Noch heute werden einzelne Menschen stellvertretend für gesellschaftliche Probleme verantwortlich gemacht.

Sündenbock

Ob in der Frühzeit, im Mittelalter oder heute, die Gesellschaft braucht einen Sündenbock. Mit der Kanalisierung der Aggression auf ein einzelnes Opfer festigt die Gemeinschaft ihren Zusammenhalt.

Im September 2018 kam es in der Rekrutenschule der Schweizer Fliegerabwehr zu einem Vorfall. Ein Tessiner Rekrut wurde auf Befehl des Zugführers von seinen Kameraden vor laufender Handykamera «gesteinigt». Der später in den Medien kursierende Film zeigt, wie die Rekruten Nüsse und Steine auf den Rücken des Opfers werfen. Ausserdem wurde bekannt, dass der Rekrut wie auch andere bereits zuvor gedemütigt worden waren. Das Video löste eine Welle empörter Diskussionen aus. Der Mechanismus, der dem Verhalten der Rekruten und des Offiziers zu Grunde liegt, lässt sich in allen Epochen und Kulturen der Menschheit beobachten: Es ist die konforme kollektive Gewalt der Gruppe gegen einen Einzelnen. Oftmals ist dieser Einzelne bereits Aussenseiter. Die Gruppe kanalisiert ihre alltägliche Rivalität, Aggression und Gewalt auf dieses eine Opfer, um den Zusammenhalt innerhalb der Gemeinschaft zu festigen.

Rituelle Tötung von Menschen

Auslöser für die Opferung von Menschen waren in der Urzeit oftmals Krisen – akut oder drohend – wie beispielsweise eine Flut. Menschen, die keine Ahnung von geophysischen und meteorologischen Prozessen hatten, gerieten in Panik und dachten, das von der Naturkatastrophe verursachte Elend sei die Strafe einer höheren Macht. Doch wer hatte etwas verbrochen, wer hatte den Zorn der Götter verschuldet? Statt in eine Endlosschlaufe gegenseitiger Beschuldigungen abzudriften, einigt sich die Gemeinschaft in solchen Situationen bald auf wenige, projiziert auf diese die alleinige Schuld an der Krise und bestraft sie. Das Opfer versöhnt nun nicht nur die Götter, sondern auch die Gruppe selbst.

Wie universell diese Rituale sind, zeigt die Tatsache, dass sich Menschenopferungen bei allen alten Völkern feststellen lassen. In der europäischen Bronzezeit waren solche Opfer auch Kinder, wie fünf Kinderschädel, die im Umkreis einer Pfahlbauersiedlung gefunden wurden, andeuten. Dank der drei am besten erhaltenen Schädel wissen wir, dass die Kinder durch Gewalteinwirkung getötet wurden. Eine plausible Interpretation ist, dass es sich hierbei um Menschenopfer handelt.

Moderne Gewalt

In Europa verschwanden die letzten Tötungsrituale erst vor zwei- bis dreihundert Jahren. Peter Sloterdijk schreibt verblüfft: «Nichts ist an der Menschenwelt so erstaunlich wie die Fähigkeit der Zusammenlebenden, mit den Unterschieden zwischen ihnen zurecht zu kommen (…)» – er fährt allerdings mit dem Zusatz fort: «jene Momente ausgenommen, in denen sie sich, wie zur Entspannung, auch einmal eine Hetze gönnt.»

Die auf der jüdisch-christlichen Religion basierende Aufklärung setzte der rituellen Opferung von Menschen zwar ein Ende, der zugrundeliegende Mechanismus bestimmt das menschliche Zusammenleben aber noch immer. In den meisten Fällen spielt er sich heute jedoch subtil ab und endet in psychischer Gewalt – in Ausgrenzung oder öffentlicher Demütigung etwa. Wir lassen uns vom Sündenbock-Mechanismus bloss schockieren, wenn er physische Gewalt zur Folge hat, wie beim eingangs erwähnten Vorfall. Erkannt und verstanden wird der Mechanismus in der Regel nur von aussen, Täter und Opfer haben ihre Rollen verinnerlicht, so auch der betroffene Rekrut: Erst als sein Vater das Handyvideo entdeckte, wurde die Militärjustiz eingeschaltet.

Sündenbock

LANDESMUSEUM ZÜRICH

21.02. - 22.04.19

Die Ausstellung untersucht kollektive Gewalt gegen Einzelne von der Vorzeit bis in die Gegenwart. Dabei kommen urzeitliche Menschenopferungen, Lynchmorde auf dem Scheiterhaufen oder auch die Gewalt unserer Zeit zu Sprache. Ebenso thematisiert werden diejenigen Kräfte, die sich der Gewalt entgegenzustellen versucht haben wie etwa die jüdische und christliche Religion oder die Wissenschaft während der Aufklärung.

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Alexander Rechsteiner
Hat Anglistik und Politikwissenschaften studiert und arbeitet bei der Kommunikation des Schweizerischen Nationalmuseums.

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