen wir zu den Reichsinsignien: Krone, Zepter, Reichsapfel. Allerdings handelt es sich nur um eine lokale Kopie von 1913 (die Originale sind in Wien). Die Audio-Präsentation erklärt das alles, und zwar in einem Dialog mit unverkennbar hessischem Tonfall. Soll hier dem Lokalstolz geschmeichelt werden? Generell werden für die Vermittlung alle Register gezogen. So sind beispielsweise alle Texte in «einfacher Sprache» verfasst. Man nimmt den Bildungsauftrag als öffentliche Institution ernst. In einer Zeit, in der die historische Bildung allenthalben bröckelt, kann man das nur begrüssen.

Auf uns springt der museale Funke erstmals im sogenannten «Sammlermuseum» über. Hier sind verschiedene Kapitel des zuerst privaten, dann öffentlichen Sammelns in Frankfurt mit seiner stolzen Bürgertradition aufbereitet. Nur schon für das «Prehn’sche Kabinett» lohnt sich die Reise: Es handelt sich um ein Miniaturmuseum aus dem 18. Jahrhundert mit Hunderten kleinformatiger Originale sowie Kopien damals berühmter Gemälde. Zusammengetragen hat sie der erfolgreiche Frankfurter Konditor Johann Valentin Prehn.

Stauferhafen mit Holzbalken von 1310. © Historisches Museum Frankfurt / Petra Welzel

Das Prehn’sche Kabinett

Das Prehn’sche Kabinett.

Die Zeit vergeht wie im Fluge, und dabei sind wir noch gar nicht im Haupttrakt des Museums mit der Dauerausstellung «Frankfurt Einst?» gewesen. Wir lassen also den historischen Rententurm aus. Kaum sind wir in «Frankfurt Einst?» (das Fragezeichen soll wohl die Verbundenheit mit der Gegenwart signalisieren), verlieren wir allerdings angesichts all der reizvollen Ausstellungsstücke, Schaukästen, Kabinette, rasch den roten Faden der «Highlight-Tour» und verlassen uns auf unsere Neugierde.

Was hat uns dabei am meisten Eindruck gemacht? Auf jeden Fall das gleich nach dem 2. Weltkrieg entstandene Stadtmodell der völlig zerbombten Stadt. Unwillkürlich denkt man an die Ruinenstädte der Gegenwart, von denen nicht alle die Chance des Wiederaufbaus haben werden. Ins gleiche Kapitel gehört die Riesendose mit Zyklon B, dem Gift, mit dem die Nazis in den KZs mordeten, hergestellt von der Frankfurter I.G. Farben. Gefallen hat uns die berühmte «Frankfurter Küche», das Urmodell aller Einbauküchen, amüsiert das Original-Büro des Literaturpapsts Marcel Reich-Ranicki oder der Stammbaum des Frankfurter Bankenwesens, demzufolge die Credit Suisse wie auch die UBS ihre Wurzeln in Frankfurt haben. Gerne hätten wir das exzellente Kabinett zu den städtebaulichen Kontroversen genauer studiert, oder jenes zum Paulskirchen-Parlament von 1848.

Die «Frankfurter Küche», der Urtyp der modernen Einbauküche. © Historisches Museum Frankfurt / Petra Welzel

Aber wir wollten wenigstens noch kurz das wahrhaft spannende, siebzig Quadratmeter grosse «Frankfurt Modell» der Gegenwart sehen, eine Koproduktion der Frankfurter mit dem Künstler Hermann Helle von 2015. Es gehört zur Museumsetage mit dem Titel «Frankfurt Jetzt!». Hier ist alles auf Museumspädagogik und Mitwirkung angelegt. So sammelt ein weiteres Kunstprojekt lokale Autobiografien, nachzulesen nach Anmeldung.

Das Frankfurt Modell © Historisches Museum Frankfurt / Petra Welzel

Also gut, zwei Stunden sind für dieses Museum eindeutig zu wenig. Denn es stemmt sich gegen den dominanten Trend zur inhaltlich oft mageren, dafür szenografisch aufgedonnerten Präsentation. Hier wird dagegen eher im Stile einer Wunderkammer angerichtet. Eine gewisse Unübersichtlichkeit nimmt man dafür in Kauf.

So eröffnet sich eine spannende Diskussion: Was ist heute eigentlich die Funktion eines historischen Stadtmuseums? Sicher soll es ein Ort sein für Touristen. Aber in Frankfurt scheint man zu dem Schluss gekommen, dass es noch viel wichtiger ist, der lokalen Bevölkerung eine Plattform für die regelmässige und lebendige Auseinandersetzung mit der (oder den...) eigenen Geschichte(n) zu bieten. Das funktioniert nur, wenn Ortsansässige nicht schon nach dem ersten Besuch das Gefühl haben, das Haus abhaken zu können und sich fortan nur noch für möglichst sensationelle Sonderausstellungen in Bewegung setzen. Eine auf Vertiefung angelegte Dauerausstellung in Zwiebelform, bei der sich Schicht um Schicht freilegen lässt, ist auch eine deutliche eine Absage an den zunehmend beschleunigten, erschöpfenden Museumszirkus der letzten Jahrzehnte.

Historisches Museum Frankfurt

Saalhof 1 | Frankfurt am Main

Mehr Infos zum Museum sowie Online-Angebote unter historisches-museum-frankfurt.de

Hibou Pèlerin
Seit vielen Jahren fliegt Hibou Pèlerin zu kulturhistorischen Ausstellungen. Für den Blog des Schweizerischen Nationalmuseums greift sich Pèlerin die eine oder andere Perle raus und stellt sie hier vor.

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Ein Kommentar

Ulrike Schiedermair sagt:

Sehr geehrte Damen und Herren, Sie haben mir mit Ihrem schönen Artikel sozusagen das Wort aus dem Mund genommen. Genauso, wie Sie es beschrieben haben, empfinde ich das Konzept dieses Museums. Es geht nicht ums „Abhaken“ – darüber gab es schon Streit in der Stadt, vor allem die Lehrer hätten es gerne „übersichtlicher – sondern um die Neugierde auf die „Wunderkammern“. Diese neue Unübersichtlichkeit ist doch ein Segen. Was gibt es nicht alles zu entdecken? Vielen Dank. Ihre Ulrike Schiedermair