Illustration Marco Heer

Mensch gegen Bär

Wie ein junger Homo sapiens vor rund 14'000 Jahren im Vallée du Doubs einen Bären erlegte.

Frédéric Rossi

Historiker, Verlagsleiter Infolio

Eine Bärin und ihre zwei Jungen, dort drüben am Fuss der Felswand... Der Winter ist lang gewesen im Vallée du Doubs, im Lager wäre man frischem Fleisch nicht abgeneigt und würde sich gern noch ein paar zusätzliche Felle umlegen. Grund genug für den jungen Homo sapiens – er ist etwa 20 Jahre alt – um Jagd auf die Bären zu machen. Diese Beute würde ihm die Achtung des ganzen Stammes einbringen. Es macht nichts, dass seine Jagdgefährten nicht dabei sind. Ist er nicht ohnehin der Geschickteste unter ihnen?

Braunbärin, ursus arctos, mit zwei Jungen.
Wikimedia/Carl Chapman

Aber ein Bär ist keine leichte Beute für einen einzelnen Jäger, schon gar nicht eine Bärenmutter, die ihre Jungen verteidigt. Sie richtet sich vor unserem Helden auf und brüllt. Dieser schiesst seinen besten Pfeil ab. Er durchdringt die Kehle der Bärin. Der Erfolg ist zum Greifen nah, aber es gelingt der Bärin, mit ihren Jungen in einer Felsspalte Zuflucht zu suchen. Der junge Jäger stürmt hinterher und steht bald vor einem Höhleneingang. Vorsichtig späht er hinein. Nichts. Er betritt einen grossen Raum, hoch genug, um darin aufrecht stehen zu können. Ganz hinten sieht er einen engen Durchgang, aus dem ein Knurren zu hören ist. Dort ist das Tier, verletzt und unerreichbar. Um es herauszulocken, müsste er es ausräuchern und geduldig mit dem Bogen in der Hand warten, bis es seine Schnauze aus der Ritze streckt. Aber seine Mühe ist vergeblich, auch nach langem Warten regt sich nichts. So schwer wie er getroffen wurde, ist der Bär mittlerweile bestimmt tot, und die Jungen sind am Rauch erstickt. Der furchtlose Homo sapiens hält es nicht mehr aus und zwängt sich durch den engen Spalt. Es ist stockdunkel. Da befördert ihn ein heftiger Prankenhieb ins Jenseits...

Hier traf der Pfeil des jungen Jägers den Bär.
Zeichnung: R. Wenger

Erst 1956, fast 13'000 Jahre später, entdeckte eine Gruppe Höhlenforscher die Überreste des jungen Jägers und der Tiere. Dank ausgedehnter Nachforschungen konnte man rekonstruieren, wie sich die Szene mit grosser Wahrscheinlichkeit abgespielt hatte. Bei den beiden Jungtieren bleibt aufgrund von C14-Analysen ein Zweifel über die chronologische Abfolge. Trotzdem können wir für einmal eine Geschichte lange vor der offiziellen Geschichtsschreibung erzählen. Den Bären hatte die Stadt Bern inzwischen zu ihrem Wappentier gemacht.

Schädel eines jungen, etwa 20-jährigen Homo sapiens.
Foto: Yves André, Laténium

Serie: 50 Schweizer Persönlichkeiten

Die Geschich­te einer Region oder eines Landes ist die Geschich­te der Menschen, die dort leben oder lebten. Diese Serie stellt 50 Persön­lich­kei­ten vor, die den Lauf der Schweizer Geschich­te geprägt haben. Einige sind besser bekannt, einige beinahe vergessen. Die Erzählun­gen stammen aus dem Buch «Quel est le salaud qui m’a poussé? Cent figures de l’histoire Suisse», heraus­ge­ge­ben 2016 von Frédéric Rossi und Christo­phe Vuilleu­mier im Verlag inFolio.

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