Sturmhaube, Ende 16. Jahrhundert, vermutlich getragen von Hans Conrad von Werdmüller, General des Ostschweizer Tagsatzungsheers im Bauernkrieg.
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Abrechnung mit den «Herrgotts Lumpen»

Das hat es in der Eidgenossenschaft weder vorher noch nachher je gegeben. Untertanen aus mehreren Orten erheben sich bewaffnet und koordiniert gegen die Obrigkeit. Das wird zu einer Tragödie sondergleichen.

Anfang Mai 1653 wird immer deutlicher, was auf dem Spiel steht. Wenn ein Bauer ausscheren will, werden ihm von den eigenen Leuten die Kühe weggetrieben und die Vorräte beschlagnahmt. Allenfalls werden ihm Bart und Haare abgeschnitten, oder man fordert ihn auf, sein eigenes Haus zu verlassen. Wer Geheimnisse verrät, dem werden die Ohren durchbohrt. Ein Terrortrupp von dreissig Aufständischen durchstreift das Land und trägt offen Folterinstrumente zur Schau. An der Landsgemeinde von Huttwil werden solche Exzesse verboten und weitere Beschlüsse gefasst.

Die Schlinge wird enger gezogen

Die Boten der Regierungen sollen zurückgehalten werden, um Absprachen der Obrigkeiten zu verhindern. – Die Zölle auf dem Lande sind weiterhin zu entrichten, doch wie vor alter Zeit! – Die Zufuhr von Lebensmitteln in die Städte wird gestoppt. – Jedes Bundesmitglied soll dem andern bei Bedarf beistehen, wie es auch in den eidgenössischen Bünden steht. Und vor allem: Ohne Wissen und Zustimmung der Bauernausschüsse darf niemand einen separaten Vergleich mit seiner Obrigkeit eingehen. Diese Abmachung wird bald darauf missachtet. Das Unheil nimmt seinen Lauf.

Wer ist oben, wer unten? 1651 verlangen Luzerner Stadtbürger Anteil an der Macht, von der sie zunehmend ausgeschlossen werden. Ein Zusammengehen mit den Aufständischen verweigern sie aber. «Es schicke sich nit, sy syent burger, unnd die anderen buren.»
Illustration: Ludwig Suter, Beromünster

Einigung im letzten Moment?

Vier Tage nach dem Huttwiler Bundesschwur stellen die Bauern den Obrigkeiten von Bern und Luzern ein Ultimatum. Beide Regierungen lehnen ab, also stehen die Bauern nach weiteren vier Tagen vor den Stadtmauern: Leuenberger mit 16'000 Mann vor Bern, auf dem Murifeld, Emmenegger mit den Entlebuchern vor Luzern. Die Herren, überrumpelt, unvorbereitet, erkennen den Ernst der Lage und bieten sofort Verhandlungen an.

«Das divide et impera gelten ze machen»

Ohne Absprache mit den «Puntsbrüedern» in Luzern, Basel und Solothurn schliesst Niklaus Leuenberger für die Berner Bauern einen separaten Frieden – entgegen aller Abmachung! Die Kräfte zu vereinen, grenzüberschreitend, das ist der Trumpf der Untertanen. Aber genau diesen Trumpf verspielen sie auf dem Murifeld: Der eidgenössische Bauernbund wird preisgegeben, ebenso das Recht auf eigene Landsgemeinden. Die Berner Aufständischen verpflichten sich, die Waffen niederzulegen. Im Gegenzug verspricht die Berner Regierung eine allgemeine Amnestie und eine Vergütung von 50‘000 Pfund an die Kriegskosten der Untertanen. Dazu sollen die Steuern gesenkt werden.

Hier Gutgläubigkeit: Die Bauern ziehen noch am gleichen Morgen ab. Dort Kriegslist: Die Obrigkeit hat ihr Ziel mit einer «grossen falscheri» erreicht. Teile und herrsche – divide et impera. Angesichts dieser Entwicklung kommt es auch in Luzern zu einer separaten Übereinkunft. Der Bauernbund war eine Macht. Auseinanderdividiert, sind die Bauern bald ohnmächtig.

