Fingerring mit dem Abbild von König Georg III.
Fingerring mit dem Abbild von König Georg III. Der Ring war ein Geschenk von Josiah Wedgwood, Begründer der nach ihm benannten Porzellanmanufaktur, an seinen Mitarbeiter und Freund den Bildhauer J. Flaxman. Schweizerisches Nationalmuseum

Wenn Industrie auf Kunsthand­werk trifft…

Es ist schon erstaunlich, was ein Fingerring so alles erzählen kann. Beispielsweise die Lebensgeschichte von Josiah Wedgwood, der die Töpferei im 18. Jahrhundert zu einer Kunstform erhob und auch vor der Industrialisierung nicht zurückschreckte.

Beatriz Chadour-Sampson

Beatriz Chadour-Sampson

International anerkannte Schmuckhistorikerin aus England. Ihre Publikationen reichen von der Antike bis in die Gegenwart, wie beispielsweise 2000 Fingerringe der Alice und Louis Koch Sammlung, Schweiz (1994), für die sie als Beraterin des Schweizerischen Nationalmuseums tätig ist.

In der Sammlung Alice und Louis Koch befindet sich ein englischer Goldring mit einer von Diamanten umrahmten Porträt-Kamee aus Jasperware von König Georg III. (1738–1820). Auf den ersten Blick wirkt das Design geradlinig, klassisch-elegant, doch auf den zweiten Blick entfaltet sich eine faszinierende Geschichte rund um industrielles Talent und Innovationskraft, die Geschäftswelt im 18. Jahrhundert und eine Freundschaft in den Anfängen der industriellen Revolution. Eine persönliche, in die Unterseite des Ringkopfes eingravierte Inschrift, verleiht dem Ring seine spezielle Bedeutung: «Josiah Wedgewood/to his ed fd/J. Flaxman, 1786» (Josiah Wedgwood für seinen geschätzten Freund John Flaxman, 1786). Die Inschrift zeugt von einer engen Freundschaft zwischen einem einflussreichen Unternehmer und einem gefeierten Bildhauer, Künstler und Designer.
Fingerring von Josiah Wedgwood, Begründer der nach ihm benannten Porzellanmanufaktur, an seinen Mitarbeiter und Freund den Bildhauer J. Flaxman, 1786.
Fingerring von Josiah Wedgwood, Begründer der nach ihm benannten Porzellanmanufaktur, an seinen Mitarbeiter und Freund den Bildhauer J. Flaxman, 1786. Schweizerisches Nationalmuseum / Sammlung Alice und Louis Koch
Josiah Wedgwood (1730–1795) entstammte einer Töpferfamilie in Burslem, das heute Teil der Stadt Stoke-on-Trent in Staffordshire ist und angelehnt an das wichtigste Gewerbe in diesem Gebiet den Übernamen «the Potteries» (die Töpfereien) trägt. Nach einer kurzen Partnerschaft 1754 mit dem Töpfer Thomas Whieldon aus Staffordshire, beschloss Wedgwood 1759, ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Er war nicht nur Designer und Handwerker, sondern auch ein Wegbereiter neuer Tonbearbeitungstechniken und erhob so die Töpferei vom Handwerk zur Kunstform. Seine Ware zog die Aufmerksamkeit des aufstrebenden wohlhabenden Mittelstandes auf sich, war weltweit erfolgreich und stellten eine harte Konkurrenz für die anderen Töpfereien und Porzellanhersteller in ganz Grossbritannien und Europa dar.
Porträt von Josiah Wedgwood, 1806.
Porträt von Josiah Wedgwood, 1806. Wikimedia
Nachdem Wedgwood eine Partnerschaft mit seinem engen Freund, dem Liverpooler Kaufmann Thomas Bentley, eingegangen war, konnte er sein Geschäft 1768 erweitern. 1769 eröffnete er die berühmte Fabrik Etruria Works auf einem neu gekauften Gelände in Staffordshire. Der Name und das Logo Artes Etruriae Renascuntur (die Künste von Etruria werden wiedergeboren) waren von der 1767 veröffentlichten, berühmten Sammlung bemalter Vasen, die einst Sir William Hamilton (1730–1803) gehörte, inspiriert. Letzterer war britischer Diplomat im Königreich Neapel und beider Sizilien. Die Sammlung wurde 1772 an das British Museum verkauft. In der Publikation waren die bemalten Vasen fälschlicherweise als etruskisch bezeichnet worden – heute ist bekannt, dass sie aus dem antiken Griechenland stammen.
