Darstellung des Erdbebens in Basel in der «Chronicon Helvetiae» von Christoph Silberysen aus dem 16. Jahrhundert.
Aargauer Kantonsbibliothek

Das grosse Beben

Kaum hatte Basel die Pest hinter sich, begann die Erde zu beben. 1356 wurde die Rheinstadt so richtig durchgeschüttelt. Glück im Unglück: Wegen eines Vorbebens flüchteten die meisten Menschen und es gab relativ wenig Tote.

Es war ein Oktoberabend, recht warm noch, und vor der Stadtmauer grasten die Kühe. Die Sonne senkte sich über den Jurahöhen und das letzte Licht überzog die roten Sandsteintürme des Münsters mit Gold. Etwas tiefer schob sich der Rhein um die Kurve, in den Hinterhöfen schmatzten die Schweine und in den Wirtshäusern taten es ihnen die Gäste beim Abendessen gleich. Dann geschah alles gleichzeitig. Die Erde bebte, Steine krachten, Balken barsten, Häuser neigten sich und von den Stadtmauern stürzten die Zinnen. Wenig später lag Staub in der Luft, gellten Rufe durch die Gassen und über allem läutete eine ins Schwingen versetzte Kirchenglocke. Mit verschreckten Gesichtern, mit Kindern oder eilig zusammengerafftem Zeug im Arm hasteten die Menschen aus der Stadt.

Die Nacht brach ein und Feuer aus. Übergesprungen von verlassenen Herden und zerschlagenen Öllampen. Gegen Mitternacht wurde Basel von einem zweiten Beben erfasst: grösser, schwerer, heftiger als das erste. Krachend kollabierten die Münstertürme, der Chor fiel zusammen und die Stadtmauer brach an mehreren Stellen ein.

Dramatisierende Darstellung des Erdbebens in Basel des Historienmalers Karl Jauslin aus dem 19. Jahrhundert.
Wikimedia

Das Morgengrauen enthüllte die Verwüstung. Teile der Stadt lagen in Trümmern, andere brannten und dritte waren überschwemmt, weil Schutt den Birsig über die Ufer gedrückt hatte. Acht Tage dauerte es, bis die Feuer gelöscht waren – und trotzdem hatte Basel Glück. Weil das Vorbeben die Menschen aus der Stadt getrieben hatte, waren nur etwa 100 Tote zu beklagen. Für das Hauptbeben werden heute Kräfte von 6,1 auf der Richterskala oder mehr vermutet. Es soll bis nach Prag und Paris spürbar gewesen sein. Die Katastrophe hinterliess ihre Spuren in weitem Umkreis. Oberhalb von Aesch hatte sich der Fels unter der Burg «Dry Esche» gespalten und ein Teil der Feste war in die Tiefe gestürzt. Noch in Bern, im Nordelsass und im Burgund waren Gebäude beschädigt worden und am Bielersee wurde möglicherweise ein Dorf verschüttet.

Basel erlebte schwierige Zeiten. Denn nach der Pest 1349 und dem Beben 1356 suchte 1417 ein grosser Stadtbrand Basel heim. Nach so viel Unglück ist es verständlich, dass die Basler dann 1474 auf Nummer sicher gingen, als ein Hahn mitten auf der Strasse ein Ei legte. Bevor daraus ein gefährlicher Basilisk schlüpfen konnte, der die Stadt wohl vollends zerstört hätte, wurde der Hahn geköpft, seziert und mitsamt dem Ei verbrannt.

Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl

Benedikt Meyer
Historiker Benedikt Meyer ist auf historische Reportagen spezialisiert. Er schreibt unter anderem für das Reisemagazin Transhelvetica.

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