Niklaus Leuenberger 1615–1653 von Rüderswil BE, Obmann der Bauern
Bild: Wikimedia commons

Dreiviertelharnisch, vermutlich von Hans Conrad von Werdmüller, General des Ostschweizer Tagsatzungsheers 1653.
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

«Meisterstück zynischer Macht- und Gewaltpolitik»

Was jetzt folgt, stinkt zum Himmel. In Zürich hat sich ein Tagsatzungsheer gesammelt und zieht gegen Mellingen, wo nach der Niederlage der Bauern ein ähnlicher Friede unterzeichnet wird wie auf dem Murifeld. Ein zweites Heer aus der Waadt – ein Untertanenland wie das Emmental oder das Entlebuch – trifft zur Unterstützung der Berner Regierung ein. Der Schreck ist überstanden, die Herren sind wieder im Sattel. Sie erklären den eben geschlossenen Vertrag vom Murifeld für gegenstandslos und hetzen ihre kampfbereiten Truppen auf die eigenen Untertanen. Eine skrupellose Überreaktion wird zur brutalen Vergeltung. Selbst Zürichs Bürgermeister Johann Heinrich Waser verurteilt diesen Racheakt. Es gebühre sich nicht, «dass eine Obrigkeit rach üebe mit zurücknemmen des obrigkeitlichen worts».

«Unternährer und Hinterueli, die letzten freien Entlibucher». Mit Schwert und Steinblöcken wehren sich die zwei Tellen auf dem Dach einer Alphütte gegen eine Übermacht mit Gewehren. Auch die Verstärkung oben rechts lässt am Ausgang des Kampfes keinen Zweifel. Disteli-Kalender 1840.
Bild: Kunstmuseum Olten, Disteli-Katalog 1977, 36.

«Gleich wie zu Tellen Leben, also tut‘s jetzt hergohn»

Das 1653 entstandene Entlebucher Tellenlied ist eine einzige Anspielung auf die Befreiungstradition, wie sie um 1470 im Weissen Buch von Sarnen aufgezeichnet wurde. «Stönd zsamen, haltet fest! Verachtet Herrenpossen und schüchet fremde Gäst! Thüend‘s ussem Land verjagen alsbald mit gwehrter Hand.» Die Tellsgeschichte wird 1653 gleich von drei Tellen in ihren historischen Kostümen leibhaftig verkörpert. In der Folge wird aus dem fiktiven theatralischen Auftritt ein reales physisches Attentat. Die drei Tellen verüben bei der Zinggenbrücke zwischen Hasle und Schüpfheim einen blutigen Anschlag. Ziel ist die Luzerner Ratsdelegation, die am Schwörtag in die Stadt zurückkehrt. Dabei wird Zeugherr Caspar Studer getötet, Schultheiss Dulliker verwundet.

Daraufhin schickt die Obrigkeit ein Greifkommando von 40 Soldaten ins Entlebuch. Vier Monate nach der Kapitulation und den Hinrichtungen flammt der Widerstand der Bauern nochmals auf, wird von weiteren 500 Söldnern der Regierung aber bald gebrochen. Ein Denunziant kann den 200 Gulden Kopfgeld nicht widerstehen. Er verrät das Versteck der Tellen. Zwei von ihnen werden «wie Vögel» vom Dach geschossen, der Dritte kann fliehen, wird ebenfalls verraten, gefangengenommen und hingerichtet. Sein abgeschlagener Kopf wird ans Basler Tor genagelt, Richtung Entlebuch, sein Körper aufs Rad geflochten. Die Hinrichtungsstätte steht vor der Stadt, beim Zusammenfluss von Emme und Reuss, Untertanengebiet, im «Gaugewäudli». Die Obrigkeit lässt die Häuser der Tellen dem Erdboden gleichmachen. Verbrannte Erde, verbrannter Aufstand.

