Sisi und Luigi Lucheni sind untrennbar miteinander verbunden. Illustration von Marco Heer.

Sisis Attentä­ter

Am 10. September 1898 ermordete Luigi Lucheni die österreichische Kaiserin Sisi in Genf. Nach seiner Verhaftung wollte er geköpft werden. Die Schweizer Justiz lehnte dies ab. Am Ende verlor der Anarchist seinen Kopf doch noch...

Michael van Orsouw

Michael van Orsouw

Michael van Orsouw ist promovierter Historiker, Bühnenpoet und Schriftsteller. Er veröffentlicht regelmässig historische Bücher.

Luigi Lucheni ist ein sonderlicher Mann. Eigentlich will er an diesem 10. September 1898 Prinz Henri Philippe von Orléans in Genf ermorden. Doch er verliert dessen Spur und liest in der Zeitung, dass Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn ebenfalls in Genf sei. Weil er alle Angehörigen von Königshäusern als lästige Parasiten betrachtet, ändert er seinen Plan und beschliesst, die Kaiserin zu töten. Als Kaiserin Elisabeth, besser bekannt als «Sisi», um 13.30 Uhr vom Hotel Beau Rivage in Richtung Schiffsanlegestelle promeniert, prescht Lucheni auf sie zu und rammt ihr eine spitzige, dreckige Feile in die Brust, die er schnell wieder herauszieht und flieht. Die Kaiserin geht zu Boden, rappelt sich aber wieder auf und beklagt sich über Schmerzen in der Brust. Sie ist durch die ständigen Diäten, einschnürende Korsette und durch das Stechen eines Tattoos einiges an körperlichem Schmerz gewohnt, beisst die Zähne zusammen und erreicht das Dampfschiff, das sie nach Montreux bringen soll. Aber kurze Zeit nach Abfahrt des Schiffs bricht die Monarchin auf dem Oberdeck ohnmächtig zusammen. Ihre Hofdame entdeckt Blut, das aus einer winzigen Stichwunde oberhalb der linken Brust tropft. Zwei Stunden später stirbt die Kaiserin an ihren Verletzungen.
Die Ermordung von Sisi, dargestellt auf einer Zeichnung. Wikimedia
Die Genfer Polizei sucht den Attentäter, der von Augenzeugen als kleiner, leicht untersetzter Mann mit abgetragener Kleidung und verbeultem Hut beschrieben wird. Die Beamten finden ihn dank der Mithilfe von Passanten, die den Täter festhalten, und können ihn am gleichen Nachmittag verhaften. Interessanterweise wussten die zivilen Helfer nicht, dass es sich um ein Attentat gehandelt hatte und auch nicht, dass die österreichische Kaiserin das Opfer war. Das geht aus dem Telegramm hevor, welches der Schweizer Diplomat Alfred de Claparède an Bundespräsident Eugene Ruffy schickt: «Luchini wurde von Passanten gestoppt, nicht als Mörder, sondern als Person, die einen tätlichen Angriff auf eine unbekannte Frau verübt hat.» Dass sie den Attentäter der weltbekannten Sisi geschnappt haben, werden die Passanten erst später erfahren.
Bei seiner Verhaftung scheint Luigi Lucheni «glücklich» zu sein.
Bei seiner Verhaftung scheint Luigi Lucheni «glücklich» zu sein. Wikimedia
Telegramm an Bundespräsident Eugène Ruffy, 10. September 1898.
Telegramm an Bundespräsident Eugène Ruffy, 10. September 1898. Schweizerisches Bundesarchiv
Luigi Lucheni ist italienischer Staatsbürger und hat in Chiasso, Airolo, Uetikon am See, Martigny, Salvan, Lausanne und schliesslich in Genf gearbeitet. Er ist Anarchist und Kommunist, der Angriff auf die österreichische Kaiserin ist der traurige «Höhepunkt» seines unglücklichen Lebens. Lucheni wurde unehelich geboren und von der Mutter ausgesetzt. Der Junge wuchs bei Pflegeeltern und in Heimen auf. Sobald er konnte, schlug er sich als Taglöhner durch, lebte aber immer in grosser Armut. Nach seiner Festnahme zeigt er sich merkwürdig gut gelaunt: «Ich habe sie gut getroffen, sie muss tot sein.» Im Verhör nennt er als Motiv: «Weil ich Anarchist bin, weil ich arm bin, weil ich die Arbeiter liebe und mir den Tod der Reichen wünsche.» Für einen Revolver oder einen Dolch hat ihm das Geld nicht gereicht, weshalb er sich mit der Feile begnügte, die auf drei Seiten geschliffen war.
Mit dieser Feile ermordete Luigi Lucheni die österreichische Kaiserin.
Mit dieser Feile ermordete Luigi Lucheni die österreichische Kaiserin. Wikimedia
Deckblatt der Polizeiakte von Luigi Lucheni.
Deckblatt der Polizeiakte von Luigi Lucheni. Schweizerisches Bundesarchiv
Luigi Lucheni ist stolz auf seine Tat und nennt sich «Wohltäter der Menschheit». Er erhält sogar Fanpost: «Diese Frau war durch ihre Geburt schon verbrecherisch. Sie hat niemals gearbeitet! Sie wollte nie arbeiten! Sie hat immer herrschen wollen. Sie ist schändlich.» Aus dem Gefängnis St. Antoine in Genf bittet der Attentäter um eine Verlegung nach Luzern, weil er auf seine Enthauptung hofft, die ihm noch mehr Publizität verschaffen würde. Der Kanton Genf hat die Todesstrafe abgeschafft, im Gegensatz zum Kanton Luzern, nach dessen Gesetzen er deshalb verurteilt werden möchte. Sein Antrag wird vom Bundesrat am 16. September jedoch abgelehnt.
Auszug aus dem Protokoll der Bundesratssitzung vom 16. September 1898.
Auszug aus dem Protokoll der Bundesratssitzung vom 16. September 1898. Schweizerisches Bundesarchiv
Bereits am 10. November folgt das Urteil gegen Lucheni: Er muss lebenslänglich ins Gefängnis. Zwölf Jahre hält er durch. Dann erhängt er sich am 19. Oktober 1910 mit einem Gürtel in seiner Zelle. Bis heute ist nicht ganz geklärt, ob der Italiener wirklich alleine gehandelt hat, oder von anderen Personen oder gar einem anarchistischen Netzwerk unterstützt wurde. Bereits im Telegramm von Alfred de Claparède, das sich auf Angaben der Polizei stützt, ist von zwei weiteren Personen die Rede: «Der Mörder wurde mit zwei weiteren Personen gesehen.» Auch Untersuchungsrichter Charles Léchat glaubte dies, steht aber mit dieser Ansicht alleine da. Vielleicht auch, weil die Schweiz wegen ihrer liberalen Haltung gegenüber politischen Aktivisten in der Kritik steht und den Fall so schnell wie möglich abschliessen will.
Das wahrscheinlich letzte Bild von Sisi (links). Die Kaiserin spaziert am 10. September 1898 gemeinsam mit Gräfin Irma Sztáray durch Genf.
Das wahrscheinlich letzte Bild von Sisi (links). Die Kaiserin spaziert am 10. September 1898 gemeinsam mit Gräfin Irma Sztáray durch Genf. notrehistoire.ch / Bibliothèque de Genève