Vase «Apotheosis of Homer» aus der Manufaktur von Josiah Wedgwood, entworfen von John Flaxman, um 1785.
Vase «Apotheosis of Homer» aus der Manufaktur von Josiah Wedgwood, entworfen von John Flaxman, um 1785. Wikimedia
Wedgwood beschäftigte viele Maler und Modelleure – der berühmteste unter ihnen war der Bildhauer John Flaxman (1755–1826), der nach einer Kindheit inmitten von Modellen und Gipsabgüssen seines Vaters in dessen Werkstatt im Bezirk Covent Garden an der Royal Academy in London studiert hatte und 1775 im Alter von 19 zur Wedgwood-Fabrik kam. Flaxman modellierte die Figuren und Szenen der antiken Hamilton-Vasen neu und passte sie an den neoklassizistischen Geschmack der damaligen Zeit an. Sein bemerkenswertestes Werk war das um 1778 geschaffene Relief «Apotheose des Homer». Seine Zeichnungen, Modelle und Reliefe wurden auf «Black Basalt»-Waren übertragen – eine von Wedgwood entwickelte neuartige, schwarze Keramik mit feiner Oberfläche – und zuweilen mit roter und weisser Enkaustik-Malerei verziert, um die rotfigurigen Vasen aus dem alten Griechenland zu imitieren. Später wurden die Vorlagen auf Jasperware übertragen. Dabei handelte es sich um eine immens erfolgreiche Erfindung Wedgwoods mit Szenen in weissem Relief auf blauem, grünem, fliederfarbenem, gelbem oder schwarzem Hintergrund. Wedgwood führte von 1771 bis 1774 weit mehr als 5000 Versuche zur Perfektionierung dieser neuen Keramik durch, die er nach dem Schmuckstein Jaspis (engl. «jasper») benannte. Die berühmteste Wedgwood-Jasperware ist zweifellos die blaue Ausführung, wie sie hier auf dem Porträt-Kamee-Ring zu sehen ist. 1787 hatte Flaxman genug Geld für eine Studienreise nach Italien zusammengetragen. Die Reise dauerte sieben Jahre, während derer er weiterhin seine Designs an Wedgwood schickte, der ihn während seiner gesamten Laufbahn unterstützte. Wahrscheinlich hatte Flaxman den Ring 1786 als Abschiedsgeschenk erhalten, bevor er zu seinem Abenteuer in Italien aufbrach.
Porträt von John Flaxman, gemalt von Henry Howard.
Porträt von John Flaxman, gemalt von Henry Howard. Wikimedia
Wedgwood stand im Hinblick auf die technologischen Entwicklungen in seiner Branche an vorderster Front: Er erfand eine Art Ton-Pyrometer, ein Gerät zur Messung hoher Temperaturen, und war 1782 einer der ersten Hersteller, die Dampfmaschinen in ihren Fabriken nutzten. Er war mit dem Industriellen Matthew Boulton (1728–1809) aus Birmingham befreundet, einem Designer und Erfinder und ebenso erfolgreichen Geschäftsmann wie Wedgwood. Gemeinsam mit James Watt hatte Boulton die «Boulton & Watt»-Dampfmaschine entwickelt, welche die Integration von Maschinen in Fabriken ermöglichte und durch die Revolutionierung des Transportwesens und der Industrie weltweit zur treibenden Kraft der industriellen Revolution wurde.
Porträt von Matthew Boulton, 1801.
Porträt von Matthew Boulton, 1801. Wikimedia