Reaktionär oder revolutionär?

Die Untertanen berufen sich 1653 auf die Altvorderen, wenn sie sich zur Wehr setzen gegen neue Vorschriften, neue Steuern, neue Bussen, neue Beschwernisse. Sie wollen die alten Zustände wieder haben. Das ist sozusagen reaktionär, allerdings nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite besagt das komplette Gegenteil: Hätten sich die Untertanen mit dem «landesweiten» Bauernbund, dem Versammlungsrecht und weiteren politischen Forderungen durchgesetzt, wären die Herrschaftsverhältnisse in der Eidgenossenschaft auf den Kopf gestellt worden. Kein Wunder, dass 1653 in einem Schreiben aus Zürich der Begriff «Revolution» auftaucht – erstmals in der Geschichtsschreibung in ganz Europa!

→ Geschichte lebt von unterschiedlichen Standpunkten. Haben Sie Interesse an der Perspektive von Mareili, der Frau von Fridli Buecher? Sie sind freundlich eingeladen: morgen zur gleichen Zeit am gleichen Ort.

«Min arme Bauernzüttel»

In mehreren Wochenserien präsentiert der Historiker Kurt Messmer den Weg der Schweiz vom Feudalismus in die Demokratie.

Das historische Thema dieser Woche: Der Bauernkrieg von 1653! Dieser Aufstand droht die Herrschaftsverhältnisse in der Eidgenossenschaft auf den Kopf zu stellen.

Montag:
Was beginnt, hat immer vorher schon begonnen
Nach dem Dreissigjährigen Krieg ist vor dem Bauernkrieg. Fette Gewinne verlocken die Untertanen zu hoher Verschuldung. Die Nachkriegsdepression wird verschärft durch neue Steuern und hohe Bussen.

Dienstag:
«Von wegen ganzen Batzen ist dieser Krieg herkon»
Nach einer verlustreichen Abwertung proben die Untertanen den Aufstand, grenzüberschreitend. Bald werden die politischen Forderungen wichtiger als die wirtschaftlichen.

Mittwoch:
Unerhört: Bauernbund gegen Herrenbund!
Das Epizentrum des Aufstands ist das Entlebuch. Was die vereinigten Bauern im Huttwiler Bundesbrief fordern, ist für diese Zeit unerhört, europaweit.

Donnerstag:
Abrechnung mit den «Herrgotts Lumpen»
Teile und herrsche: Mit Lug und Trug hebeln die Herren den revolutionären Bauernbund aus. Danach lassen sie den Aufstand brutal niederschlagen.

Freitag:
Das letzte Wort hat «der uf der blauwen dillen»!
Grausame Hinrichtungen sollen weiteren Aufständen vorbeugen. Trotz der Niederlage der Untertanen kann die Obrigkeit nach 1653 nicht schalten und walten, wie sie will.

Kurt Messmer
(*1946) von Emmen LU war Fachleiter Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Luzern und Lehrbeauftragter für Geschichtsdidaktik an der Universität Freiburg CH; seither freischaffender Historiker mit Schwerpunkt Geschichte im öffentlichen Raum.

Kategorien

Sharing is caring
Share on Facebook
Facebook
Tweet about this on Twitter
Twitter
Share on LinkedIn
Linkedin
Email this to someone
email

Ihr Kommentar





Ein Kommentar

Andri Florin sagt:

Die Bauern haben, im Vergleich zu anderen Ländern, in der alten Eidgenossenschaft dennoch einen besseren Stand behalten können, gerade auch in Bern. Man kann von einem ‚Bauernadel‘ sprechen, die Aufstände sind doch glimpflich abgelaufen, es hätte weit schlimmer enden können. Vielleicht ist das auf die härteren Lebensbedingungen zurückzuführen und dass der Bauer hier ein Allrounder sein musste wegen der komplexen Ansprüche in der Berglandwirtschaft. In Graubünden war alles nochmals anders: pur suveran und Walserfreiheit.