Kopf aufgesägt, Hirn untersucht

Nun folgt der unappetitliche Teil der Geschichte: Die Enthauptung, um die der Attentäter 1898 gefleht hatte, findet nun doch noch statt. Nur nicht auf dem Schafott, sondern auf dem Operationstisch. Der Genfer Professor Louis Mégevand ist ein Anhänger der Phrenologie, die menschliche Eigenschaften durch Untersuchungen von Hirnen abzuleiten versucht. Dieser Professor interessiert sich brennend für das Innenleben des Mörders Lucheni, deshalb trennt er beim Verstorbenen den Kopf vom Körper und sägt Luchenis Schädeldecke auf, um nach abnormen Gehirnwindungen zu forschen. Zu seiner Enttäuschung findet er nichts Auffälliges. Während der Körper des Mörders auf dem Gefängnisareal in Genf beerdigt wird, kommt dessen wieder zusammengenähtes Haupt in die Sammlung des Gerichtsmedizinischen Instituts in Genf. Der Kopf des Attentäters liegt dort während Jahrzehnten als in Formaldehyd eingelegtes Präparat. 1985 wird der Glasbehälter nach Wien gebracht, allerdings mit der Auflage, dass die gruselige Reliquie nicht öffentlich ausgestellt werden darf. Endlich findet im Februar 2000 das bizarre Hin und Her ein Ende: Der Schädel Luchenis wird in aller Stille auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt – genau acht Kilometer von der Kaisergruft entfernt, wo sich der Sarkophag von Kaiserin Elisabeth befindet.
TV-Beitrag über Luigi Luchini. SRF

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