Zuvor war Boulton ein Spielzeugmacher in Birmingham gewesen und hatte Knöpfe, Schnallen sowie Besteck aus sogenanntem «Cut-Steel», eng vernieteten oder verschraubten Stahlknöpfen auf Metallplatten, hergestellt. Er erkannte, dass dieses Material durch den Schliff der Stahlknöpfe zur Imitierung von Edelsteinglanz das Potenzial für die Schmuckherstellung barg. Er arbeitete mit Wedgwood zusammen, der dekorative Medaillons aus Jasperware vertrieb. Die beiden Männer waren Mitglieder der Lunar Society of Birmingham (etwa «Mond-Gesellschaft»), einer Gruppe von Unternehmern, Erfindern, Ärzten und Idealisten, die sich als experimentierfreudige Laien mit einer gemeinsamen Leidenschaft für Wissenschaft einmal im Monat trafen, und zwar jeweils an jenem Montag, der dem Vollmond am nächsten lag.
Die glänzende Seite der Zusammenarbeit von Boulton und Wedgwood: Edler Knopf aus «Cut-Steel», um 1800.
Die glänzende Seite der Zusammenarbeit von Boulton und Wedgwood: Edler Knopf aus «Cut-Steel», um 1800. V&A Collections
Wie einige andere Mitglieder der Lunar Society widmete auch Wedgwood sich den Fragen der gesellschaftlichen Verantwortung. Er engagierte sich ab 1787 bis zu seinem Tod im Jahr 1795 aktiv in der Bewegung für die Abschaffung der Sklaverei. Er bat einen seiner talentiertesten Künstler, William Hackwood, eine Kamee für das Siegel der Society for Effecting the Abolition of the Slave Trade (Gesellschaft zur Abschaffung der Sklaverei) zu modellieren, die einen knienden schwarzen Mann in Ketten sowie die Inschrift «Am I not a man or a brother?» (Bin ich nicht ein Mensch und ein Bruder?) zeigte. Es wird geschätzt, dass Wedgwood mehr als 15’000 dieser Kameen für Knöpfe, Schmuck und Schnupftabakdosen hergestellt hat. Das Design wurde auch über die Grenzen Grossbritanniens hinaus zu einem Symbol der Bewegung gegen die Sklaverei. Das Bild erinnert an die Geste des Kniebeugens im Rahmen der aktuellen internationalen Menschenrechtsbewegung Black Lives Matter.
Kamee mit einer klaren Botschaft: Die Abschaffung der Sklaverei. Hergestellt um 1787.
Kamee mit einer klaren Botschaft: Die Abschaffung der Sklaverei. Hergestellt um 1787. V&A Collections
Weniger bekannt ist die Tatsache, dass Wedgwood als erster Industrieller gilt, der Werbemöglichkeiten wie Ausstellungsräume in London sowie einen gedruckten Katalog seiner Waren umfassend nutzte. Er pflegte den Glaubenssatz der «Verbreitung guten Geschmacks durch die Künste» und sein Einfluss hielt lange an. Jasperware von Wedgwood und viele Desings von John Flaxman werden noch heute produziert. Die Archive und Sammlungen der Wedgwood-Fabrik wurden für die Öffentlichkeit erhalten und sind unter dem Namen V&A Wedgwood Collection bekannt. Derzeit sind sie als Dauerleihgabe im Wedgwood Museum in Barlaston, Stoke-on-Trent, zu sehen.

Die Sammlung

Die Ausstellung zeigt über 7000 Exponate aus der eigenen Sammlung und beleuchtet das handwerkliche und kunsthandwerkliche Schaffen der Schweiz über einen Zeitraum von rund 1000 Jahren. Die Ausstellungsräume sind ebenfalls wichtige Zeitzeugen und verbinden sich mit den Objekten zu einer historisch dichten Atmosphäre, die ein tiefes Eintauchen in die Vergangenheit erlaubt.

Weitere Beiträge

Adresse & Kontakt
Schweizerisches Nationalmuseum
Landesmuseum Zürich
Museumstrasse 2
Postfach
8021 Zürich
info@nationalmuseum.ch
www.nationalmuseum.ch

Design: dreipol   |   Realisation: whatwedo
Schweizerisches Nationalmuseum

Unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums sind die drei Museen – Landesmuseum Zürich, Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis vereint.